In diesem Sinne ist die Jugend das Alter der Poesie, die Zeit, wo dieselbe ihre Schätze sammelt, nicht aber, wie Einige glauben, die, wo sie davon Gebrauch machen kann. Sie weiß nichts mit dem lautern Golde anzufangen, welches um sie herum gehäuft ist. Aber laßt die Zeit kommen und ihr Stück um Stück entreißen, dann fängt sie eben, indem sie derselben die Beute streitig macht, an zu begreifen, was sie besaß; aus dem Verluste erkennt sie ihren Reichthum, aus dem Schmerze die entschwundenen Freuden. Dann schwillt das Herz, die Einbildungskraft entflammt sich, der Gedanke reißt sich los und schwingt sich zu den Wolken... dann singt Virgil!
Doch was soll man zu jenen unbärtigen Poeten sagen, die in jenem Alter singen, wo, wenn sie wahrhaft Poeten waren, ihr ganzes Sein nicht zureichte, um zu empfinden, sich in der Stille an jenen Düften zu berauschen, die sie einzig und allein später in ihre Verse ausströmen können.
Es gibt frühreife Mathematiker, wie Pascal beweist; aber Poeten, nein. Ein sechzigjähriger Homer ist weit denkbarer als ein Lafontaine als Kind. Vor zwanzig Jahren können wol einzelne Schimmer durchbrechen, allein vor diesem Alter und noch drüber hinaus hat kein poetischer Genius seine Reife erreicht. Viele freilich strecken ihre Flügel weit eher aus: schwacher Aufflug, rascher Fall; dafür, daß sie zu zeitig den Flug unternahmen, liegen sie bald auf dem Boden. Zeitungen, Coterien, das ist euer Werk, hebt sie nun auch wieder auf!
Lafontaine verkannte sich sehr spät noch, vielleicht gar sein ganzes Leben; doch ist das nicht eben sein Geheimniß? Leset, ich bitte euch, seine Vorreden. Kann er's glauben, daß er ein besserer ist, als alle Welt? Und das ist keine Bescheidenheit; er hatte einzig und allein nicht Eitelkeit genug, um bescheiden zu sein; es ist einfache, ungekünstelte Natur, reine Gutmüthigkeit. Er singt, weil's ihm Vergnügen macht, nicht weil er sich den Beruf beilegt, nicht weil er's sich zur Aufgabe gemacht hat; er singt und von seinen Lippen fließt der Strom der Poesie.
Er war dumm, wie man weiß. Er überredete sich, daß Phädrus sein Meister wäre; er vergaß Ludwig den Großen zu loben; ohne daran zu denken, beleidigte er die Marquis und blieb deshalb ohne Unterstützungen. In der That, ein großer Tropf im Vergleich mit so vielen geistreichen Poeten!
Als ich Bücher und Hefte hatte verschwinden lassen, kam ich doch ein wenig in Verlegenheit, was denn nun beginnen? Indem ich darüber nachsann, ließ sich seitwärts im Zimmer ein Geräusch vernehmen. Ich sah durch's Schlüsselloch: es war die Katze aus der Nachbarschaft, welche mit einer ungeheuern Ratte Krieg führte.
Anfangs nahm ich Partei für die Katze, die zu meiner Freundschaft gehörte, und ich erkannte, daß der Beistand meiner Wünsche ihr nicht unnütz sein dürfe, denn schon war sie an der Schnauze verwundet und griff ihren beherzten Gegner nur noch zaghaft an. Als ich indeß einige Minuten lang dem Kampfe zugeschauet hatte, begann der Muth und die Gewandtheit der Schwächern angesichts eines so schrecklichen Feindes meine Theilnahme zu erregen, so daß ich beschloß, durchaus parteilos zu verharren.
Allein bald erfuhr ich, daß es gar schwer ist, parteilos zu bleiben, das heißt, gleichgiltig zwischen Katze und Ratte; zumal als ich bemerkte, daß Ratte und ich in Betreff der Elzevirs eines Sinnes waren. Traun! das Thier hatte sich in dasselbe Loch verschanzt, welches seine Zähne im Schooße eines dicken auf der Erde liegenden Folianten gegraben hatten. Ich beschloß die Ratte zu retten und that einen gewaltigen Fußtritt gegen die Thüre, um den Kater zu erschrecken; dies gelang mir so vortrefflich, daß das Schloß aufsprang und die Thür sich öffnete.