Clerambault und Camus tauschten ihre Gedanken aus. Sie tauschten sie so vollkommen aus, daß Clerambault am Ende gar nicht mehr wußte, wohin die seinen gekommen waren. Und je mehr er sich selber verlor, um so zwingender empfand er das Bedürfnis, etwas zu tun. Das war für ihn die beste Form, sich zu betätigen... Sich zu betätigen...? Verhängnisvollerweise war es Camus, den er betätigte. Trotz seiner Überzeugung und seiner gewohnten Leidenschaft war er doch nur ein Echo geworden, und ein Echo welch’ erbärmlicher Stimmen!
Er begann Kriegsdithyramben zu schreiben. Darin wetteiferten ja damals die Dichter hinter der Front. Ihre Schöpfungen laufen allerdings nicht Gefahr, das Gedächtnis der Zukunft allzusehr zu belästigen. Nichts in ihrer früheren künstlerischen Laufbahn bestimmte diese armen Gesellen zu solcher Aufgabe, und, ob sie auch das möglichste taten, um ihre Stimmen aufzublähen und alle Register der Rhetorik spielen zu lassen, die Soldaten im Schützengraben zuckten doch darüber die Achseln. Aber den Leuten des Hinterlandes gefiel ihr Pathos viel besser als jene lichtlosen und gleichsam schmutzfarbenen Erzählungen, die aus dem Schützengraben kamen. Die klare Vision eines Barbusse hatte damals noch nicht diesen schattenhaften Schwätzern ihre Wahrheit aufgezwungen. Für Clerambault bedeutete es keine große Anstrengung, in diesem Wettkampf der Beredsamkeit die Palme zu erringen. Er hatte die verhängnisvolle Gabe jener rhythmischen und wortreichen Beredsamkeit, die die Dichter von der Wirklichkeit trennt, indem sie sie mit ihrem Spinnennetz umhüllt. In Friedenszeiten hing dieses unschuldige Netz an Busch und Baum, der Wind klang durch, und die sanfte Arachne suchte in ihren Maschen nichts anderes einzufangen als das Licht. Jetzt aber, da die Dichter in sich ihre blutgierigen (glücklicherweise schon zahnlosen) Instinkte aufzüchteten, sah man in der Mitte ihres Netzes ein bösartiges Tier eingefangen, dessen Auge auf eine Beute lauerte. Sie sangen den Haß und die heilige Schlächterei. Clerambault tat wie die anderen, sogar besser als die anderen, denn seine Stimme war besser als die der anderen, und vor lauter Schreien kam dieser brave Mensch schließlich dazu, selbst Leidenschaften zu fühlen, die er gar nicht hatte. Den Haß „endlich zu kennen“ (es war das „erkennen“ im biblischen Sinn), dieses neue Gefühl hatte etwas vom Kitzel niedrigen Stolzes, den ein Gymnasiast empfindet, wenn er zum erstenmal aus einem zweifelhaften Hause herauskommt. Denn jetzt erst fühlte er sich als ein ganzer Mann. Und wirklich, es fehlte ihm nichts mehr, um der Niedrigkeit der anderen ähnlich zu sein.
Die ersten intimen Vorlesungen jedes seiner Gedichte waren Camus vorbehalten, dem er sie ja verdankte. Und Camus wieherte vor Begeisterung, denn er erkannte sich selbst darin. Clerambault fühlte sich geschmeichelt, weil er jetzt hoffte, in einem Rhythmus mit dem Volke zu fühlen und ganz in sein Blut zu dringen. Die beiden Schwäger verbrachten die Abende zusammen. Clerambault las vor, Camus trank die Verse in sich ein. Er wußte sie auswendig, er erzählte jedem, der es hören wollte, Victor Hugo sei auferstanden und jedes dieser Gedichte bedeute einen Sieg. Seine lärmende Bewunderung enthob die anderen Mitglieder der Familie davon, ein Urteil aussprechen zu müssen. Rosine suchte immer nach einem Vorwande, aus dem Zimmer hinauszuschlüpfen, wenn die Vorlesung zu Ende war, was der Eigenliebe Clerambaults nicht entging. Er hätte gern den Eindruck auf seine Tochter gewußt, fand es aber klüger, sie nicht darum zu befragen, und redete sich lieber selbst ein, daß dieses Zurückziehen ein Zeichen von Bewegung und Scheu sei. Aber doch, es verstimmte ihn. — Bald aber ließ ihn die Zustimmung des Publikums diese kleine Peinlichkeit vergessen. Seine Gedichte waren in den großen bürgerlichen Blättern erschienen und wurden für Clerambault der glänzendste Triumph seiner ganzen künstlerischen Laufbahn. Keines seiner Werke hatte einen so einhelligen Enthusiasmus hervorgerufen. Ein Dichter ist ja immer geneigt, seinem letzten Werk den Titel seines besten zugebilligt zu hören und ist es in noch höherem Maße, wenn er selbst weiß, daß es das wertloseste ist. Clerambault war sich darüber vollkommen im klaren, und eben darum genoß er mit einer fast kindlichen Eitelkeit die Speichelleckereien der Presse. Abends ließ er sie laut von Camus im Familienkreise vorlesen. Er strahlte vor Vergnügen. Am liebsten hätte er gesagt, sobald Camus fertig war: „Noch einmal.“
Der einzige leise Mißton in diesem Konzert der Lobeshymnen kam von Perrotin. (Natürlich redete sich Clerambault ein, er hätte sich in ihm getäuscht, er sei kein rechter Freund.) Der alte Gelehrte hatte allerdings Clerambault, der ihm den Band seiner Kriegsgedichte zugeschickt hatte, in höflicher Weise beglückwünscht. Er lobte sein großes Talent, sagte aber durchaus nicht, daß dieses Buch sein schönstes Werk sei. Ja er riet ihm sogar, „nun, nachdem er der kriegerischen Muse seinen Tribut gebracht hätte, ein Werk des reinen Traumes, losgelöst von der Gegenwart, zu schreiben“. Was wollte er damit sagen? Gehört sich das, daß, wenn ein Künstler ein Werk vorlegt und Zustimmung fordert, man ihm antwortet: „ich möchte ein anderes lesen, das diesem nicht gleicht?“ — Clerambault sah darin ein neues Zeichen für die bedauerliche Lauheit des Patriotismus, die er schon vorher bei Perrotin bemerkt hatte, und dieser Mangel an Verständnis für seine Verse erkältete gänzlich sein Gefühl für den alten Freund. Er sagte sich, der Krieg sei die Goldprobe der Charaktere, eine Umwertung der Werte, wo man auch die Freundschaft neu prüfen müsse, und gab sich nicht Rechenschaft darüber, daß der Verlust eines Perrotin nur unzulänglich ersetzt sei durch die Erwerbung eines Camus und so vieler neuer Freunde, die geistig freilich minderwertiger waren, aber jedenfalls schlichten und warmen Herzens...
Und doch, oft in der Nacht hatte Clerambault Minuten der Bedrängnis und Angst. Er wachte plötzlich unruhig, erschreckt und gedemütigt auf. Er fühlte sich unzufrieden und beschämt... Aber weshalb denn? Tat er denn nicht seine Pflicht?
§
Die ersten Briefe Maximes waren ein Trost, ein Herzstärkungsmittel, von dem ein Tropfen genügte, um alle Mutlosigkeit entschwinden zu lassen. Man lebte ganz in ihnen während der langen Zwischenräume, in denen seine Nachrichten eintrafen. Und trotz der Unruhe während dieser Pausen, wo eine jede einzelne Sekunde dem geliebten Wesen verhängnisvoll werden konnte, teilte sich doch diese seine Zuversicht (die er vielleicht aus Liebe zu den Seinen oder aus einem Aberglauben übertrieb) allen mit. Seine Briefe strömten über von Jugend und einer begeisterten Freude, die ihren höchsten Gipfel in den Tagen erreichte, die dem Sieg an der Marne folgten. Die ganze Familie war gleichsam gegen ihn hingestreckt, ein einziger Körper, eine Pflanze, deren Blüte in Licht getaucht ist und zu der der Schaft zitternd in mystischer Verehrung emporsteigt...
Wie erstaunlich war auch dieses Licht, das jene Seelen badete, die gestern noch verzärtelt und erschlafft gewesen waren und die nun das Schicksal in den teuflischen Feuerkreis des Krieges warf! Es war das Licht des Todes oder des Spiels mit dem Tode! Maxime, dieses große, zarte, verzärtelte und gelangweilte Kind, das in der Friedenszeit sich wie eine kleine Mätresse aufputzte, fand einen unerwarteten Genuß in den Entbehrungen und harten Anforderungen seines neuen Lebens. Begeistert von sich selbst, kehrte er dieses Gefühl in seinen ein wenig großsprecherischen Briefen hervor, die das Herz seiner Eltern entzückten. Nun war weder seine Mutter eine Heldin Corneilles, noch sein Vater ein Römer, und der Gedanke, ihr Kind einer barbarischen Idee hinzuopfern, wäre ihnen entsetzlich gewesen. Aber die plötzliche Verwandlung ihres Kleinen in einen Helden gab ihnen eine Fülle nie gefühlter Zärtlichkeit. Und trotz ihrer Unruhe erfüllte sie die Extase ihres Maxime beide mit einer neuen Trunkenheit, die sie undankbar machte für das Leben von einst, das gute, friedliche, stille Leben, das zärtliche, mit seinen langen, eintönigen Tagen. Maxime hatte für jene Zeit eine amüsante Verachtung. Sie schien ihm eng, klein, lächerlich, wenn man einmal gesehen hatte, was „da draußen“ vorging... „Da draußen“ war man zufrieden, drei Stunden jede Nacht auf der harten Erde zu schlafen oder auf einem Bündel Stroh, zufrieden, sich um drei Uhr früh auf die Beine zu machen und sie mit dreißig Kilometer Marsch zu erwärmen, mit dem Tornister auf dem Rücken ein Schwitzbad von acht bis zehn Stunden zu nehmen, und zufrieden vor allem, endlich einmal den Feind zu erwischen und aus der gedeckten Stellung auf den Boche hinzupfeffern... Der kleine Cyrano erzählte, daß der Kampf geradezu eine Erholung nach dem Marschieren sei, und er schrieb über ein Scharmützel wie über ein Konzert oder ein Kinostück. Der Rhythmus der Geschosse, der Krach ihres Abschusses und ihre Explosion erinnerten ihn an die Paukenschläge im göttlichen Scherzo der Neunten Symphonie, und wenn diese stählernen Fliegen mutwillig, wild, heimtückisch, bösartig oder bloß mit einer liebenswürdigen Ungezwungenheit über ihren Köpfen ihre Luftmusik machten, hatte er das Gefühl eines Pariser Lausbuben, der aus dem Hause stürzt, um eine schöne Feuersbrunst anzuschauen. Es gab keine Müdigkeit mehr, der Geist und der Körper waren frisch. Wenn endlich das lang erwartete „Vorwärts, marsch“ ertönte, sprang man mit einem Ruck leicht wie eine Feder auf zur nächsten Deckung, quer durch den Eisenschauer, mit einer wilden Freude am Aufspüren, wie ein Hund, der das Wild wittert. Man kroch auf allen Vieren, man schlängelte sich auf dem Bauch nach vorwärts, man lief gekrümmt geradeaus, machte schwedische Gymnastik durch die Verhaue, und das ließ einen vergessen, daß man nicht mehr marschieren konnte. Kam dann die Nacht, so sagte man sich: Was, es ist schon Abend? Was haben wir denn heute gemacht? „Langweilig ist im Kriege nur“, so beschloß der kleine gallische Hahn seine Erzählung, „das, was man auch im Frieden macht, nämlich das Marschieren auf der Landstraße.“
So sprachen die jungen Leute in den ersten Monaten des Feldzuges, die Soldaten der Marneschlacht, des Bewegungskrieges. Hätte er weiter angedauert, so wäre vielleicht die Rasse der Sansculotten der Revolution neu erstanden, die, sobald sie einmal für die Eroberung der Welt ausgezogen waren, nicht mehr haltmachen konnten.
Aber sie mußten doch haltmachen. Und vom Augenblicke an, wo sie in den Schützengräben eingepökelt waren, änderte sich der Ton. Er verlor seinen Schwung, seine knabenhafte Sorglosigkeit, er wurde von Tag zu Tag männlicher, stoischer, zurückhaltender, beherrschter; Maxime fuhr fort, seine Überzeugung vom Endsieg zu betonen. Schließlich sprach er nicht einmal davon mehr, er sprach nur noch von der notwendigen Pflicht, und bald hörte er auch davon zu sprechen auf, seine Briefe wurden trocken, grau, müde.