Zum ersten Male sah ich sie so nahe und konnte mich an dem Zauber weiden, den ich in ihr entdeckte. Daß ich es nicht in diese Zeilen hauchen, es nicht malen kann, wie sie mir erschien! Und die Bibliothek meines Oheims schien ein Wunderrahmen zu sein, der ihre glänzende Schönheit noch erhöhte. Die ehrwürdigen Bücher, die Reihenfolge der Alter vertretend, auf den staubigen Gestellen, der alterthümliche Duft, das studirzimmerliche Schweigen und mitten darin diese junge Blume voll Frische und Leben... das sind Dinge, die sich nicht in Worte fassen lassen.

So lange hatte sie aufrecht gestanden und ging jetzt, sich neben dem Fenster auf den Lehnsessel meines Oheims niederzusetzen. Sie stützte die Wange auf die schöne Hand und sendete den Blick nachdenklich-schwermüthig gen Himmel; ein Lächeln flog leicht wie der Odem über ihre Lippen. Dann streiften ihre Blicke nachlässig über den dicken Folianten, von dem mein Oheim aufgestanden war. Nach und nach blieben sie darauf haften, ihr bescheidenes Antlitz überzog lebhafte Röthe und eine steigende Theilnahme malte sich darauf. Ich hab' es! rief in diesem Augenblicke mein Oheim Tom; sie erhob sich, ohne jedoch die Augen von dem Folianten abzuwenden, bis mein Onkel in die Bibliothek getreten war.

Da ist es! Das hat Mühe gekostet. Ich schenke es Ihnen wegen Ihrer Liebe zu dem Hebräischen, ich behalte das andere, das für mich größern Werth hat, weil ich sehr auf den Text halte. Dieses mit dem Saffianbande paßt besser für Ihre zarten Finger; nehmen Sie es und erinnern Sie sich dabei an den Doktor Tom.

Sie sind zu gütig, mein Herr. Ich nehme Ihr schönes Buch an und werde immer Ihrer gedenken, obschon ich nicht hoffen darf, daß ich Sie wieder besuchen werde.

Ja, sagte mein Onkel lächelnd, aus Furcht vor dem bösen Neffen. Gut, daß ich darauf komme, ich hätte den meinigen fast vergessen... Leben Sie wohl, auf Wiedersehen.

Er gab ihr das Geleit. Bereits war der Foliant, welcher ihre Blicke gefesselt hatte, in meinem Besitz; allein ich zitterte, mein Oheim möchte mir nicht Zeit genug gönnen zu entschlüpfen, glücklicherweise hatte er die Thüre des Seitengemachs offen gelassen; ich stürzte hier hinein. Im Nu war mein Buch in Sicherheit; die Kleiderpuppe unter dem Bett und ich auf demselben, wo ich meinen guten Oheim Tom erwartete, der gleich darauf eintrat.


O! o! Schon auf? fragte er. Und wann aufgewacht?

Schlag zehn Uhr, lieber Onkel. Die vollständigste Genugthuung malte sich bei diesen Worten auf dem Gesichte meines Oheims Tom. Er war vergnügt, mich wiederhergestellt zu sehen, mehr aber noch war er es der Ehre willen, die seine Wissenschaft daraus erntete. Er nahm einen feierlichen Ton an: Jetzt, Julius, will ich dir sagen, was du hattest. Eine Hemicephalalgie.