Für seine Rache waren ihm aber nur begrenzte Möglichkeiten gegeben. Obwohl er Rheumatiker war und einen steifen Arm hatte, wollte er in die Armee eintreten, wurde aber nicht angenommen. Er mußte aber doch etwas tun und vermochte es nur durch Denken. Allein in seinem Haus, als Gefährten nur seine tote Frau und seinen toten Sohn, gab er sich durch Stunden leidenschaftlichen Betrachtungen hin. Wie ein Tier im Gefängnis, das an den Stäben rüttelt, drehten sie sich rasend im Kreise des Krieges, soweit ihn die Schützengräben zogen, voll Gier auszubrechen und nach einer Öffnung suchend.
Die Artikel Clerambaults, die ihm durch das Wutgeheul seiner Zeitung bekannt wurden, brachten ihn außer sich. Was?... Man versuchte ihm den Knochen des Hasses aus den Zähnen zu reißen?... Schon aus dem wenigen, was er von Clerambault vor dem Kriege kannte, war dieser ihm unerträglich gewesen. Der Schriftsteller durch seine Bemühung um neue Kunstformen, der Mann durch seine Lebens- und Menschenliebe, seinen demokratischen Idealismus, seinen ein wenig einfältigen Optimismus und seine europäischen Wünsche. Auf den ersten Blick, mit dem Instinkt des Rheumatikers (in den Gelenken und im Geiste) hatte Vaucoux Clerambault unter jene eingereiht, die einen Luftzug im Hause mit den verschlossenen Fenstern und Türen, im Vaterlande, machen. Im Vaterlande, natürlich so, wie er es verstand, denn für ihn gab es kein anderes. So brauchte er nicht die besonderen Aufreizungen der Zeitungen, um in dem Verfasser des „Aufrufes an die Lebendigen“ und „Ihr Toten, verzeihet uns“ den Agenten des Feindes — den Feind zu sehen.
Und das Rachefieber, das ihn verzehrte, warf sich auf diese Beute.
[B] „Simon und ich verstanden nun unseren Haß gegen die Fremden, gegen die Barbaren und unseren Egoismus, in den wir mit uns selbst unsere ganze kleine moralische Familie einschließen. Die erste Aufgabe dessen, der leben will, ist, sich mit hohen Mauern zu umgeben. Aber in seinen geschlossenen Garten läßt er jene ein, die von ähnlichen Formen des Gefühls und gleichen Interessen geleitet sind.“ (Un Homme libre.) In drei Zeilen spricht dieser „freie Mensch“ also dreimal von „einschließen“, „sich mit Mauern umgeben“, „verschließen“.
§
Mein Gott, wie bequem ist es, zu hassen, wenn man diejenigen nicht versteht, die anderer Meinung sind!
Clerambault war diese Leichtigkeit nicht gegeben, denn er verstand vollkommen auch jene, die ihn verabscheuten, verstand sie bis ins Letzte! Diese guten Leute litten bis zur Tollwut an der Ungerechtigkeit des Feindes — zweifellos deshalb, weil sie ihnen weh tat, aber auch aus ganz rechtschaffenen Gründen, weil es eben die Ungerechtigkeit war, die Ungerechtigkeit sonder gleichen. Denn kurzsichtig, wie sie waren, erschien sie ihnen ganz einzigartig ungeheuerlich und erfüllte verwirrend ihr ganzes Gesichtsfeld. Wie beschränkt ist doch bei einem gewöhnlichen Menschen die Fähigkeit des Gefühls und des Urteils! Versinkend in der ungeheuren Weite, klammert er sich an die erstbesten vorübertreibenden Trümmer, und so wie der Mensch den tausendfältigen Strom des Lichtes sich zu einigen wenigen Farben vereinfacht, so wird ihm das Gute und das Böse in den Adern des Weltalls nur erkenntlich, wenn er es in ein paar selbsterlebte Beispiele wie in Flaschen füllen kann. Für ihn ist dann das ganze Gute, das ganze Böse der Welt in diesen paar etikettierten Beispielen verschlossen, und er konzentriert auf sie seine ganze Kraft der Liebe und des Hasses. Für tausende sonst vortreffliche Leute ist die Verurteilung Dreyfus’ oder die Torpedierung der „Lusitania“ das Verbrechen des Jahrhunderts geblieben. Diese guten Leute sehen eben nicht, daß der ganze Weg der menschlichen Gesellschaft mit Verbrechen gepflastert ist, über die sie ahnungslos hinwegschreiten, denn sie alle haben unbewußt ihren Vorteil von unbekannten Ungerechtigkeiten, die zu verhindern sie niemals die geringste Anstrengung gemacht haben. Und welche Ungerechtigkeiten sind eigentlich die schlimmeren, jene, die ein langdauerndes und tiefes Echo im Gewissen der Welt erwecken, oder die anderen, um die einzig das niedergetretene Opfer weiß?... Aber diese braven Leute haben nicht genügend lange Arme, um alles Elend der Welt zu umfassen. Wer zu viel umfaßt, eignet sich nur wenig an. Deshalb klammern sie sich gewöhnlich nur an irgendeine einzelne Ungerechtigkeit. Aber die machen sie dann ganz zu ihrer Angelegenheit. Haben sie sich einmal irgendein Verbrechen ausgewählt für ihren Haß, dann verbrauchen sie dabei die ganze Kraft der Erbitterung, die in ihren Eingeweiden lebt. Der Hund hat seinen Knochen gefunden und knabbert daran. Weh’ dem, der daran rührt!
Clerambault hatte daran gerührt. So hatte er kein Recht, sich zu beklagen, wenn er nun gebissen ward. Und er beklagte sich auch nicht. Die Menschen haben ein Anrecht, die Ungerechtigkeit, die sie sehen, zu bekämpfen, und es ist nicht ihre Schuld, wenn sie davon nur die große Zehe sehen, so wie Gulliver in Brobdignac. Jeder tut, was er kann.