Kurz, die braven Leute verurteilten einen der Ihren ohne weitere Nachfrage; es war nicht das erstemal und wird nicht das letztemal sein. Die gut abgerichtete öffentliche Meinung empörte sich darüber, daß Clerambault noch frei herumging, und die reaktionären Blätter, die fürchteten, ihre Beute könne ihnen entgehen, klagten die Justiz an, versuchten sie einzuschüchtern und verlangten, die Affäre müsse dem Zivilgerichte entzogen und dem Militärgerichte übergeben werden. Rasch erreichte die Erregung einen jener Paroxismen, die in Paris im allgemeinen kurz, aber furchtbar zügellos sind. Denn dieses sonst so vernünftige Volk deliriert von Zeit zu Zeit. Man muß sich fragen, wie die Leute, die zum großen Teil gar nicht böse sind und von Natur aus zu gegenseitiger Nachsicht, ja Gleichgültigkeit geneigt, plötzlich zu solchen Explosionen von zornigem Fanatismus kommen, bei denen sie gleichzeitig ihren Kopf und ihr Herz verlieren. Manche sagen, dieses Volk hätte eine Frauennatur, sowohl in seinen Tugenden wie in seinen Lastern, und daß die Feinheit seiner Nerven und die Sensibilität, der ja seine Kunst und sein Geschmack den Vorrang verdanken, es plötzlich in hysterische Krisen verfallen lassen. Ich glaube vielmehr, daß jedes Volk nur durch Zufall einmal menschlich ist — wenn man unter Mensch ein vernünftiges Tier versteht (was ja sehr schmeichelhaft, aber gänzlich unbewiesen ist). Die Menschen machen von ihrer Vernunft nur selten Gebrauch. Im allgemeinen sind sie von der Anstrengung zu denken, gleich ermattet, und man tut ihnen wohl, wenn man ihnen das Wollen abnimmt und für sie nur das will, was die wenigste Anstrengung erfordert. Die Anstrengung nun, irgendeine neue Idee zu hassen, ist wirklich keine allzugroße. Aber brechen wir nicht den Stab über sie! Der Freund aller Verfolgten hat mit seinem nachsichtigen Heroismus gesagt: „Sie wissen nicht, was sie tun.“

Eine nationalistische Zeitung fand sich bereit, die bösartigen Instinkte, die in diesen armen Menschen schlummerten, aufzuwecken. Sie lebte ja einzig nur von der Ausbeutung der Verdächtigung und des Hasses, was sie „für die Erneuerung Frankreichs arbeiten“ nannte. Für sie bestand eben Frankreich einzig aus ihr selbst und ihren Gesinnungsgenossen. Sie veröffentlichte gegen „Cleramboche“ eine Reihe mörderischer Artikel, ähnlich jenen, die so gut ihr Ziel gegen Jaurès erreicht hatten, sie hetzte die öffentliche Meinung auf, indem sie schrie: geheimnisvolle Einflüsse seien am Werk, den Verräter zu schützen, und man müsse darüber wachen, daß er nicht entkomme. Und schließlich appellierte sie an die Justiz des Volkes.

§

Viktor Vaucoux haßte Clerambault.

Er kannte ihn nicht. Der Haß braucht ja seinen Gegner nicht zu kennen. Aber hätte Vaucoux Clerambault gekannt, so hätte er ihn noch mehr gehaßt. Ehe er wußte, daß es einen Clerambault gebe, war er schon sein geborener Feind. Es gibt in jedem Land geistige Rassen, die sich feindlicher sind als die des Blutes oder die der Uniformen.

Er stammte aus begüterter Bürgerschaft im Westen Frankreichs, aus einer Beamtenfamilie des Kaiserreiches und des Systems von Zucht und Ordnung, die sich seit vierzig Jahren in den Schmollwinkel einer sterilen Opposition zurückgezogen hatte. Er besaß Güter in der Charente, dort verbrachte er den Sommer, die übrige Zeit war er in Paris. Es war eine dekadente Familie, wie es die jener Gesellschaftsklasse ja gewöhnlich sind, und sowohl gegen seine Klasse als gegen die eigene Familie wandte sich sein Herrschinstinkt, für den er im Leben keine andere Verwendung fand. Die Unterdrückung seiner Herrschbegierde gab ihm einen tyrannischen Charakter, er despotierte, ohne es zu wissen, die Seinen, gleichsam aus einem Recht und einer unbestreitbaren Pflicht heraus. Das Wort Toleranz hatte keinen Sinn für ihn. Für ihn war es gewiß: er konnte sich nicht irren. Dabei war er intelligent, hatte eine gewisse sittliche Gesundheit — ja sogar ein Herz, aber das alles unter einer dicken Rinde wie bei einem alten überwucherten Stamm zusammengepreßt und gebunden. Seine Kräfte, die sich nicht auswirken konnten, stauten sich und stockten. Von außen nahm er nichts auf. Wenn er las, wenn er reiste, tat er es mit feindlichen Augen und dem Verlangen, sich wieder zu finden. Nichts schnitt durch die Rinde in sein innerstes Wesen hinein. Was er an Leben hatte, kam von unten, von der Wurzel, von der Erde — von den Toten.

Er war der Typus jener Rassenschicht, die, zwar stark, aber doch schon gealtert, nicht mehr genug Leben hat, um sich nach außenhin zu entwickeln, und sich im Gefühl einer aggressiven Verteidigung zusammenschließt. Sie beobachtet mit Mißtrauen und Antipathie die neuen jungen Kräfte, die sich rings um sie, innerhalb und außerhalb ihres Volkes, entwickeln, die aufsteigenden Nationen und Klassen, alle die leidenschaftlichen und ungeschickten Versuche sittlicher und sozialer Erneuerung. Solche Leute brauchen, wie der arme Barrès und sein verkrüppelter Held[[B]], Mauern, Schranken, Grenzen und Feinde.

In diesem Belagerungszustand lebte auch Vaucoux und ließ die Seinen so leben. Seine sanfte, gleichmütige, verblühte Frau hatte das einzige Mittel gefunden, diesem Zustand zu entkommen: sie war gestorben. Allein mit seiner Trauer zurückgeblieben, die er eifersüchtig behütete — wie alles, was ihm gehörte —, errichtete er einen Schutzwall um die Jugend seines einzigen, dreizehnjährigen Sohnes und lehrte ihn, mit dem Vater zusammen diesen Schutzwall zu bewachen. Wie seltsam, Söhne zu zeugen, um mit ihnen gegen die Zukunft zu kämpfen! Sich selbst überlassen, hätte der junge Bursche vielleicht das Leben von sich aus entdeckt, aber im Gefängnis des Vaters wurde er eine Beute des Vaters. Sie lebten in einem versperrten Haus mit wenig Beziehungen, wenig Büchern, wenig Zeitungen, mit Ausnahme einer einzigen, deren versteinerte Prinzipien am besten Vaucoux’ Bedürfnis nach Erhaltung (im Sinne von Mumifizierung) entsprachen. Sein Opfer, sein Sohn, konnte ihm nicht entkommen. Er impfte ihm seine geistige Abirrung ein, wie Insekten ihre Eier in den lebendigen Körper eines anderen Tieres einpflanzen, und als der Krieg ausbrach, führte er ihn in das Rekrutierungsbureau und ließ ihn einschreiben. Für einen Mann seiner Art war das Vaterland das reinste aller Wesen, das heiligste der heiligen. Er mußte nicht erst, um sich zu begeistern, die heiße Luft und den Rausch der Menge eintrinken (er hielt sich weit weg von der großen Masse). Das Vaterland war in ihm. Das Vaterland: die Vergangenheit, die ewige Vergangenheit.

Und sein Sohn wurde getötet wie derjenige Clerambaults, wie diejenigen von Millionen Vätern für den Glauben jener Väter an ein vergangenes Ideal, an das sie selbst gar nicht glaubten.

Aber Vaucoux kannte nicht die Zweifel Clerambaults. Zweifeln? Er wußte gar nicht, was Zweifeln bedeutete, und hätte er es sich erlaubt, er würde sich verachtet haben. Dieser harte Mensch liebte seinen Sohn leidenschaftlich, obwohl er es ihm nie gezeigt hatte, und er wußte keine andere Art, es nun zu beweisen, als durch einen leidenschaftlichen Haß gegen diejenigen, die ihn getötet hatten. Freilich zählte er sich nicht selber zu jenen, die ihn hingeschlachtet hatten.