Ach, Herr! ich hatte ja dem Gefangenen die Feile gegeben. Er litt entsetzlich, das können Sie glauben; es war ja nur, um das eine Fußeisen etwas auszufeilen...
Nun, Freundchen, darin sehe ich nichts als das Mitgefühl eines guten Herzens. In Ihrem Alter braucht man noch nicht zu wissen, daß es immer nur zu einem Zwecke ist, wenn ein Gefangener eine Feile leiht. Aber Sie sagen ja nichts von der Werkstatt des Malers; Sie waren es doch, nicht wahr?
Ja, mein Herr. Ich hätte es dem Maler gesagt, meinem Oheim, Ihnen.... aber vor Herrn Ratin hatte ich Furcht.
Ist denn dieser Herr Ratin ein so fürchterlicher Mensch? Aber noch eins, was wollten Sie in dem Zimmer des Malers machen? Hatten Sie das Bild meiner Tochter herumgedreht?
Ich erröthete bis über die Stirne.
Er fing an zu lachen. Ah! ah! das macht die Sache ernst, denn sicher geschah es nicht, um mein Bild zu sehen. Jetzt ist es an dir, Lucy, böse zu werden.
Keinesweges, mein Vater, sagte sie, mit bezaubernder Anmuth lachend. Ich weiß, daß Herr Julius die Künste liebt: er selbst zeichnet mit Talent, also ist es sehr natürlich, daß er die Arbeit eines geschickten Künstlers sehen wollte.
Lucy, fiel der Greis mit sanftem Scherz ein, du brauchst gleichfalls nicht zu wissen, daß, wenn man ein Bild umdreht, worauf sich dein Antlitz befindet, es sehr natürlich aus dem Grunde geschieht, dasselbe zu sehen.... Da er meine Scham bemerkte, setzte er hinzu: Erröthen Sie nicht, mein Sohn, seien Sie überzeugt, daß ich Sie deshalb nicht weniger achte und daß meine Tochter Ihnen verzeiht. Nicht wahr, Lucy?
Eine leichte Verlegenheit folgte diesen Worten, die jedoch nur bei mir allein von längerer Dauer war. Bald hatte ich auf eine Menge von Fragen zu antworten, welche diese liebenswürdigen Personen an mich richteten. Nach dem obigen Gespräche bemerkte ich bei dem Greise eine zunehmende herzliche Fröhlichkeit und zu gleicher Zeit bei der jungen Miß ein wenig mehr Zurückhaltung, doch keinesweges auch geringere Theilnahme und Besorgniß für meine Lage. Ich meinestheils konnte die Augen nicht auf sie richten, ohne mich wie berauscht von ihrem Anblicke und dem süßesten Entzücken durchschauert zu fühlen.