„Papa, bist du eigentlich ganz sicher?...“

Die Verwirrung auf dem Antlitz seines Vaters hinderte ihn weiterzusprechen. Ein plötzliches Mitleid überkam ihn. Und er fragte nur, ob sein Vater wirklich sicher sei über die Stunde der Abfahrt. Clerambault nahm das Ende dieser Frage mit allzu sichtlicher Erleichterung auf, und kaum daß er nochmals die Auskunft gegeben hatte — auf die Maxime gar nicht hörte — begann er von neuem, seinen Redestrom loszulassen und sich in den gewöhnlichen idealistischen Deklamationen zu ergehen. Maxime schwieg enttäuscht. Während der letzten Stunde sagten sie sich nur Oberflächlichkeiten. Alle, außer der Mutter, fühlten, daß sie das Wirkliche verschwiegen. Äußerlich hatten sie alle heitere und vertrauensvolle Worte, sichtliche Erregung, im Herzen den ewigen Seufzer: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Schließlich ging Maxime. Im tiefsten Herzen war er erleichtert, wieder an die Front zurückzukehren. Der Abgrund, den er zwischen der Front und dem Hinterlande fühlte, schien ihm tiefer zu sein als alle Schützengräben, und er wußte, daß das Mörderischste nicht die Kanonen waren, sondern die Ideen. Wie er am Fenster des wegrollenden Waggons die erschütterten Gesichter entschwinden sah, dachte er:

„Arme Leute! Ihr seid ihre Opfer! Und wir sind die euren!...“

§

Am Tage nach seiner Rückkehr an die Front brach die große Frühlingsoffensive los, die dem Feind von den redseligen Zeitungen bereits seit längeren Wochen angedroht worden war. Mit ihr hatte man die Hoffnung der ganzen Nation während des dumpfen Winters der Erwartung und der totenähnlichen Starre unablässig genährt. Ein Schauer ungeduldiger Freude erhob sich im ganzen Volke, man war des Sieges sicher und rief ihm das „endlich!“ zu.

Die erste Nachricht schien dieser Hoffnung recht zu geben. Sie erzählte, wie es der Brauch ist, natürlich nur von den Verlusten des Feindes. Alle Gesichter strahlten. Die Eltern, deren Kinder, die Frauen, deren Männer draußen waren, fühlten sich erhoben bei dem Gedanken, daß ihre Schöpfung und ihre Liebe teil hatte am blutigen Liebesmahl. In ihrer Begeisterung kamen sie kaum auf den Gedanken, daß der Ihre auch ein Opfer sein konnte. Dieser Fieberzustand war derartig, daß Clerambault, der doch ein zärtlicher, liebevoller und für die Seinen besorgter Vater war, nur fürchtete, sein Sohn sei vielleicht noch nicht rechtzeitig zurück gewesen, um an dem „glorreichen Tag“ teilzunehmen. Sein ganzer Gedanke war, er möchte dabei gewesen sein, seine glühendsten Wünsche warfen ihn in den Abgrund hinein. Er opferte ihn auf, er gab ihn und sein Leben hin, ohne sich zu fragen, ob der Wille seines Kindes selbst damit einverstanden war. Da er, Clerambault, sich selbst nicht mehr gehörte, konnte er es einfach nicht mehr verstehen, daß ein anderer seiner Nächsten sich noch selbst gehörte. Die dunkle Gewalt des Masseninstinkts hatte alles aufgezehrt.

Und doch, manchmal ließ ihn irgendein Rest von Selbstanalyse einige Spuren seiner früheren Natur wiederfinden. Es war immer, wie wenn man einen empfindlichen Nerv berührt — ein dumpfer Schlag, ein Schatten von Schmerz. Aber er geht vorbei, und man leugnet ihn dann.

Nach drei Wochen stapfte die erschöpfte Offensive noch immer auf den blutgedüngten Kilometern herum. Die Zeitungen begannen die Aufmerksamkeit abzulenken, indem sie das Interesse auf irgendein anderes Thema lockten. Maxime hatte seit seiner Abreise nicht mehr geschrieben. Man suchte, um sich zu gedulden, irgendeinen jener Vorwände, wie sie die Vernunft ja so gefällig gibt, aber das Herz glaubt nicht an sie. Wieder gingen acht Tage vorbei. Untereinander tat jeder der drei so, als ob er zuversichtlich wäre. Aber in der Nacht, wenn jeder allein in seinem Zimmer war, schrie die Seele in ihrer Angst auf. Ganze Stunden lang war das Ohr auf der Lauer, horchte, die Nerven zum Zerreißen angespannt auf jeden Schritt, der die Treppe emporkam, lauschte auf die Klingel oder die Berührung einer Hand, die an die Tür streifte.

Allmählich kamen die ersten offiziellen Nachrichten über die Verluste. In mehreren befreundeten Familien zählte man schon einige Tote und Verwundete. Jene, die alles verloren hatten, beneideten diejenigen, denen ihre Lieben vielleicht blutend und verstümmelt, doch wenigstens würden wiedergegeben werden. Einige hüllten sich in ihre Toten ein wie in die Nacht, für sie war der Krieg zu Ende, das Leben zu Ende. Bei anderen aber blieb in erstaunlicher Weise die ursprüngliche Exaltation beharrlich: Clerambault sah eine Mutter, die ihr Patriotismus und ihre Trauer so fieberig entflammten, daß man fast das Gefühl hatte, sie freue sich am Tod ihres Sohnes. Sie sagte mit fanatischer und leidenschaftlich zusammengeballter Freude: „Ich habe alles gegeben, ich habe alles hingegeben“, so wie eine, die im Taumel der letzten Sekunden spricht, ehe sie sich mit ihrem Geliebten ins Wasser stürzt. Aber Clerambault, schwächeren Wesens oder schon aus seinem Taumel erwachend, dachte immer nur: