Vielleicht ein Bekannter von Ihnen...
Ich oder mein Neffe; sonst niemand.
Ich glaube... der war's, sagte sie mit leiserer Stimme und niedergeschlagenen Augen.
Er! Eben diesen Augenblick habe ich ihn verlassen! in dem Zimmer hier unten!... Und, sagen Sie mir, kennen Sie denn auch meinen Neffen?
Hier trat eine Pause ein, eine ewig lange Pause.
Sie erröthen, hübsches Kind!... Nun, verlassen Sie sich darauf, es gibt deren genug, die nicht so brav... auch nicht so liebenswürdig... Doch sagen Sie, woher kennen Sie ihn?
Mein Herr... Sie sagten, daß er unter Ihrem Zimmer wohne. Hier habe ich zuweilen am Fenster... denselben jungen Mann gesehen, der mich hier empfing.
Unmöglich, sage ich Ihnen. 's ist allerdings mein Neffe, den Sie am Fenster gesehen haben, denn da verbringt er den ganzen lieben Tag; doch daß er hier gewesen sei, nein, daran ist er ganz unschuldig, der arme Julius. Ich will Ihnen auch sagen warum. Gestern Abend gegen neun Uhr war der Wildfang auf ein hohes Gerüst geklettert, ohne daß ich begreifen kann weshalb, es müßte denn sein, daß es wegen einer Narrethei im Hospitalsaale gegenüber gewesen. (Hier wurde die Verwirrung des Mädchens immer größer, sie wendete das Antlitz seitwärts zu mir her, um ihr Erröthen vor dem Oheim zu verbergen.) Und auf einmal krack!... ein gewaltiges Gepolter, ich laufe hinzu und finde ihn an der Erde liegen; es war so arg, daß ich ihn zu Bett brachte, wo er sich noch befindet... Doch ja, sehen Sie, was ich glaube. Einem jungen Mädchen von Ihrem Aeußern wird schon immer von jungen Leuten nachgegangen. Ein solcher nun, so ein Verwegener... verstehen Sie?... ist Ihnen voraufgegangen. Nun, nicht so schamhaft, mein Kind, nicht so schamhaft; es ist keine Sünde, wenn man hübsch ist... Lassen wir's aber, wenn es Sie in Verlegenheit setzt, ein ander Mal schließe ich meine Thüre besser. Sprechen wir von anderen Dingen. Sie bringen mir mein Buch zurück? Hm! was sagen Sie zu dem Text? Halt einmal, legen Sie das Buch da hin und warten Sie einen Augenblick. Ich will... Warten Sie ein wenig. Und er ging in ein Seitengemach, das zur Bibliothek führte. Ich zitterte, denn dies für gewöhnlich verschlossene Gemach war durch eine geheime Treppe mit meinem Zimmer verbunden.
Ich blieb allein mit ihr. Ich war der einzige Zeuge neben ihr für einige Augenblicke: das schien mir eine unschätzbare Gunst, gleich als ob Sie mir ihr Herz erschlossen hätte. In ihren Zügen, in ihrer Haltung, den geringsten Bewegungen glaubte ich ähnliche Dinge zu lesen, wie sie vor einem Augenblicke in mir vorgingen. Geheimnißsüße Augenblicke! Augenblicke wonniger Stille, wo mein Herz in der Wirklichkeit einige Bilder meines Traumes fand!