Wenn ich übrigens von fruchtbaren Schmerzen rede, so will ich damit keinesweges sagen, daß jeder große Dichter in seinen Versen nothwendig seufzen und weinen müsse; im Gegentheil, die reizendsten Phantasien überdecken seinen bittern Unmuth. Selbst wenn er uns in ein entzückendes Elysium zaubert oder uns die Schönheit mit den himmlischsten Farben malt, so ist es die Leere der Erde, die ihn zur Flucht in glücklichere Höhen bewog. Er malt die Gesundheit, weil er krank ist, den Sommer, weil er auf Eisfeldern irrt, frische Quellen, weil ringsum Dürre schmachtet. Der Unglückliche kostet einige Minuten lang entzückenden Rausch und läßt uns aus der Schale mittrinken; wir bekommen den Nektar, ihm bleiben die Hefen.

Aber da ertappe ich einen häßlichen Gedanken, der hinter einer Falte meines Gehirnes hervorguckt, nämlich den Gedanken, daß ich meiner Lust willen es wol zufrieden bin, daß solche duldende Seelen gelebt haben,... daß Unglückliche sich lange Jahre in Kummer hinschleppten, um einige Gedanken, einige Verse zu hinterlassen, die mich entzücken, die mich einen Augenblick erregen!... Der entsetzlichen Selbstsucht des Herzens, der grausamen Lust, die sich selbst ganz sich selber opfert! Aber dennoch... Racine, ein Dütenkrämer, Virgil, ein Ellenhändler;... Nein, ich bin noch nicht gescheit genug, über meinen grauen Schädel sind noch nicht Jahre genug gezogen. Es wird ein Tag kommen, und nur zu bald, wo ich gescheiter, wenn auch nicht minder selbstsüchtig, den jungen Leuten dies zu Gemüth führen will. Und wenn so ein alberner Gedanke, wie ich ihn da eben ertappe, in ihrem Gehirn aufsteigt, so soll er ihre Stirne umziehen und ihnen auf den Lippen sitzen bleiben.


Es gibt viele solcher schmählichen Gedanken in dem Gehirn, die sich vor Scham verbergen, die aus Furcht, verhöhnt zu werden, schweigen, und die, wenn sie zuweilen einmal aus ihrem Versteck hervorgucken, die Schamröthe bis hoch auf die Stirn treiben. Einstmals hat ein Mann eine Haussuchung in seinem eigenen Gehirn angestellt; er durchforschte alle Falten desselben, suchte zu unterst und zu oberst und ließ auch nicht das kleinste Titelchen unbeschauet. Was er so fand, daraus machte er ein Buch voll Lebensregeln, einen treuen Spiegel, in dem sich der Mensch weit häßlicher sieht als er zu sein glaubte.

Der Herzog[2], der dies that, befolgte darin die Lehre des Sokrates, welcher den Menschen ermahnt, in sein eigenes Gehirn zu schauen. Γνῶθι σεαυτόν (ist griechisch) will nichts weiter sagen. Ich wenigstens zweifle sehr, ob bei so einer beständigen Selbstbetrachtung viel zu gewinnen ist; in gar vielen Dingen ist es besser, sich nicht zu kennen. Manche werden, je besser sie sich kennen lernen, je schlechter; ein anderer, der einsieht, daß auf seinem Acker kein gutes Korn gedeihen will, faßt gar den Entschluß, mit dem Unkraut zu wuchern.

[2]: Franz, Herzog von Larochefoucauld.