„Ein Toter“, dachte er, „so viel Getue für einen Toten... dort draußen trampelt man darüber hinweg... fünfhundert Tote in der Tagesmeldung, das ist unser Durchschnitt...“

Ein kleines böses Lachen fuhr ihm über die Lippen. Erschrocken zog ihn Clerambault am Arme fort.

„Komm!“ sagte er.

Sie gingen weiter.

„Wenn sie sehen würden“, dachte sich Maxime, „wenn diese Leute einmal wirklich sehen würden... die ganze Gesellschaft würde zusammenbrechen... aber sie werden es ja nie einsehen, denn sie wollen ja nicht sehen.“

Und seine plötzlich schmerzhaft scharf sehenden Augen sahen mit einem Male rings um sich... den Feind: die Gleichgültigkeit der Welt, die Dummheit, den Egoismus, den Wucher, die Wurstigkeit, den Kriegsgewinn, den Kriegsgenuß, die Lüge bis zu ihren letzten Wurzeln, die in Sicherheit Sitzenden, die Drückeberger, die Polizeiknechte, die Munitionsfabrikanten mit ihren frech fahrenden Autos, die Kanonen glichen, sahen deren Frauen mit den hohen Schuhen und den knallroten Lippen, diese gierigen Leckermäuler... ah, sie sind zufrieden, alles geht gut... das kann noch lange dauern... Eine Hälfte der Menschheit frißt die andere auf.

Sie kehrten heim. Am Abend nach dem Essen war Clerambault schon ganz ungeduldig, Maxime sein letztes Gedicht vorzulesen. Die Absicht, aus der er es geschrieben, war rührend und ein wenig lächerlich, denn aus Liebe zu seinem Sohn versuchte er wenigstens im Geiste, sein Gefährte im Ruhm und in der Qual zu sein. Von ferne beschrieb er darin „das Morgenrot im Schützengraben“. Zweimal stand er auf, um das Manuskript zu holen. Aber immer, wenn er die Blätter schon hielt, hinderte ihn eine Scham. Er setzte sich mit leeren Händen wieder hin.

Die Tage gingen rasch vorbei. Sie fühlten sich körperlich nahe, aber ihre Seelen berührten einander nicht. Keiner von ihnen wollte es eingestehen, und jeder wußte es. Traurigkeit stand zwischen ihnen, und sie zwangen sich, ihre wirkliche Ursache nicht zu sehen, und zogen vor, sie der nahen Rückreise zuzuschieben. Von Zeit zu Zeit machte der Vater oder die Mutter einen neuen Versuch, die alte Intimität wiederherzustellen. Jedesmal war es die gleiche Enttäuschung, Maxime fühlte, daß er sich mit ihnen und mit keinem vom Hinterland verständlich machen könne, daß seine und ihre Welt zwei verschiedene geworden waren. Würden sie einander niemals wiederfinden?... Und doch verstand er sie nur zu gut! War er doch selbst dem gefährlichen Einfluß, der auf ihnen lastete, früher unterlegen und erst dort draußen wach geworden an der Berührung mit den Leiden und dem wirklichen Tode. Aber gerade weil er selbst ein Opfer gewesen war, wußte er, daß es unmöglich sei, die anderen mit Worten zu heilen. So schwieg er, ließ die anderen reden, lächelte, nickte, ohne zuzuhören. Was das Hinterland beschäftigte, das Gebrüll der Zeitungen, die persönlichen Streitigkeiten (und welcher Persönlichkeiten, der alten Hanswurste und gierigen Politiker!), das patriotische Geschwätz der Schreibtischstrategen, die Aufregung über das schlechte Brot und die Zuckerkarte, oder über die Tage, an denen die Konditoreien geschlossen waren — all das erfüllte ihn mit einem Ekel der Langeweile, einem unendlichen Mitleid mit diesem Volk des Hinterlandes, dem er sich bis ins Tiefste fremd fühlte.

So schloß er sich immer mehr in ein rätselhaftes, dumpfes Schweigen ein. Nur für Augenblicke zwang er sich heraus, wenn er an die kurze Zeit dachte, die er noch mit den guten Menschen zu teilen hatte, die ihn so sehr liebten. Dann begann er plötzlich belebt zu sprechen, gleichgültig worüber. Das Wichtigste war ja doch, daß man Worte machte, wenn man schon seine Gedanken nicht sagen durfte. Natürlich fiel man immer wieder auf die Gemeinplätze des Tages zurück, die politischen, militärischen, die allgemeinen Fragen, alle die Dinge, die sie ebenso gut in ihrer Zeitung hätten lesen können. „Die Zerschmetterung der Barbaren“, der „Triumph des Rechtes“ füllten die Reden, die Gedanken Clerambaults aus. Maxime hörte seine Predigten gläubig an und sagte, wenn die Messe zu Ende war, sein „cum spirito tuo“. Aber beide warteten nur auf eines: daß der andere endlich anfangen würde zu sprechen.

Sie warteten so lange, bis schließlich der Tag der Trennung kam. Kurz vor seiner Abreise trat Maxime in das Zimmer seines Vaters. Er war entschlossen, sich mit ihm auseinanderzusetzen: