Und der gute Onkel setzte seine Perrücke zurecht, nahm sein altes Rohr, setzte den dreieckigen Hut auf und ging. Auch ich stieg hinab und wiederholte für mich ganz leise: Bulle Unigenitus, Bulle Unigenitus, aus Besorgniß das Wort zu vergessen.
Bulle Unigenitus, Bulle Unigenitus, sagte ich und durchblätterte meinen Folianten. Bulle Unigenitus... Da ist sie! in dicken Buchstaben. Es war Latein: entsetzliche Täuschung. Seit diesem Eindrucke habe ich stets einen Widerwillen gegen das Latein empfunden, das ich, aufrichtig gesagt, vorher auch nicht liebte. Da ich indeß bemerkte, daß die Bulle mitten auf der Seite anfing, so richtete ich meinen Blick auf das Vorhergehende. Ich las:
Was massen die Kastellanen von Amgrivois
auf die Linie der Chauvin gelangte
durch Verheyratung des edlen Herrn von
Saintree mit der Henriette von Entragues.
Der edle Junkher war noch niemalen von Liebe betroffen gewest. Also geschahe es, da der Bart ihm zu keimen begunnte, dass er Henrietten in dem Schlosshofe sahe und vieles vergnügen daran fassete sie anzuschauen, fein wie sie war und von vorteillhafftem Gesichte; undt schöpfete aus solchem Beginnen ein Liebesleid, nicht vermögend ein ander Ding zu denken bei Tag- und Nachtzeiten. Wusste aber mit nichten wie es ihr kund geben, sintemahlen er noch ganz unerfahren in angelegenheiten der Liebe. Und keck und ohn forcht als er unter den Junkhern war, so war er vor dem Angesicht eines Fräuleins links und schlecht beholfen. Also fassete er sich, da er immer heftiger entbrannte, nahm sich ein Muth und stellete sich in das Gemach seines Ahns, da sie musste hinkommen, und wollete mit einem Strauss ihr ein gar glänzend Zeugniss der Flamme verleihen, darinnen er um ihre schönen Augen brannte. Und so lang als sie nicht kame, war er wundersam fertig ihr zu reden undt sein sträusslein zierlichstermassen zu überreichen. Da indessen Henriette eintrat, er eiligst selbiges unter die Tafel warf und stumm wurde, links und übler befangen, denn ein edelknabe über einem Fehler ertappet. Henriette ihren theils hatt' es wohl gesehen sammt den dichten Strauss und ward gar wundersam roth, und solche waren sie einander gegenüber roth wie ein paar Feldmohn und unvermächtig etwas zu sagen. Und sie wären da noch ohne den Ahn, der eintrat: Was machet ihr hinnen?... u. s. w.
Ich las und las tausendmal diese Seite, ich war vor Freude entzückt, denn da ich in meinem Geiste die schlichten Ereignisse dieser Geschichte mit dem verglich, was ich in den Mienen meiner Jüdin gelesen hatte, mußte ich allerdings glauben, daß meine Schüchternheit und mein unbeholfenes Wesen ihr nicht misfallen hatten, wie ich aus ihrer Unterhaltung mit meinem Onkel annehmen durfte, daß meine Aufmerksamkeit, wie mein Gesicht am Fenster ihr nicht entgangen waren! Wir hatten uns also verstanden; ich war also tausendmal weiter, als ich glaubte, und konnte mich fernerhin dem Hange meines Herzens hingeben, ohne durch die Schwierigkeiten eines ersten Schritts oder die Furcht, ihr fremd zu sein, beschränkt zu werden. Das erste, was ich that, war, daß ich eine genaue Abschrift dieser theuern Zeilen nahm; dann benutzte ich, da mir der Kummer, den ich meinem Oheim gemacht hatte, schwer auf dem Herzen lag, die Abwesenheit desselben, um das Buch wieder hinaufzutragen, wo ich es so zwischen die andern steckte, daß er glauben mußte, er habe es selber verkramt.
Ich kehrte in mein Zimmer zurück und schloß mich ein, um ungestörter allein mit meinen Gedanken zu sein, die mir heute eine wunderliebe Gesellschaft waren. Ich durchging in meinem Geiste stets dieselben Dinge, um neue Seiten an ihnen zu entdecken, bis ich endlich ermüdet von dem gethanen Schritte abließ, um zu bedenken, was weiter zu thun: denn mein Loos an das ihre ketten war von da an das einzige Ziel meines Lebens.