Ich zählte achtzehn Jahr. Ich war Student, ohne Stand, ohne andere Mittel als die Güte meines Oheims. Allein diese Schwierigkeiten kümmerten mich wenig, und ich beseitigte sie in tausenderlei Weise, wie es der Muth eingibt, den die Gewalt einer großen Liebe verleiht. Hingebung, Aufopferung, unbestimmte Ruhmbegierde schwellten mein Herz und erhoben mich zu meiner theuern Jüdin; ich erhielt ihre Hand und vermochte ihr ein Loos zu bieten, wie sie es verdiente. Oder wenn ich bedachte, wie weit ich noch von diesen glänzenden Verhältnissen entfernt sei, so wünschte ich, sie solle arm, von niederem Stande, verlassen sein, so daß sie durch eine Vereinigung mit mir nur gewinnen könne; ich dachte wieder an die geringschätzige Miene des Pförtners, die jetzt meine einzige Hoffnung wurde.

Es war Sonntag. Die Glocken riefen die Gläubigen zum Tempel; ihr eintöniger Schall brachte Ruhe in meine Seele. Sie schwiegen und die Stille der Straßen verlieh meinen Gedanken, die sich über alle Hindernisse hinaus erhoben hatten, höhern Muth. Die Melodien der Kirchengesänge, die ernsten Töne der Orgel gesellten sich sanft zu meinen Träumereien und ich sah unvermerkt mich selber in der Mitte der Gläubigen, im Genuß eines ruhigen Glücks neben meiner Gefährtin, wie wir beide aus demselben Buche ablasen, wie sie ihre schönen Wimpern auf das Blatt senkte, wie ihr Athem sich mit dem meinigen vermischte und ein süßes Glück unser Theil auf dieser Welt und unsere gemeinsame Hoffnung in der andern war.


Aber eine Jüdin in der Kirche! Nein, dieses Bedenken kam mir nicht an. Ein trunkenes Herz kleidet seine Träume nur mit seinen Wünschen und Bildern aus, mit dieser angenehmen, gefälligen Gesellschaft, welche seinem Fluge nirgends wehren. Ach! ich bin seitdem wieder auf die Erde gekommen; ich bin im Geleit der Wirklichkeit gewandelt, unter der Zuchtruthe des Verstandes und der Vernunft; sie alle zusammen, diese strengen Lehrer, haben mir nicht einen Augenblick gegeben, der sich mit den himmlischen Regungen von damals vergleichen könnte. Warum müssen doch solche Augenblicke so kurz sein und sich nicht wiederfinden!

Ich kannte den Namen, die Wohnung jener nicht, die sich meines ganzen Seins bemächtigt hatte. Ich erwartete mit steigender Ungeduld die Stunde Montags. Sie erschien nicht. Dienstag und Mittwoch vergingen eben so. Ich hörte, daß seit zweien Tagen der Kranke, den sie gepflegt hatte, todt war. Am Freitag war ich voll Ungeduld zu meinem Oheim hinaufgegangen; ein Unbekannter klopfte an die Thüre und überbrachte ihm ein Päckchen.

Mach' es auf, Julius! sagte er.

Ich öffnete. Es war das Buch in Saffianband. Auf der innern Seite des Umschlags standen die Worte zu lesen:

Wenn ich sterbe, bitte ich dies Buch an Herrn Tom zu geben, von dem ich es habe.

Und weiter unten:

Wenn Herr Tom mir einen Gefallen erzeigen will, so gebe er das Buch seinem Neffen zum Andenken an diejenige, welche er in der Bibliothek empfangen hat.