Diese Madonna, sagte in diesem Augenblicke mein Oheim...

Seine Stimme zitterte vor Bewegung.


Das Einzige, worin ich gewissermaßen mit meinem Oheim im Widerspruche stand, war – und man hat gesehen, wie – mein Hang zu den schönen Künsten. Nur der unendliche Werth, den er darein setzte, den einzigen Sprößling der Familie in eine ruhmreiche wissenschaftliche Laufbahn treten zu sehen, hatte ihn einzig und allein zu jenen Kunstgriffen vermocht, die, wie unschuldig sie auch waren, seinem geraden Sinne, wie seiner Herzensgüte namenlos viel gekostet hatten. Gewiß, er hatte es sich als eine gewaltige Härte vorgeworfen, mir den Anblick der Madonna entzogen zu haben. Und das war genug, um seine reine, heitere Seele zu beunruhigen und mit Scham vor sich selber zu erfüllen.

Diese Madonna, hub mein Oheim auf's neue an, habe ich wegnehmen lassen, weil es.... Ich hätte sie sollen nicht wegnehmen... Ich schenke sie Dir. Du magst sie in Dein Zimmer bringen lassen.

Während dieser Worte hatte mein Oheim seine gewöhnliche Ruhe wiedergewonnen. Jetzt war es an mir, mich verwirrt und gerührt zu fühlen; denn diese bedauernden Worte und das sie begleitende edle Geschenk überfielen mich mitten in meiner Traurigkeit.

Aber dafür, fuhr er lächelnd fort, gibst Du mir meine Bücher wieder. Mein Grotius langweilt sich da unten... Mein Pufendorf schläft... Die Alte hat mir von Spinnen gesagt, die zwischen den beiden ihre Netze weben... Nun jeder hat seinen Hang... Das Recht bietet freilich eine ehrenhafte Laufbahn dar!... Doch was? die Kunst hat auch ihr Gutes... Man malt die schöne Natur, man stellt mannichfache Scenen dar, man macht sich einen Namen... Wird man auch nicht reich dabei, so kann man doch bescheiden davon leben... Sparsamkeit, etwas Beihülfe;... über lang oder kurz, wenn ich nicht mehr bin, mein bischen Habe...

Hier konnte ich meine Thränen nicht mehr zurückhalten; ich gab ihnen freien Lauf und überließ mich ganz der Betrübniß, welche diese Worte in mir hervorriefen.