Es gab nichts mehr drinnen als den Folianten: der Feind verschwunden, von meinem Schützling keine Spur. Ich aber befand mich nichts desto weniger in bedenklicher Lage.
Dies Zimmer enthielt einen Theil der Bibliothek meines zur Zeit abwesenden Oheims; eine stäubige Rumpelkammer, ringsum mit alten Scharteken angefüllt. In der Mitte eine zerfallene Elektrisirmaschine und einige Kasten voll Mineralien, gegen das Fenster zu ein alterthümlicher Lehnstuhl. Der Bücher wegen hielt man dies Zimmer stets verschlossen, nämlich damit ich nicht hineingeriethe. Mußte Herr Ratin davon reden, so geschah's geheimnißvoll und wie von einem verrufenen Orte. Unter solchen Umständen kam der Zufall meiner Neugierde ausgezeichnet zu Hilfe.
Ich wollte Physik treiben, aber die Maschine ging nicht und ich machte mich über die Mineralogie; von hier aus gerieth ich auf den Folianten. Die Ratte hatte großartig darin gearbeitet; vom Titel las man nichts mehr als Dictio... Ein Dictionnaire! dachte ich, nun das Buch ist doch eben nicht gefährlich. Was für ein Wörterbuch?... Ich öffnete den Band. Oben auf der Seite stand der Name eines Frauenzimmers; darunter krauses Zeug mit Latein dazwischen; unten Anmerkungen. D'rin war von Liebe die Rede.
Auf den ersten Blick war ich sehr überrascht. In einem Wörterbuch! wer hätte das gedacht! Von Liebe in einem Wörterbuch! Ich konnte gar nicht davon abkommen. Die Folianten haben aber ihr Gewicht, ich ging also und setzte mich in den Lehnsessel neben das Fenster und kümmerte mich für den Augenblick nicht im mindesten um die prächtige Landschaft, welche der Fensterrahmen einschloß.
Der besagte Name war Heloise. Sie war eine Frau und schrieb Latein, sie war eine Aebtissin und hatte einen Liebhaber! Meine Gedanken verwirrten sich bei diesen sonderbaren Widersprüchen. Eine Frau und auf lateinisch lieben! Eine Aebtissin und einen Geliebten haben! Ich sah es ein, daß ich's mit einem abscheulich schlechten Buche zu thun hatte, und der Gedanke, daß ein Lexicon sich mit dergleichen Geschichten befassen könne, verringerte meine bisherige Achtung für diese Gattung gemeinlich so ehrsamer Bücher. Es war etwa, als wenn Herr Ratin, mein Lehrer, als wenn Mentor auf einmal anhübe den Wein und die Liebe, die Liebe und den Wein zu singen.
Indeß legte ich keineswegs das Buch bei Seite, wie ich hätte thun sollen, sondern im Gegentheil, von diesen ersten Angaben angezogen, las ich den Artikel, und immer mehr angezogen, las ich die Noten, las ich das Latein. Es gab wunderliche Dinge darin und mancherlei Rührendes, mancherlei Geheimnißvolles; aber ein Theil der Geschichte fehlte. Jetzt war ich nicht mehr für die Ratte, und es schien mir, daß die Sache der Katze in mancherlei Hinsicht weit eher Beistand verdiente.
In so verstümmelten Bänden ist just immer das Fehlende, was einem am wissenswürdigsten scheint. Die Lücken reizen die Neugierde weit mehr, als ganze Seiten sie zu stillen vermögen. Ich komme selten in die Versuchung einen Band zu lesen, aber ich mache die Düten immer auseinander, um sie zu lesen, und finde so, daß es weit weniger jammervoll für ein Buch ist, beim Krämer zu enden, als bei dem Buchhändler zu verkommen.