Wenn sie stürbe! rief ich aus; sie, sterben!
Armes Kind, sagte mein Oheim Tom; was kann ihr zugestoßen sein?
Wo wohnt sie, Onkel?
Wir wollen zusammen gehen, um uns nach ihr zu erkundigen.
Einen Augenblick darauf befanden wir uns in der Straße. Es regnete. Wir waren fast die Einzigen, welche draußen gingen. Beim Umbiegen um eine Straßenecke sahen wir einige Leute; mein Oheim blieb stehen... Was gibt es? sagte ich; weshalb gehen wir nicht... Armer Julius, es ist zu spät! Es war der Leichenzug: vor zwei Tagen hatten die Pocken sie hinweggerafft!
Am nächsten Tage begann ich wieder zu schauen und zu sinnen: eine Träumerei voll Bitterkeit und innerer Leere, fade Muße, Widerwillen gegen die Welt, die Menschen, das Leben selber, ohne den Reiz irgend einer Erinnerung. Statt aller Gesellschaft, als einzigen Freund, hatte ich das kleine Buch, und wenn ich die Zeile gelesen, die für mich bestimmt war, drückte mir die Wehmuth das Herz, bis die Thränen mir aus den Augen strömten und mich erleichterten.
Mein zweiter Freund war mein Oheim Tom. Ich erzählte ihm alles, und als ich ihm meinen Streich, den ich ihm gespielt, erzählte, fand ich in seinem Herzen nur Nachsicht und Güte. Meine Trauer rührte ihn und auch er nahm seinen Theil daran, ohne sie ganz zu verstehen. Und wenn er am Abend mich düster sah, so rückte er leise seinen Stuhl neben den meinigen und wir saßen schweigend neben einander, beide in einem Gedanken vereint. Ein so verständiges Mädchen, sagte er in seiner treuherzigen Einfalt, in Pausen.... ein so hübsches Mädchen.... ein so junges Mädchen! Und bei dem Schimmer des Kamins sah ich eine Thräne seine alten Wimpern feuchten.