So schien alles zwischen diesen Menschen widersprechend zu sein, sowohl ihre geistige Form als auch ihr Temperament. Aber in einem waren sie alle einig, daß sie keiner Partei zugehörten, nur aus sich selbst heraus dachten und Ehrfurcht und Liebe für die Freiheit hatten, für die ihre und für die der anderen! Und das ist doch das Wesentliche! In unserer gegenwärtigen Epoche zerbrechen die alten Formen, stürzen die politischen, religiösen oder sozialen Parteien zusammen. Es bedeutet ja nur einen kleinen Fortschritt, sich statt einen Monarchisten einen Sozialisten oder Republikaner zu nennen, insolange diese Gruppen sich noch dem Nationalismus ihres Staates, dem Glauben oder der Klasse unterwerfen. In Wahrheit gibt es heute nur noch zwei Formen des Geistes: die einen, die sich in ihre Grenze einschließen, und die anderen, die allem Lebendigen aufgetan sind, die in sich die ganze Menschheit fühlen, sogar ihre Feinde. So wenig zahlreich diese Männer auch sein mögen, sie formen, ohne es zu wissen, die wahre Internationale, jene, die auf dem Kultus der Wahrheit und des umfassenden und allen gleich zugehörigen Lebens ruht. Einzeln zu schwach (sie wissen es wohl), ihr unermeßliches Ideal zu umfassen, umfaßt doch das Ideal sie alle. Und alle in ihm geeint, wandern sie, jeder auf einem verschiedenen Wege, dem unbekannten Gott entgegen.

Was nun in diesem Augenblick diese so verschiedenen freien Seelen um Edme Froment versammelte, war das dunkle Gefühl, er sei der Punkt, wo sich ihre Zielrichtungen begegneten, der Kreuzweg, von dem man alle Wege ausstrahlen sieht. Froment war nicht immer ein solcher Mittelpunkt gewesen; solange er noch Herrschaft über seinen Körper und seine Gesundheit hatte, ging auch er seinen Weg abseits von den anderen. Aber seit sein Lauf unterbrochen war, hatte er sich nach einer Periode kurzer Verzweiflung — die er aber sorgsam den Blicken seiner Umgebung verbarg — gleichsam als Wegkreuz aufgestellt: gerade weil er selbst nicht mehr tätig sein konnte, vermochte er die Tat der anderen besser zu überblicken und im Geist daran teilzunehmen. Er sah in den verschiedenen Strömungen — Vaterland, Revolution, Staats- und Klassenkampf, Wissenschaft und Glauben — nur die vermengten Kräfte eines Wildbaches mit seinen Stromschnellen, Wirbeln und sandigen Stellen; manchmal scheint er zurückgeworfen oder gebrochen zu werden oder zu schlafen. Aber die Strömungen gehen doch unwiderstehlich nach vorwärts: selbst die Reaktion wird immer weiter gerissen. Und er, der junge Gekreuzigte am Kreuzweg, vermählte sich allen Strömungen, dem ganzen Strom.

Clerambault fand in ihm einige Züge Perrotins wieder. Aber Welten trennten Froment von Perrotin. Wenn auch er so wie jener nichts Vorhandenes leugnete und alles zu verstehen suchte, so tat er es doch mit einer begeisterten Seele. Alles wurde in seinem Herzen Bewegung und beherrschte Leidenschaft. Alles, Tod und Leben, war bei ihm Gang und Aufstieg — unbeweglich nur er selbst, sein eigener Leib.

§

Inzwischen war eine dunkle Stunde gekommen. Man hatte die Wende der Jahre 1917/18 überschritten. Die nebligen Winternächte waren schwer von der Erwartung des letzten Ansturms der deutschen Armeen. Seit Monaten war er durch drohende Gerüchte angekündigt, die Streifzüge der Flieger über Paris schienen schon seine Vorboten zu sein. Die Verfechter des Krieges „bis zum endgültigen Siege“ spiegelten vollkommene Sicherheit vor, die Zeitungen fuhren fort zu prahlen, und Clemenceau behauptete, nie besser geschlafen zu haben. Aber die geistige Spannung verriet sich in der wachsenden Schärfe des Hasses zwischen den Nichtkämpfern. Man lenkte die öffentliche Beunruhigung auf die Verdächtigen des Hinterlandes, auf die Flaumacher ab. Hochverratsprozesse erhitzten und beschäftigten die Moral des Hinterlandes, die Angeber mit der Heldengeste Corneilles, die patriotischen Denunzianten, die fanatischen Zeugen vervielfältigten sich, und das Gebell der öffentlichen Ankläger kläffte durch Tage zornig hinter den armen, gehetzten Opfern her. Als dann zu Ende März die über Paris hängende deutsche Offensive losbrach, erreichte der überhitzte Bürgerhaß seinen Zenith, und es war gewiß, daß, wenn ein Durchbruch gelungen wäre, noch ehe die feindliche Armee Paris erreicht hätte, der Galgen von Vincennes, dieser Altar des rächenden und bedrohten Vaterlandes, seine Opfer empfangen hätte, gleichgültig, ob sie schuldig oder unschuldig, ob sie nur angeklagt oder abgeurteilt waren.

Clerambault wurde öfters in den Straßen beschimpft. Er regte sich darüber nicht auf, vielleicht, weil er sich des Gefährlichen der Situation nicht ganz bewußt war. Eines Tages traf Moreau ihn inmitten einer Gruppe von Passanten in einer Diskussion mit einem wutschäumenden jungen Menschen, der ihn in verletzender Weise angegangen hatte. Während er noch sprach, hörte man ganz in der Nähe die Explosionen der „dicken Berta“. Clerambault schien es nicht zu merken, er fuhr ruhig fort, vor dem Zornigen seine Ideen zu entwickeln. In dieser Beharrlichkeit war eine gewisse Komik, und die Zuhörer, die als gute Franzosen das gleich merkten, tauschten darüber allerhand, zwar nicht sehr höfliche, aber doch auch nicht böswillige Witze aus. Moreau faßte Clerambault am Arm, um ihn wegzuziehen. Clerambault schaute auf, sah die lachenden Leute, erfaßte nun seinerseits das Komische der Situation und lachte mit den anderen.

„Was für ein alter Narr ... Nicht wahr?“ sagte er zu Moreau, der ihn wegzog.

„Es gibt aber auch andere Narren. Man muß sich in acht nehmen“, antwortete Moreau in recht energischer Weise. Aber Clerambault wollte ihn nicht verstehen.

Inzwischen war das Untersuchungsverfahren seines Prozesses in eine neue Phase getreten. Clerambault war des Vergehens gegen das Gesetz vom 5. August 1914, das „staatsgefährliche Äußerungen während des Krieges“ verhindern sollte, beschuldigt; man klagte ihn der pazifistischen Propaganda in den Arbeiterskreisen an, in denen Thouron die Schriften Clerambaults mit seinem Einverständnis verbreitet hätte. Nichts konnte unrichtiger sein, denn weder wußte Clerambault von einer Propaganda dieser Art, noch hatte er sie autorisiert, was Thouron auch bezeugen konnte. Aber nun ergab sich das Seltsame, daß Thouron dies nicht bezeugte. Sein Verhalten erwies sich als äußerst merkwürdig; statt die Dinge richtig zu stellen, machte er allerhand Winkelzüge, tat so, als ob er etwas zu verbergen hätte, ja, er tat es sogar in einer gewissen absichtlichen Weise und hätte sich gar nicht gefährlicher benehmen können, wenn es seine innerste Absicht gewesen wäre, solch einen Verdacht zu erwecken. Verhängnisvollerweise lenkte sich dieser Verdacht nun gegen Clerambault. Zwar sagte Thouron nichts gegen ihn oder gegen irgend jemanden aus, er weigerte sich, irgendetwas zu sagen, aber er ließ immer durchblicken, daß, wenn er reden wollte.... Aber er wollte nicht. Man konfrontierte ihn mit Clerambault. Er benahm sich tadellos, geradezu ritterlich, legte die Hand auf das Herz und versicherte den „Meister“, den „Freund“ seiner kindlichen Verehrung. Clerambault versuchte ihn voll Ungeduld endlich zu einer klaren Darstellung dessen zu bringen, was zwischen ihnen vorgegangen war, der andere aber fuhr immer nur fort, seine „unerschütterliche Ergebenheit“ zu bezeugen. Mehr könne er nicht sagen, nichts seinen Aussagen hinzufügen, er nehme alles auf sich.

Dieses Benehmen ließ ihn nach außen sympathisch erscheinen, Clerambault aber in den Verdacht kommen, als wolle er sich durch Aufopferung seines Vasallen aus der Affäre ziehen. Die Zeitungen zögerten nicht lange und beschuldigten ihn der Feigheit. Inzwischen folgte eine Vorladung der anderen, seit zwei Monaten mußte sich Clerambault zu ganz nichtigen Verhören begeben, zu denen ihn die Richter zitierten, ohne daß sich irgendeine Entscheidung anzeigte. Nun sollte man glauben, daß ein Mann, der solange ohne die geringsten Beweise angeklagt und unter dem schimpflichen Verdacht gehalten wurde, bei der Öffentlichkeit Sympathien gefunden hätte. Aber im Gegenteil: sie wurde noch gereizter gegen ihn, man verzieh es ihm nicht, daß er nicht schon verurteilt war. Die tollsten Erfindungen zirkulierten in der Presse, man behauptete, die Sachverständigen hätten an der Form gewisser Buchstaben und an einzelnen besonderen Schriftzeichen entdeckt, daß eine der Flugschriften Clerambaults von Deutschen gedruckt und verbreitet worden war. So dumm diese Erfindungen waren, sie fanden doch Zugang bei der ungeheuren Leichtgläubigkeit der Leute, die (man behauptete es wenigstens) vor dem Krieg vernünftig gewesen waren. Es waren erst vier Jahre seitdem vergangen, aber es schienen schon Jahrhunderte zu sein.