(Und er deutete auf das Kriegskreuz des jungen Mannes.)

„Ich bin hingegangen und gehe wieder zurück“, sagte Chastenay, „aber glauben Sie mir, es ist meinerseits kein Verdienst dabei. Ich täte es ja nicht, wenn ich dem Zwang ausweichen könnte. Es hat keinen Sinn, sich Staub in die Augen zu streuen: wenn man in das dritte Jahr des Krieges kommt, so hat man nicht mehr jene Liebe zum Wagnis und jene Gleichgültigkeit wie im Anfang. Damals, das muß ich zugestehen, hatte ich sie noch, damals war ich eine reine Unschuld an Heldentum. Aber es ist schon lange her, daß ich diese Jungfernschaft verloren habe, die aus Unbildung und Schönrederei zusammengeflickt war. Ist die einmal weg, so wird der Irrsinn des Krieges, die Idiotie der Massaker, die Häßlichkeit und Schauerlichkeit dieser Opfer auch dem Beschränktesten klar. Wenn es auch gar zu unmännlich wäre, vor dem Unvermeidlichen die Flucht zu ergreifen, so drängt man sich wenigstens nicht dazu, irgend etwas Unnötiges zu tun. Der große Corneille war eben auch ein Held des Hinterlandes. Die an der Front, die ich gekannt habe, die waren fast alle Helden gegen ihren Willen.“

„Aber das ist ja der wahre Heroismus“, sagte Clerambault.

„Und das ist jener Froments“, antwortete Chastenay, „er ist Held, weil er nicht anders kann, weil er nicht mehr bloß ein Mensch sein kann. Aber was ihn uns so teuer macht, ist, daß er trotzdem ein Mensch geblieben ist.“

§

Die ganze Richtigkeit dieser Worte wurde Clerambault in der langen Unterhaltung klar, die er am nächsten Nachmittag mit Froment hatte. Es war um so mehr Verdienst darin, wenn sich der Stolz Froments im Zusammenbruch seines Lebens nicht verleugnete, als er vordem niemals den Kult des Verzichts betrieben hatte. Im Gegenteil, er hatte immer große Hoffnungen und einen starken Ehrgeiz gehabt, den seine geistigen Gaben und seine glückliche Jugend durchaus rechtfertigten. Nicht einen einzigen Tag hatte er sich wie Chastenay einer Illusion über den Krieg hingegeben, sondern sofort seine gefährliche Torheit durchschaut. Diese Erkenntnis verdankte er nicht nur seinem starken Intellekt, sondern vor allem der geistigen Führerin, die von Kindheit an die Seele ihres Sohnes aus dem Reinsten ihres Wesens geformt hatte.

Frau Froment, die Clerambault fast täglich bei seinen Besuchen antraf, hielt sich abseits beim Fenster und warf von Zeit zu Zeit von ihrer Arbeit einen Blick voll Zärtlichkeit auf ihren Sohn. Sie war eine jener Frauen, die zwar nicht eine außerordentliche Intelligenz, aber doch ein Genie des Herzens besitzen. Als Witwe eines Arztes, der viel älter war als sie, und dessen weitreichender Geist den ihren befruchtet hatte, waren ihr in ihrem Leben nur zwei sehr tiefe, untereinander sehr verschiedene Neigungen bewußt geworden: die fast kindliche Neigung für ihren Gatten und die fast zärtliche für ihren Sohn.

Doktor Froment, ein Mann von großer Bildung und eigenartiger Denkweise, die er unter einer aufmerksamen Höflichkeit verbarg, um die anderen, von denen er sich unterschied, nicht zu verletzen, war lange Zeit seines Lebens auf Reisen gewesen. Er hatte fast ganz Europa, Ägypten, Persien und Indien bereist, und zwar nicht nur aus wissenschaftlichem, sondern auch aus religiösem Interesse; ihn beschäftigten ganz besonders die neue Glaubensbewegung in der Welt, der Babismus, die Christian Science und die theosophischen Lehren. In inniger Beziehung zu der pazifistischen Bewegung, ein Freund der Baronin Suttner, der er in Wien begegnet war, sah er seit langem die große Katastrophe voraus, der Europa und diejenigen, die er liebte, entgegengingen. Aber als Mann von Mut und innerlich längst gewohnt, dem ewig Ungerechten der Natur ins Auge zu schauen, versuchte er weder sich noch die Seinigen über das Drohende hinwegzutäuschen, sondern einzig ihre Seele gegen die kommenden Anstürme dieser Wogen zu stärken. Noch mehr aber als durch seine Worte war er für seine Frau — der Sohn war noch ein Kind zur Zeit seines Todes — durch sein Beispiel eine heilige Erinnerung geworden, denn im langsamen und grausamen Leiden, das ihn gefangen gehalten hatte — ein Darmkrebs — hatte er bis zum letzten Tage ruhig seine Aufgabe erfüllt und überdies noch die Nächsten seiner Umgebung durch seine Ruhe getröstet.

Frau Froment bewahrte in ihrem Herzen dieses edle Bild wie einen inneren Gott. Die ehrfürchtige Erinnerung für den toten Gefährten wurde in ihrem Leben das, was bei anderen der religiöse Glaube ist. Da sie an kein anderes Leben in der Zukunft glaubte, wandte sich ihr Gebet, insbesondere in den Stunden der Sorge, an ihn, wie an einen immer gegenwärtigen Freund, der bei einem wacht und einen berät. Durch das eigenartige Phänomen der Wiedererneuerung, das oft nach dem Tode eines geliebten Wesens eintritt, schien das Innerste der Seele ihres Mannes in sie übergegangen zu sein. So erwuchs ihr Sohn in einer von ruhigen Ausblicken umhüllten Gedankenatmosphäre, die ganz verschieden war von jener tropisch fieberigen Landschaft, in der die junge Generation vor 1914, unruhig, glühend, aggressiv und vom Warten ungeduldig gemacht, mannbar wurde.... Als dann der Krieg ausbrach, mußte Frau Froment weder sich noch ihren Sohn gegen die Verführung der nationalen Leidenschaft schützen: sie war beiden von vornherein fremd. Sie versuchten auch nicht, dem Unvermeidlichen zu widerstehen, wußten sie doch schon so lange, daß dieses Unglück unterwegs war. Für sie handelte es sich einzig darum, alles zu ertragen, ohne sich ihm zu beugen, um das zu retten, was gerettet sein mußte: die Treue der Seele zu ihrem Glauben. Frau Froment glaubte nicht, daß es nötig sei, „über dem Getümmel“ zu bleiben, um es zu beherrschen, und was zwei oder drei französische, englische, deutsche Schriftsteller durch ihre Artikel für die internationale Versöhnung versuchten, das erfüllte sie von sich aus in ihrem beschränkten Kreis viel einfacher und viel wirksamer.

Sie hatte ihre alten Beziehungen aufrechterhalten, und ohne sich in dem vom Kriegswahn verseuchten Milieu gehemmt zu fühlen, ohne jemals leere Demonstrationen gegen den Krieg zu versuchen, schuf sie durch ihre bloße Gegenwart, durch ihr ruhiges Wort, ihren klaren Blick, ihr beherrschtes Urteil, durch den Respekt, den ihre Güte einflößte, eine Art Hemmung gegen die sinnlosen Übertreibungen des Hasses. Sie war es auch, die in den Kreisen, die sie dafür empfänglich hielt, die Botschaft der freien Europäer und die Artikel Clerambaults verbreitete, der davon niemals erfuhr, und sie hatte die Genugtuung, daß sie in den Herzen Widerklang fanden. Aber ihre größte Freude war, daß ihr Sohn selbst daran geformt wurde.