„Es ist spät“, antwortete Edme, „und ich bin ein wenig müde. Wollen Sie vielleicht ein andermal kommen?“
„Ich komme morgen wieder.“
Clerambault trat aus dem Zimmer, Chastenay ging ihm nach. Er fühlte das Bedürfnis, die Geschichte der Tragödie, deren Held und Opfer sein Freund geworden war, jemandem anzuvertrauen, der die Qual und die Größe eines solchen Aktes würdigen konnte.
Edme Froment, den ein Granatsplitter an der Wirbelsäule getroffen und in seiner Vollkraft gelähmt hatte, war einer der jungen geistigen Führer seiner Generation, schön, leidenschaftlich, beredt, übervoll von Leben und Träumen, liebend und geliebt, ehrgeizig im schönsten Sinne, und nun ein lebendig Toter. Seine Mutter, die ihren ganzen Stolz und ihre ganze Liebe in ihn gesetzt hatte, sah ihn auf Lebenszeit verurteilt, und ihre Qual mußte ungeheuer sein. Aber beide verbargen sie voreinander. Diese gegenseitige Spannung hielt sie aufrecht. Beide waren sie aufeinander stolz. Sie pflegte ihn, wusch ihn, reichte ihm das Essen wie einem kleinen Kinde, er wiederum zwang sich zur Ruhe, um sie zu beruhigen, und trug sie auf den Schwingen des Geistes empor.
„Ach“, sagte Chastenay, „man muß sich schämen, zu leben und gesund zu sein, noch Arme zu haben, um das Leben zu umfassen, und Gelenke, um zu gehen und zu springen, und mit vollem Bewußtsein die Frische der Luft zu trinken.“
Er breitete beim Sprechen die Arme aus, hob den Kopf, und atmete tief ein.
„Und das Traurigste“, fuhr er fort, indem er Kopf und Stimme beschämt senkte, „das Traurigste ist, daß ich diese Scham gar nicht wirklich fühle.“
Clerambault mußte unwillkürlich lächeln.
„Ja, es ist nicht sehr heroisch von mir“, fuhr Chastenay fort, „und doch liebe ich Froment wie niemand anderen auf der Welt. Sein Schicksal quält mich unablässig .... und doch, es ist stärker als ich. Wenn ich daran denke, daß ich unter so vielen Hingeschlachteten das Glück habe, jetzt hier zu sein, zu fühlen mit allen meinen lebendigen Sinnen, so ist es mir schwer, meine Freude zu verbergen.... Ach, es ist ja so schön, so ganz leben zu dürfen!... Der arme Froment ... Aber Sie werden mich furchtbar egoistisch finden?“
„Nein, durchaus nicht“, sagte Clerambault. „Sie sprechen, wie die gesunde Natur spricht. Wären alle so aufrichtig wie Sie, so wäre die Menschheit nicht eine Beute jener gefährlichen Lust der Vergötterung des Leidens; Sie haben übrigens alles Recht, das Leben zu genießen, nachdem sie seine härtesten Proben bestanden haben.“