Oberhalb meines Zimmers befand sich die Wohnung eines geschickten Portraitmalers. Dieser Maler besaß das große Talent, die Leute zu gleicher Zeit sprechend ähnlich und schön zu malen. Oh! welch' herrlicher Stand, wenn man's also versteht! Welch' wunderbarer Köder, woran sich Karpfen, Hechte, Kärpflein und sogar Ottern und Meerkälber fingen, und das aus freien Stücken und ohne sich über die Angel zu beklagen und dem Fischer noch obendrein dankbar!
Denkt an das Eitelkeits-Knötchen. Sobald man einmal wohlhäbig, reich geworden ist, ist es nicht einer der ersten Rathschläge, die man euch ertheilt, euer anziehendes, ganz eigenes und, um es mit einem Worte zu sagen, so liebenswürdiges Antlitz auf die Leinwand übertragen zu lassen; heißt es nicht, daß man diese Ueberraschung der Mutter, der Gemahlin, dem Oheim, der Tante schuldig sei? Und wenn die alle gestorben sind, heißt es dann nicht, man muß die Kunst ermuntern und einen armen Teufel verdienen lassen. Und wenn der arme Teufel reich ist, gibt es nicht tausend andere Vorwände?... eine Wand ausschmücken, ein passendes Gegenstück bekommen... Denn was will am Ende das Knötchen? Es will, daß ihr euch auf der Leinwand als hübsch, zierlich, geputzt, in feiner Wäsche, mit Glacéehandschuhen bewundert, es will vor allen Dingen, daß man euch so sehe, euch so bewundere, daß man daraus eure Züge, euern Reichthum, euern Adel, euer Talent, euer Zartgefühl, euern Geist, eure Feinheit, eure Wohlthätigkeit, eure gewählte Lektüre, euern edeln Geschmack und so viel andere vorzügliche Dinge bewundere, die aus euch ein ganz absonderliches Wesen machen, das mit tausend und einer vortrefflichen Eigenschaft begabt ist, die Fehler gar nicht einmal zu zählen, welche gleichfalls eben so viele Vortrefflichkeiten abgeben. Das alles will das Knötchen, und ist es da nicht zu verwundern, daß es euch im Namen des Vaters, der Mutter, der Gemahlin, der Kinder quält, euch malen und wieder malen und nochmals malen zu lassen? Ich würde mich übers Gegentheil weit eher wundern.
Die Kunst des Portraitirens ist also auf's genaueste mit der Lehre vom Knötchen verwandt und viele Maler sind, weil sie diese Grundsätze verkannten, im Hospital gestorben. Sie stellten den Hecht als Hecht, das Meerschweinchen eben als Meerschweinchen dar. Große Maler, schlechte Portraitisten. Die Leute sind nicht mehr zu ihnen gekommen und der Hunger hat sie aufgerieben.
Dieser Maler nun hatte alle vornehmen Gesichter zu konterfeien und es verging kein Tag, daß nicht stattliche Wagen kamen, ihre Herrschaft brachten und sie vor dem Hause erwarteten. Es war für mich ein herrlicher Zeitvertreib, die schönen Pferde zu betrachten, sie die Fliegen verscheuchen zu sehen, die Kutscher pfeifen oder mit der Peitsche klatschen zu hören. Außerdem war ich sicher, daß ich von denselben Personen, welche aus dem Wagen stiegen und deren Gesicht ich von meinem Fenster aus nicht sehen konnte, nach Verlauf von zwei oder drei Tagen mit aller Muße, so viel ich nur Lust hatte, die Züge betrachten konnte.
Der Maler hatte nämlich die Gewohnheit, zwischen den Sitzungen seine Gemälde draußen vor das Fenster an ein Paar dazu angebrachte Eisenstangen zu hängen, um sie der Sonne auszusetzen. Hingen sie einmal da, so brauchte ich nur die Augen aufzuschlagen und ich befand mich sogleich inmitten der allerschönsten Gesellschaft: Mylords und Barone, Herzoginnen und Marquisen, alle diese Leute hingen am Nagel und sahen sich an, und ich sah sie an, und wir sahen uns einander an.
Letzten Montag also war ich auf das Geräusch eines Wagens an meinen Posten geeilt. Es war eine glänzende Carosse, vier Pferde, ein prächtiges Geschirr, Diener in Livree. Der Wagen hielt und heraustrat ein schwacher Greis, dem zwei Diener ehrfurchtsvoll beisprangen. Ich merkte mir seinen kahlen Scheitel und sein Silberhaar, um ihn recht wieder zu erkennen, wenn er in die Galerie käme.