Die junge Aebtissin kam mit ihren Gefährtinnen. Abälard aber hatte sich bereits zurückgezogen und die Abtei St. Gildas de Ruys in dem Kirchsprengel von Vannes verbarg sein trauriges Dasein.
Diese Abtei erhebt sich auf einem Felsen, den die Wogen des Meeres unablässig peitschen. Kein Wald, keine Wiese ringsum; nichts als eine unendliche Ebene, wo aus unfruchtbarem Erdreich Steine umhergestreuet liegen. Die steilen Ufer mit nackten, zerrissenen Felsen bilden eine hellgraue Linie, die allein in den düstern Anblick der ganzen Gegend Abwechslung bringt. Von seiner Zelle aus sah der Einsiedler diese lange Linie in den Buchten verschwinden, an den Vorsprüngen wieder auftauchen, die fernen Gestade gürten und in den unermeßlichen Horizont sich verlieren.
Aber für Abälard war diese entsetzliche Oede nicht zu düster; seine Seele war weit mehr umdüstert. Jede Freude war hier erblichen, der Weihrauch des Ruhmes war verflogen und selbst Heloisens Bildniß haftete nur noch darin, um ein bitteres Leid, eine finstere Reue zu nähren. Doch in der Einsamkeit, welche kein Geräusch der Welt störte, wandte sich der gefeierte Büßer ohne Unterlaß zu sich selber und überschauete die Verirrungen seines Lebens; er erwog mit Muße die Eitelkeit des Ruhms, die Nichtigkeit irdischer Freuden, er überredete sich mehr und mehr von der Nichtigkeit der irdischen Dinge. Dann wendete er sich zu Heloisen, deren Unbußfertigkeit aus ihren glühenden Briefen redete, er fand den frommen Eifer wieder, ein heiliges Entsetzen erweckte seinen Muth, belebte seine erloschene Kraft aufs neue. Hier sehen wir diesen so großen als unglücklichen Mann die schwere Arbeit unternehmen, seine Seele zu läutern, die Bande zu brechen, die ihn noch an die Erde ketten, zu den himmlischen Höhen aufzustreben und seine Geliebte mit sich emporzureißen. Hier war es, wo er jenen berühmten Brief schrieb, in dem er, endlich Sieger in dem hartnäckigen Kampfe, seiner Heloise die hilfreiche Hand reicht, ihr Kraft einflößt, ihre Schritte unterstützt und durch den Staub des Grabes ihre Blicke das lebendige, tröstende Licht des Himmels schauen läßt.
»Heloise, schreibt er am Schlusse, ich werde dich auf Erden nicht wiedersehen, aber wenn der Ewige, in dessen Hand unsere Tage stehen, den Faden dieses unglückvollen Lebens zerschnitten, was allen Anzeichen nach vor dem Ende deiner Lebensbahn geschehen wird.... so bitte ich dich, wo ich auch verscheiden mag, nimm meinen Leichnam zu dir, laß ihn nach Paraklet bringen, damit ich neben dir beigesetzt werde. So, Heloise, werden wir nach so vielen Widerwärtigkeiten auf immer vereint sein, ohne Gefahr und ohne Frevel. Denn dann werden Furcht, Hoffnung, Erinnerung, Gewissenspein gleich dem verwehenden Staube schwinden, gleich dem Rauche, der in der Luft verdampft, und es wird keine Spur unserer früheren Verirrungen bleiben. Du selbst, Heloise, wirst durch das Anschauen meines Leichnams veranlaßt werden, in dich zu gehen und zu erkennen, wie thöricht es ist, in regelloser Leidenschaft ein wenig Staub, einen vergänglichen Körper, die schnöde Speise der Würmer, dem allmächtigen, unwandelbaren Gott vorzuziehen, der allein unsere Wünsche zu erfüllen und uns die ewige Glückseligkeit zu verleihen vermag!«
Lange hatte ich diese Geschichte geendet, ohne daß mein Geist sich ganz davon loszureißen vermochte. Das Buch auf den Knien, die Blicke auf die Landschaft gewendet, welche von den Gluthen der Abendsonne vergoldet wurde, befanden sich meine Gedanken in Paraklet, ich streifte um seine Mauern herum, ich sah in den düstern Laubgängen die trauernde Heloise, und ganz Gefühl für Abälard, betete ich mit ihm die unglücklich Liebende an. Diese Bilder verschmolzen alsbald mit den Gegenständen, die sich meinem Blicke darboten, so daß ich, ohne den alterthümlichen Sessel zu verlassen, mich in eine Glanz strahlende Welt versetzt fühlte, die von poetischen, reichen Gefühlen lebte und webte.
Aber außer dem Gelesenen, außer dem glühenden Abendnebel und dem glänzenden Schauspiele, welches das Dachfenster mir öffnete, mengten sich andere Eindrücke in meine Träumereien. Mitten in dem verworrenen Geräusch, welches in einer Stadt das Leben der Straßen bekundet, der Arbeit der Gewerke, dem Treiben am Hafen, trugen die Lüfte die fernen Töne einer Drehorgel sanft meinem Ohre zu. Durch den Reiz dieser fernen Melodie nahmen alle Gefühle ein stärkeres Leben, die Bilder einen mächtigern Eindruck, der Abend höhere Reinheit an. Eine unbekannte Frische durchwehete die ganze Schöpfung und meine Einbildung schwelgte in den azurnen Räumen und erquickte sich an dem Dufte von tausend Blumen, ohne bei einer zu verweilen.
Unmerklich hatte ich mich von Heloise entfernt, ich hatte ihren Schatten unter den alten Buchen, unter den gothischen Bogen verlassen, ich hatte über den Zeiten geschifft, und bald verlor ich die dunkelblauen Gipfel der Vergangenheit aus dem Gesichte und näherte mich bekannteren Ufern, verwandteren Tagen, näheren Wesen. Das Verstummen der Orgeltöne führte auch mich wieder in die Wirklichkeit, das dicke Buch, welches auf meinen Knien ruhte, war mir wieder gleichgültig geworden und ich stand, ohne etwas dabei zu denken, auf und trug es in sein Fach zurück...