Darum schaue ich nicht mehr so viel in mein Gehirn, dagegen ist es mir der angenehmste Zeitvertreib, Anderen hineinzulugen. Ich nehme die Lupe dazu, das Vergrößerungsglas, und ihr glaubt nicht, wie viel kleine, sonderbare Eigenthümlichkeiten ich entdecke, der großen, die man mit bloßen Augen sieht, und der ungeheuern, welche von weitem schon auffallen, gar nicht zu erwähnen. Gall war gewiß ein Narr, daß er den Inhalt nach der Schale, den Geschmack der Frucht nach ihrem Aussehen, den Balsam nach der Büchse beurtheilen will. Ich mache auf und koste, ich öffne den Deckel und rieche.

Denkt, alle Gehirne sind aus einerlei Stoff gemacht; ich begreife es, daß sie alle dieselbe Anzahl Zellen haben, dieselben Knötchen enthalten, gleichwie in jeder Orange dieselbe Anzahl Kerne in derselben Zahl gleicher Zellen sich befindet; allein von diesen Knötchen misrathen einige, andere gedeihen übermäßig und daraus kommen Misverhältnisse, welche jene Unterschiede in den Charakteren bilden, wodurch die Menschen einander unähnlich werden.

Sonderbar ist es, daß eines dieser Knötchen niemals misräth; daß es sich von Nichts wie von Vielem ernährt, eines der ersten seinen Wachsthum nimmt und als letztes von allen abstirbt, so daß man, wenn dies gestorben ist, sicher sein kann, daß der ganze Mensch aufgehört hat zu leben. Dies ist die Eitelkeit. Ich habe dies von einem Todtenbeschauer, der hat mir anvertraut, daß er sich lediglich an dies Zeichen hielte und es als das sicherste von allen andern ansehe; riefe man ihn zu einem Verstorbenen, so überzeuge er sich vor allen Dingen, ob derselbe nicht noch nach irgend einem Schein strebe, ob nicht irgend eine Sorgsamkeit in seiner Miene oder seiner Haltung, nicht irgend eine Besorgniß vor fremdem Blicke vorhanden sei. In diesem Falle gab er, ohne nur nach dem Puls zu fühlen, die Erlaubniß zur Bestattung, und wiewol er dieses Verfahren immer beobachtet hatte, war er doch überzeugt, noch niemals einen Lebenden unter die Erde gebracht zu haben, was, wie er sagte, seinen Amtsgenossen öfterer passire, die auf den Puls, den Athem und andere unzureichende Anzeichen etwas gäben. Er behauptete, dieser Todtenbeschauer nämlich, daß nicht so sehr Umstände, Vermögen und Beschäftigung diese Knötchen entfalten, sondern wenn irgend etwas Einfluß übe, so sei es das Alter. In der Kindheit ist es just nicht das erste, das sich zeigt, in der Jugend eben nicht das stärkste, aber von zwanzig Jahren an ist's eine gewaltige, gefräßige Knolle, welche ihre Nahrung aus Allem saugt.


Ich vergesse aber, daß ich von meiner Wohnung sprechen wollte. Ich verbrachte die heitern Tage meiner ersten Jugendzeit in tiefer Stille, lebte wenig mit meinem Lehrer zusammen, mehr mit mir selber und viel mit Eucharis, Galathea und vorzugsweise mit Estella.

Es gibt ein Alter; aber in der That nur eines und das dauert nicht lange: wo die Schäferromane Florians einen eigenthümlichen Reiz üben; in diesem Alter befand ich mich. Mir schien nichts liebenswürdiger als diese jungen Schäferinnen, nichts naiver als ihre zierlichen Redensarten und ihre Rosenwassergefühle, nichts ländlicher, bäurischer als ihre schmucken Mieder und die hübschen Hirtenstäbe mit winkenden Bändern; bei den hübschesten Mädchen der Stadt fand ich kaum halb so viel Anmuth, Schönheit, Geist und namentlich Gefühl als bei meinen lieben Schäfermädchen. Darum hatte ich ihnen mein Herz ohne Rückhalt gegeben und meine junge Phantasie gelobte, es ihnen treu zu bewahren.

Kindische Liebe, erster Glanz jenes Feuers, das später alles ergreifend und verheerend auflodert! ...... Welchen Reiz, welch' heitere reine Lust gewährt die unschuldige Vorempfindung eines Gefühls, das so reich an Stürmen ist!