Edme Froment hatte nichts von einem Tolstoianer in seinem Pazifismus. Zu Anfang betrachtete er den Krieg noch viel mehr als Dummheit wie als Verbrechen. Wäre ihm Freiheit gelassen worden, so hätte er sich, wie Perrotin, aus der Welt der Tat in den erhabenen Dilettantismus der Kunst und der Ideen zurückgezogen und niemals versucht, die öffentliche Meinung zu bekämpfen, weil er diesen Kampf für aussichtslos hielt. Ihm flößte damals die Narrheit der Welt eher Verachtung als Mitleid ein. Zur Teilnahme am Kriege gewaltsam gezwungen, sah er erst ein, daß diese Narrheit durch das Leiden längst überzahlt war, und es überflüssig sei, auf die Verurteilung des Krieges noch die Verachtung zu häufen. Der Mensch schuf sich selbst seine Hölle auf Erden, es war nicht notwendig, ihn noch einmal dafür zu richten. Zu gleicher Zeit hatten ihm die Worte Clerambaults, die er während seiner Urlaubszeit in Paris kennen lernte, gezeigt, daß er Besseres zu tun habe, als sich als Richter seiner gefesselten Kameraden aufzuspielen: nämlich zu versuchen, deren Last zu teilen und sie davon zu befreien.
Nur ging der junge Schüler darin weiter als sein Lehrer, dessen liebebedürftige, ein wenig schwächliche Natur glücklich war in einer Gemeinschaft mit den Menschen, der daran litt, sich von ihnen zu trennen, selbst wenn sie im Irrtum waren. Clerambault zweifelte stets an sich. Er sah nach rechts und links, suchte in den Augen der menschlichen Masse nach einer Zustimmung zu seinen Ideen und erschöpfte sich im unfruchtbaren Bemühen, sein inneres Gesetz mit den sozialen Bestrebungen und Kämpfen seiner Zeit in Einklang zu bringen. Für Froment, den Hingestreckten, der in seinem unterjochten Körper die Seele eines Führers hatte, bestand kein Zweifel an der absoluten Pflicht für jeden, dem die Flamme eines großen Ideals anvertraut ist, sie über die Häupter seiner Gefährten zu erheben. Warum versuchen, das Licht ängstlich zuzudecken oder es im Schein der andern Leuchten aufgehen zu lassen? Der Gemeinplatz der Demokratien: „Die ganze Welt ist klüger als der eine Voltaire“, war für ihn ein Irrtum ... Demokritos sagt: „Unus mihi pro populo est.“ „Ein einziger zählt für mich soviel wie tausend.“ Nach der Meinung unserer Zeit stellt die staatliche Gesellschaft den Gipfel der menschlichen Entwicklung dar. Wer kann die Wahrheit dieser Hypothese beweisen? „Für mich“, sagte Froment, „ist der höchste Gipfelpunkt einzig im überlegenen Individuum. Millionen Menschen haben gelebt und sind gestorben, um eine einzige höchste Gedankenblüte zu entfalten. In verschwenderischer Art geht die Natur zu diesem Ziele, sie opfert ganze Völker, um einen Jesus, einen Buddha, einen Äschylos, einen Leonardo, einen Newton, einen Beethoven zu schaffen. Was wären denn die Völker, was wäre die Menschheit ohne diese Menschen?.... Wir wollen damit nicht das egoistische Ideal des Übermenschen aufnehmen. Ein großer Mann ist groß für, ist groß statt aller anderen Menschen. Seine Persönlichkeit drückt Millionen Menschen aus und führt sie empor, denn sie ist die Verkörperlichung ihrer geheimsten Kräfte, ihrer höchsten Wünsche. Sie drängt sie alle in ihrem Wesen zusammen — und schon sind sie verwirklicht. Die einzige Tatsache, daß ein Mensch Christus gewesen ist, hat Jahrhunderte der Menschheit erhoben und über die Erde hinweggetragen und sie mit göttlichen Kräften erfüllt. Und obwohl neunzehn Jahrhunderte seitdem vergangen sind, haben doch die Millionen Menschen niemals die Höhe des Vorbildes erreicht und mühen sich noch immer, ihm nachzukommen. — Wird das individualistische Ideal in dieser Weise verstanden, so ist es fruchtbarer für die menschliche Gesellschaft als das kommunistische, das nur zu der mechanisch-technischen Vollendung eines Ameisenhaufens führt. Zum mindesten ist es aber unentbehrlich als Korrektiv und als Ergänzung des anderen.“
Dieser stolze Individualismus, den Froment in heißen Worten ausdrückte, richtete den immer ein wenig schwankenden Geist Clerambaults auf, der leicht unentschieden blieb, teils aus Güte, teils aus Zweifel an sich selbst, teils durch die Bemühung, immer auch die anderen zu verstehen.
Noch einen anderen Dienst erwies ihm Froment dadurch, daß er mehr als Clerambault über die internationalen Gedanken informiert war. Da er durch seine Familie unter den Intellektuellen aller Länder Beziehungen hatte und vier oder fünf fremde Sprachen beherrschte, konnte Froment dem älteren Freunde Kenntnis geben von den anderen großen Einsamen, die in jeder Nation für das Recht des freien Gewissens kämpften. Er zeigte ihm die ganze unterirdische Arbeit des niedergehaltenen Gedankens, der sich bemühte, die Wahrheit zu finden. Und es war dies ein tröstliches Schauspiel, daß selbst das Zeitalter der furchtbarsten moralischen Tyrannei, die seit der Inquisition auf der Seele der Menschheit lastete, es doch nicht zuwege brachte, in der Elite jedes Volkes den unbändigen Lebenswillen nach Freiheit und Wahrheit zu ersticken.
Freilich, diese unabhängigen Persönlichkeiten waren selten, aber darum war ihre moralische Macht eine um so größere. Ergreifend zeichnete sich ihre Silhouette gegen den leeren Horizont ab, und im Sturz der Völker in die Tiefe des Abgrundes, wo Millionen Seelen zu einem formlosen Brei sich vermengten, erklang ihre Stimme als das einzige menschliche Wort. Daß sie tätig waren, wurde vor allem sichtbar durch die Wut derjenigen, die ihr Tun zu leugnen suchten. Schon vor einem Jahrhundert schrieb Chateaubriand:
„Kämpfe haben keinen Sinn mehr. Man muß sein, das ist die einzige Sache, die notwendig ist.“
Doch er sah nicht voraus, daß in unserer Zeit „sein“, das heißt „man selbst sein“, „frei sein“, gerade den allergrößten Kampf erforderte. Aber die Menschen, die ganz ihr wahres Ich sind, dominieren schon durch diese einzige Tatsache der Gleichförmigkeit der anderen.
§
Clerambault war nicht der Einzige, der die Energie Froments als so wohltuend empfand und empfing. Bei jedem seiner Besuche begegnete er am Krankenlager des jungen Mannes irgendeinem Freund, der gekommen war, um ihn aufzurichten und — ohne daß er es sich eingestand — von ihm aufgerichtet zu werden. Zwei oder drei waren junge Leute im Alter Froments, die anderen ältere Männer, meist schon über fünfzig hinaus, entweder alte Freunde der Familie oder solche, die Froment schon vor dem Kriege gekannt hatten. Einer von ihnen, ein alter Hellenist mit feinem und zerstreutem Lächeln, war sein Lehrer gewesen. Unter den anderen war noch ein Bildhauer mit grauem Haar, schlaffen und von tragischen Falten durchzogenem Gesicht, ein Landjunker mit kurzgeschorenen Haaren, roter Gesichtsfarbe, dem viereckigen Kopf eines Bauern, schließlich noch ein weißbärtiger Arzt mit einem Ausdruck von Sanftmut in seinem müden Gesicht, dessen Blick durch den verschiedenen Ausdruck der beiden Augen überraschte: das eine schien scharf mit einem Zwinkern von Zweifel zu beobachten, das andere melancholisch vor sich hinzuträumen.
Diese Menschen, die sich manchmal bei dem Kranken vereint fanden, glichen einander in keiner Weise. Man konnte in dieser kleinen Gruppe alle Gedankenformen vertreten finden vom Katholiken zum Freigeist und selbst zum Bolschewisten, als welcher sich einer der jungen Kameraden Froments bekannte. In ihnen war der Einfluß der verschiedensten geistigen Ahnen sichtbar wirksam: im alten Hellenisten derjenige des ironischen Lucian, bei dem Grafen de Coulanges derjenige der alten französischen Chronisten der Collection Michaud. (Er liebte es, auf seinem Landgut sich abends von der Tierzucht und den chemischen Düngungen dadurch zu erholen, daß er die dunkelgoldfarbige Sprache Froissarts und die gleichzeitig dornige und saftige des spitzbübischen Gondi las.) Der Bildhauer zermürbte seine Stirn, um eine Metaphysik in Beethoven und Rodin herauszufinden, der Doktor Verrier, der für Religion das mitleidige Lächeln des Wissenschaftlers hatte, versetzte die Wunderwelt, deren er bedurfte, in das Reich der biologischen Hypothesen und der blendenden Gleichungen der modernen Physik und Chemie. So schmerzlich ihm auch das Leiden der Zeit war, so entschwand die Ära des Krieges mit all ihrem blutnassen Ruhm in die Ferne gegenüber den heroischen geistigen Entdeckungen, die der freie Deutsche Einstein inmitten der menschlichen Verirrung, ein neuer Newton, vollbrachte.