Die Versuchung war unwiderstehlich und dies um so mehr, als ich mich seit einem Augenblicke bereits auf dem Dache befand. Ich setzte mich nieder, um Muth zu fassen und mich mit meinem Unternehmen vertraut zu machen, denn schon dieser Anfang seiner Ausführung versetzte mich in so große Aufregung, daß ich im Begriff war umzukehren. Für den Augenblick hatte ich nichts eiliger zu thun, als mich durchaus unsichtbar zu machen, indem ich mich auf das Dach legte.... Ich bemerkte Herrn Ratin unten in der Straße.


Sobald ich mich von diesem Donnerschlage etwas erholt, wagte ich es, den Kopf ein wenig in die Höhe zu heben, so daß ich über den Dachrand hinwegsehen konnte.... Keine Spur mehr von Herrn Ratin! Gewiß stieg er die Treppe herauf und ehe eine Minute verging, überraschte er mich auf meiner Reise in's Blaue. Ach! wie war ich zerknirscht, welche Gewissensbisse empfand ich. Wie leicht wurde mir die Reue, wie sehr erkannte ich die ungeheure Schuld meines Fehlers!.... Da sah ich Herrn Ratin wieder zum Vorschein kommen, weg waren Gewissensbisse und Angst, er schritt über die Straße fort, sich entfernend weiter.

Bald verlor ich ihn aus dem Gesichte; allein es wurde mir klar, daß ich auf dieser Stelle nicht bleiben konnte, ohne Gefahr zu laufen, daß man mich aus dem Fensterloche des Gefängnisses bemerke, in dessen Tiefe ich von meiner Höhe erschreckt hinabblickte. Ich machte mich also auf den Weg, um mir den Rest des Tages zu nutze zu machen, und mit wenigen Schritten war das von mir gesuchte Fenster erreicht. Es war offen....

Mein Herz pochte heftig, denn trotz der Gewißheit, die ich hatte, konnte ich mich nicht fest genug überreden, daß meine Heißgeliebte an diesem Orte allein wäre. Ich zauderte noch, da hörte ich plötzlich eine Stimme mir zurufen: Nur herein! fürchten Sie nicht, daß ich Sie verrathe, lieber junger Herr.

Es war die Stimme des Gefangenen. Beim ersten Worte verlor ich alle Geistesgegenwart, ich sprang mit raschem Satze in die Kammer, wo ich mich auf den Schultern einer schönen reichgekleideten Dame wiederfand, die mit mir zur Erde stürzte.


Ich kann nicht beschreiben, was im nächsten Augenblicke nach dem Sturze geschah, denn ich hatte alle Besinnung verloren. Das Erste was mir auffiel, als ich wieder zu mir kam, war, daß die Dame mit dem Gesicht gegen den Boden lag und weder Geschrei noch Vorwürfe hören ließ. Ich näherte mich halb kriechend und sagte zu ihr mit leiser, zaghafter Stimme: Madame!.... Keine Antwort... Madame!!!... Alles stumm.