Als der Greis den Fuß auf die Erde gesetzt hatte, stieg eine junge Dame aus dem Wagen. Die beiden Diener zogen sich zurück, der Greis stützte sich auf den Arm des Mädchens und sie traten langsam in die Hausthür. Ein großer Wachtelhund folgte ihnen spielend.
Bei diesem Anblicke fühlte ich mich bewegt, nicht so sehr über den wahrhaft rührenden Anblick, ein junges schönes Mädchen als Stütze eines Greises zu sehen, sondern vornehmlich, weil die liebenswürdige Nymphe, die mit allem geschmückt war, was Anmuth und Schönheit noch zu erhöhen vermochte, mir, der ich so oft von zärtlichen Gedanken überkommen wurde, die Sterbliche zeigte, welche ich in unklaren Bildern träumte und die die unbestimmten Gefühle, die heißen Gluthen, die seit einiger Zeit mein Herz durchwogten, an sich fesselte.
Ein besonderer Umstand bei dieser jungen Person hatte mich mit unerwartetem Zauber gefesselt. Es war die große Einfachheit ihrer Kleidung. Bei so vielen Anzeichen von Reichthum sah ich an ihr nur einen einfachen Strohhut, ein weißes Gewand und dennoch so viel Herrlichkeit und Anmuth, daß es mir schien, ich würde, wenn ich sie allein in einsamen Gegenden und von aller Zuthat des Reichthums entblößt sähe, an ihrer Haltung, an ihrem Gange, an ihrem ganzen Wesen ihren Rang, ihren Reichthum und selbst die edle Hingebung erkennen müssen, womit sie sich den Huldigungen der jungen Männer zu entziehen suchte, um die Schritte eines Greises zu unterstützen.
Und dann, soll ich es nur sagen, ich war durch die Gesellschaft, die ich vor meinem Fenster sah, schon verwöhnt: Rang, Reichthum, Anmuth und guter Geschmack in Haltung und Tracht, alle diese Dinge hatten für mich einen unwiderstehlichen Reiz bekommen. Durch das Anschauen dieser Personen hatte ich alle Empfänglichkeit für das Gemeine, das Gewöhnliche, für meinen Stand und meines Gleichen verloren, und wenn schon ein junges Mädchen, in welchem Gewande sie auch erschienen wäre, mich lebhaft bewegt hätte, so mußte eine solche Erscheinung mich entflammen und zu maßloser Leidenschaft entzünden.
Dies blieb denn auch nicht aus und zwar in solchem Grade, daß ich plötzlich die heftigste Liebe zu dieser jungen Antigone fühlte. Uebrigens war meine Leidenschaft so rein und erhaben, daß ich nicht einmal daran dachte, mich zu fragen, ob sie nicht etwa eine jener Kalypsen sei, von denen Herr Ratin mir so viel geredet.
Diejenigen, welche glauben, daß eine Schülerliebe nicht lebhaft und hingebend genug sei, um hoffnungslos und ohne Ziel zu sein, täuschen sich sehr.
Solche Leute müssen niemals Schüler gewesen sein, oder sie waren Schüler, die sich vortrefflich auf Partikeln und bezügliche Fürwörter verstanden, Schüler von bewundernswerthem Gedächtniß, klugem Verstande, zahmem Herzen, regelrechtem Geiste, von gezügelter Einbildung und alle Jahre dreimal mit Prämien geschmückt.
Musterschüler, Muster nach Herrn Ratins Geschmacke, hoffnungsvolle Ratins der Zukunft. Sie sind heutzutage Minister, Advokaten, Krämer, Poeten, Lehrer, Tabakshändler und, wo sie sein mögen, mit Tabak beschäftigt oder auf der Kanzel, in ihrem Comptoir oder auf dem Parnassus, sie sind stets Musterminister, Musterkrämer, Musterpoeten, Muster, durch und durch Muster und nichts als Muster, weder mehr noch minder, und das ist doch schon ganz hübsch.
Meine Liebe sollte nicht so lebendig und hingebend gewesen sein, weil ich mir davon nichts als tolles Entzücken versprechen konnte; ich hätte für sie nicht Alles geopfert, selbst wenn ich nichts von ihr erwarten durfte? Ach! wie verrechnet man sich da! Für einen einzigen Blick des liebenswürdigen Mädchens hätte ich Herrn Ratin gegeben; für ein Lächeln hätte ich die vier Elzevire des Vatican in's Feuer geworfen.