Heloise lebte im Mittelalter. Das ist eine Zeit, die ich mir voll Klöster, Zellen und Glocken denke, mit hübschen Nonnen und bärtigen Mönchen, waldigen Gegenden mit der Aussicht über Seen und Thäler, ein Bild, etwa wie von Pommiers und seiner Abtei am Fuße des Berges Salève. Ich kann mir einmal das Mittelalter nicht anders vorstellen.
Jenes Mädchen war die Nichte eines Canonicus, ein hübsches frommes Kind, in meinen Augen nicht minder reizend durch ihre angeborene Anmuth als durch das geistliche Gewand, in dem ich sie mir vorstellte. Ich hatte zu Chambéry die Schwestern vom Herzen Jesu gesehen und malte mir nach diesem Muster alle Nonnen, alle frommen Schwestern und wenn es Noth that, auch die Päpstin Johanna.
Zur Zeit da Heloise in der Stille tiefer Einsamkeit mit der züchtigen Anmuth, mit unbewußten Reizen aufblühete, sprach man allenthalben von nichts als von einem berühmten Gelehrten, Namens Abälard. Er war jung und weise, von unermeßlichem Wissen und durchdringendem Verstande. Sein Antlitz gewann eben so sehr als seine Worte, seine Schönheit kam seinem Ruhme gleich und vor seinem Namen erbleichten alle anderen. Abälard hielt in der Schule Streitreden über Fragen, die damals im Schwunge waren, und in diesen Wettkämpfen hatte er alle seine Gegner niedergeschmettert, vor den Augen der Menge, vor den Augen der Frauen, die sich auf die Bühne drängten, um die Reize des schönen Kämpfers zu schauen.
Unter dieser Menge befand sich die Nichte des Canonicus. Das Mädchen mit dem ausgezeichneten Geiste, mit dem glühenden Herzen horchte voll lebhafter Bewegung. Die Augen auf den Jüngling geheftet, verschlang sie seine Worte, begleitete sie seine Geberden, stritt sie mit ihm, siegte sie mit ihm und berauschte sich in seinen Triumphen, und ohne es zu wissen, sog sie in langen Zügen eine glühende, unverlöschbare Liebe ein. Sie glaubte, die Wissenschaft sei es, was sie liebe, und ihr Oheim, der nicht minder brannte ihre glücklichen Anlagen auszubilden, rief Abälard an ihre Seite, um sie zu leiten und zu unterweisen.... Glückliche Liebende! thörichter Canonicus!....
Hier begann die Arbeit der Ratte.
Ich schlug das Blatt um, ach, wie war alles so verändert!
Heloise hatte den Schleier genommen... Es ergriff mich tief, denn ich liebte sie, ich theilte ihren glücklichen Wahn, und schön, wie ich sie mir bereits gemalt, erschien sie mir jetzt in der Traurigkeit noch weit schöner, unter den alten Gewölben des Klosters Argenteuil weit jünger, in dem Schmerze, dem sie selbst am Fuße des Altars unterlag, weit rührender.... Das Buch erzählte das Alles in gothischem Style; von den alten Seiten wehete ein lebendiger Odem der entschwundenen Zeit und zu dem Reize lebhafter Eindrücke der Vergangenheit gesellte sich die jugendliche Frische meiner Empfindung.