Dort ins Kloster versteckt, strebte Heloise in Strömen frommer Zähren die noch helllodernde Flamme zu löschen: allein die Religion vermochte nicht dieses kranke Herz zu heilen, sie vermehrte nur die Qualen noch. Traurigkeit, bittre Reue, Gewissensbisse, eine unüberwindliche Liebe marterten die Tage der bleichen Klausnerin; die Augen netzten sich mit Thränen, sie beweinte den fernen Abälard, die Tage seines Ruhmes und ihres Glücks. Ein schuldiges, aber immer noch rührendes Weib! Eine schöne, liebevolle Sünderin, deren Leid diese ganze ferne Zeit mit poetischem Schimmer umstrahlt!....
»Abälard, übersetzte ich gerührt aus einem Briefe, in dem Heloise von dem Geliebten Kraft erfleht; Abälard, welche Kämpfe, um ein so verlornes Herz, wie das meine, zurückzubringen! Wie vielmal bereuen, um immer wieder zurückzufallen! überwinden, um sogleich wieder überwunden zu werden; abschwören, um wieder zu beginnen, mit neuem Rausche wieder zu ergreifen!«
»Glückselige Zeiten! Liebliche Erinnerungen, an ihnen scheitert meine Kraft, zerschellt mein Muth!.... Gar oft vergieße ich mit Wonnegefühl die Thränen der Reue, werfe mich vor dem Throne Gottes nieder und die siegbringende Gnade will herniedersteigen in mein Herz.... dann.... dein Bildniß erscheint mir, Abälard.... Ich will es verscheuchen, es verfolgt mich; es entreißt mich der Ruhe, zu der ich eben eingehen wollte; es stürzt mich auf's neue in jene Pein, die ich vergöttere, indem ich sie verabscheue.... Unbesieglicher Zauber! endloser Kampf ohne Sieg! Mag ich über den Gräbern weinen, oder in meiner Zelle beten, oder mag ich in der Nacht dieser Schattengänge umherirren, es ist da, immer da, dies Bild, das allein meinen Augen gefällt, das sie mit Thränen badet, das Angst und Gewissensbisse in meine Seele wirft!... Wenn ich heilige Hymnen singen höre und der Weihrauch in die Tempelwölbung steigt, wenn die Orgel mit ihren Tönen die heilige Stätte durchbraust, oder Schweigen darin herrscht.... ist es wieder da und nimmer fort, und unterbricht dies Schweigen, vernichtet die Pracht, es ruft mich, es reißt mich fort aus den Hallen! So bleibt deine Heloise inmitten der friedlichen Jungfrauen, die Gott in seiner Ruhe aufgenommen, allein eine Schuldige, von Stürmen umhergeschleudert, in einem Meer von glühenden, irdischen Leidenschaften untergehend.....«
Nachdem ich in dem mächtigen Reize dieser schwermüthigen Zeilen ausgeschwelgt hatte, wandte ich mich zu Abälard. Wo werde ich ihn wiederfinden? Ach! das Ungewitter hatte über seinem Haupte getobt; ihn, der vor kurzem so hell erglänzte, fand ich jetzt gefallen, verbannt, von Stätte zu Stätte fliehend und seine jammervollen Tage vor der Wuth des Neides und der Verfolgung flüchtend: die Frommen verriethen ihn, die Mönche gaben ihm Gift, die Concilien verbrannten seine Schriften.... Von Bitterkeit übermannt, verbarg er sich in eine Wildniß.
»In meinen glücklichen Tagen, schreibt er selbst, hatte ich einmal eine Einöde betreten, die den Sterblichen unbekannt war, der Wohnsitz wilder Thiere, wo keine Stimme ertönte, als das kreischende Geschrei der Raubvögel. Hierher flüchtete ich mich. Aus Schilfrohr bauete ich mir eine Klause und deckte sie mit Stroh, da suchte ich Heloise zu vergessen und trachtete Ruhe im Schooße Gottes zu finden...«
Hier, in der Einöde, die Abälard's Brief mir vor die Augen malte, machte ich eine Pause. Ich bewunderte die Seltsamkeit dieser alten Abenteuer, die leidenschaftliche Bewegung in Beider Leben, die poetische Vermengung von Liebe und Frömmigkeit, von Ruhm und Elend. Und, wie es zu geschehen pflegt, wenn das Herz hingerissen, die Einbildungskraft erhitzt ist – ich vergaß die Leiden der beiden Unglücklichen und dachte nur an ihre glühende, wechselseitige Liebe, um die ich sie beneidete.
Abälard betete in seiner wilden Freistätte. In der Welt vermißte man die Gewalt seiner Stimme, man beklagte sein Unglück, und das Gerücht seiner plötzlichen Flucht machte die allgemeine Aufmerksamkeit rege. Eifer und Freundschaft entdeckten endlich seine Spur, einige Pilgrimme, ehemalige Schüler, drangen bis zu ihm, und bald strömte die Menge, mit reichen Opfergaben beladen, den Pfad zur Einsiedelei entlang. Von diesen Geschenken hatte Abälard die stattliche Abtei Paraklet erbauet, auf derselben Stelle, wo eben noch die Strohklause sich erhob, als er erfuhr, daß die Mönche von St. Denis sich des Klosters Argenteuil bemächtigt und die Nonnen daraus vertrieben hatten. Da begab er sich seiner Zufluchtsstätte und rief seine theure Heloise hierher.