Das Unglück bei meiner Leidenschaft war, daß ich mich nicht so recht sicher ihr hingeben durfte, und dies einer höchst ernsthaften Unterredung wegen, die ich ganz kürzlich mit meinem Lehrer gehabt hatte. Die Veranlassung gab Telemachs schönes Benehmen auf der Insel der Kalypso, als er in seiner Tugendhaftigkeit Eucharis verließ; wir übersetzten dies Benehmen zusammen in schlechtes Latein:

Und er stürzte Telemach in das Meer...

Et Telemachum in mare de rupe praecipitavit, hatte ich eben übersetzt, als es Herrn Ratin, so hieß mein Lehrer, einfiel, mich zu fragen, was ich von dem Benehmen Mentors hielte.

Die Frage setzte mich sehr in Verlegenheit, denn so viel wußte ich schon, daß man in Gegenwart seines Lehrers den Mentor nicht tadeln darf. Im Grunde genommen fand ich aber, daß Mentor sich bei dieser Gelegenheit etwas grob benommen habe. – Ich meine, versetzte ich, daß Telemach froh sein konnte, mit einigen Zügen Meerwasser davongekommen zu sein.

Du begreifst meine Frage nicht, versetzte Herr Ratin; Telemach war in die Nymphe Eucharis verliebt; die Liebe aber ist die unseligste, die verächtlichste, der Tugend feindlichste Leidenschaft. Wenn ein junger Mann verliebt ist, so verfällt er in Schlaffheit und Weichlichkeit, er taugt zu nichts mehr, als bei den Frauen zu schmachten, wie Herkules zu den Füßen der Omphale. Dies Benehmen des weisen Mentor, den Telemach vom Rande des Abgrundes zu retten, war daher das Bewundernswürdigste von Allem. So, setzte Herr Ratin hinzu, hättest du mir antworten sollen.


Auf diese mittelbare Weise wurde es mir klar, daß ich mich in einem schwierigen Falle befand und bereits weit von der Tugend abgewichen sei, denn die Estella liebte ich in meinen Augen offenbar eben so sehr als Telemach die Eucharis. Ich beschloß also, ein so frevelhaftes Gefühl zu bekämpfen, welches, der Bewunderung nach zu urtheilen, mit der Herr Ratin das Benehmen Mentors erhob, früher oder später zum Schlimmen führen mußte.

Herrn Ratins Worte hatten übrigens einen großen Eindruck auf mich gemacht; wol weniger weil ich sie begriff, als darum, weil sie dunkel und geheimnißvoll erschienen. Um weise zu sein und nicht in den Abgrund zu stürzen, unterdrückte ich ein unschuldiges Feuer, meine Einbildung heftete sich an die unheilkündenden Worte Ratins, um deren Sinn zu erforschen und große Offenbarungen daraus zu ziehen.

Das war meine erste Liebe; wenn sie auch, ihrer durchaus eingebildeten Natur gemäß, keine Folgen hatte, so drückte doch die Weise, wie sie durch Herrn Ratins Belehrung verscheucht wurde, jeder meiner andern Liebe einen eigenthümlichen Stempel auf, wie man aus den nachfolgenden Erzählungen sehen kann.