Diese Worte berauschten mich. Sie hatte mich bedauert; Grund genug, daß ich stolz war, eine Waise zu sein, daß mein größtes Unglück sich mir in Glück verwandelte.

O! wie gern hätte ich ihre Gedanken auf meiner Person weilen sehen! Doch statt dieses höchsten Glücks nahm das Gespräch eine andere Wendung und ich erfuhr aus einigen Worten, daß sie in acht Tagen nach England zurückkehren würde. Was soll dann aus mir, Herrn Ratin gegenüber, werden! Ich war trostlos.

England! reizendes Land, zu dem die Schiffe ziehen; frische Ufer, schattige Parke, wo die jungen Miß mit ihrer Schwermuth sich ergehen. Hier ist alles ohne Reiz; hier ist nichts liebenswerth. Und ich sah gleichgültig auf den See.

Wenn sie sich entfernen wird, wenn andere Gegenden sie ziehen sehen!.... wenn zur Mittagsstunde sie auf staubigen Straßen reist und den Blick auf das Grün der Bäume, der Wiesen schweifen läßt!.... daß ich doch auf diesen Wiesen, unter diesen Bäumen wäre!... Junge Miß, Du fliehst?..... daß ich nicht vor den Rossen bin, in Gefahr von ihnen zertreten zu werden. Ich würde sie in Furcht sehen, sie würde Mitleid mit mir haben! Und ich bildete mir ein, daß ohne ihr Mitleid es sich nicht der Mühe lohne zu leben.


Die Sitzung war zu Ende. Ganz in meinen Gedanken versunken, erwartete ich mit ungeduldiger Begierde, daß das Bild in die Galerie käme; aber es wurde Abend und es erschien nicht, und die nächsten Tage vergingen in der nämlichen unbefriedigten Erwartung. Da geschah es, daß ich einmal, bis an das Dachfenster gekommen, nun der Versuchung nicht widerstehen konnte, bis in das Malerzimmer selbst zu dringen, um die Züge derjenigen zu betrachten, die in meinem Herzen thronte. Der Leser weiß, welches Misgeschick daraus entstand und wie ich stehen geblieben war in meinen Träumen inmitten der allerschönsten Unordnung. Ich will nun weiter erzählen.

Diesmal hatte ich die allerklarste Empfindung meiner vollständigsten Vernichtung. Schon die böse Lüge und das Elzevir-Verbrechen, dann noch eine Thür eingerannt, verbotene Bücher gelesen, aus meinem Gefängniß entschlüpft, über die Dächer geschlichen, Verwirrung und Verwüstung in eine Werkstätte gebracht, eine Gliederpuppe umgeworfen, ein Gemälde durchlöchert!.... Entsetzliche Kette von Verbrechen, deren erstes Glied, nämlich das tolle Lachen, Herr Ratin in Händen hatte.

Was thun? Wieder ordnen, den Schaden gut machen, alles in Ordnung bringen? Unmöglich; des Uebels war zu viel. Eine Geschichte ersinnen? Diesen Augenblick hatte ich bei Gelegenheit des Maikäfers gefunden, daß es nicht so leicht sei. Bekennen? um alles in der Welt nicht! denn da hätte ich gestehen müssen, daß ich verliebt war, und bei dem bloßen Verdacht einer solchen Unsittlichkeit sah ich Herrn Ratins Gesicht sich über und über röthen und einen einzigen Blick von ihm mich vernichten.