„Auch ich habe alles gegeben — sogar das, was mir nicht mehr gehörte.“

Er wandte sich an die militärische Behörde. Man wußte noch nichts. Acht Tage später kam die Nachricht, daß der Sergeant Clerambault Maxime als „vermißt“ seit der Nacht vom 27./28. des vergangenen Monats verzeichnet war. In den Pariser Büros konnte Clerambault keine weiteren Einzelheiten erfahren. Er fuhr nach Genf, suchte das Rote Kreuz, das Büro der Gefangenen auf, erfuhr nichts, stürzte sich auf jede Fährte, erhielt die Erlaubnis, in den Hospitälern und Etappendepots die Kameraden seines Sohnes befragen zu dürfen, die ganz entgegengesetzte Auskünfte gaben. (Die einen sagten, er sei gefangen, die anderen hatten ihn tot gesehen — am nächsten Tage gaben beide zu, daß sie sich geirrt hatten... o Qual... Gott, was für ein Henker bist du!...) Und nach zehn Tagen kam er endlich von diesem Passionsweg gealtert, gebrochen, erschöpft heim.

Er fand seine Frau in einem Paroxismus lauten Schmerzes, der sich bei diesem gutmütigen Wesen in einen rasenden Haß gegen den Feind verwandelt hatte. Sie schrie nur Rache und Rache. Zum erstenmal antwortete ihr Clerambault nicht. Es blieb ihm keine Kraft mehr zu hassen — er verbrauchte seine ganze im Leiden.

Er schloß sich in sein Zimmer ein. Während dieser ganzen furchtbaren zehntägigen Pilgerfahrt hatte er sich kaum ein einziges Mal seinen Gedanken gegenübergestellt. Nur eine Idee hatte ihn Tag und Nacht hypnotisiert, so wie einen Hund auf der Fährte: nur schneller, nur rascher vorwärts kommen. Die Langsamkeit der Wagen und Züge hatte ihn verzehrt. Es war vorgekommen, daß er ein Zimmer für die Nacht bestellte und doch noch am selben Abend wieder abreiste, ohne sich Zeit zur Erholung zu lassen, und dieses Fieber der Hast und Erwartung hatte alles aufgeschluckt. Es machte ihn unfähigen (zu seinem Glück), irgendwie im Zusammenhang zu denken. Aber jetzt war die Hetzjagd zu Ende, die Vernunft fand sich wieder, atemlos und röchelnd. Clerambault war jetzt gewiß, daß Maxime tot sei. Er hatte es seiner Frau nicht gesagt und ihr einige Mitteilungen verschwiegen, die ihm jede Hoffnung raubten, denn sie war eine jener Naturen, für die es ein Lebensbedürfnis ist, sich selbst gegen alle Vernunft einen Schein von Lüge zu bewahren, der sie so lange noch aufrecht hält, bis die große Flut des Schmerzes ein wenig verebbt ist. Vielleicht wäre Clerambault vordem auch einer dieser Menschen gewesen, aber jetzt erkannte er schon zu gut, wohin dieser Selbstbetrug geführt hatte. Er wagte noch nicht zu richten, versuchte überhaupt noch kein Urteil, er lag nur da in seiner Nacht, zu schwach, sich aufzurichten, rings um sich zu tasten, lag wie einer, der nach einem Sturz seinen zerschmetterten Körper regt und erst an seinem Schmerze gewahr wird, daß er noch lebt und sich bemüht, zu verstehen, was ihm eigentlich zugestoßen sei. Der weit aufgerissene tiefe Abgrund dieses Todes starrte ihn an und bezauberte ihn. Dieses schöne Kind, das man mit so viel Lust, mit so viel Mühe erzogen hatte, dieser Reichtum an blühender Hoffnung, das kleine, unvergleichliche Weltall, das ein junger Mensch bedeutet, dieser Baum von Jesse, dieses kommende Jahrhundert... all das zerstört in einer Stunde... und wofür? Wofür?

Er versuchte sich wenigstens zu überreden, daß es für etwas sehr Großes und Notwendiges geschehen sei. Mit Verzweiflung klammerte sich Clerambault in den folgenden Tagen und Nächten an diese Boje, er wußte, wenn seine Finger sie losließen, müsse er ertrinken. Noch gewaltsamer suchte er die Heiligkeit der Sache zu betonen, obwohl er es vermied, darüber zu diskutieren. Aber seine Finger klammerten sich immer schwächer an, bei jeder Bewegung sank er mehr hinab in die Tiefe, bei jeder neuen Bekräftigung des Rechtes und der Gerechtigkeit erhob sich aus seinem Gewissen wie ein finsterer Donner eine Stimme, die sagte:

„Und wenn ihr auch zwanzigtausendmal mehr Recht hättet in eurem Kampf, kauft dies, daß eure Vernunft recht behält, das entsetzliche Unglück darum schon zurück, mit dem es bezahlt ist? Wiegt euer Recht die Millionen Unschuldigen auf, die als Pfand des Unrechts und des Irrtums der andern fallen? Wäscht ein Verbrechen das andere rein, ein Mord den andern? War es wirklich nötig, daß eure Söhne nicht nur Opfer, sondern auch Mitschuldige waren, nicht nur Ermordete, sondern auch Mörder?“

Er sah im Geiste noch einmal den letzten Besuch seines Sohnes, hörte ihre letzten Gespräche, und alles wiederholte sich in seinem Herzen. Wieviel Dinge verstand er jetzt, die er damals nicht verstanden hatte! All das oftmalige Schweigen Maximes, die Vorwürfe seiner Augen... Aber das Schlimmste von allem für ihn kam, als er sich darüber klar wurde, daß er sie schon damals verstanden hatte, damals, als sein Sohn noch da war, und daß er sie nur nicht hatte verstehen wollen.

Und diese Entdeckung, die er schon seit einigen Wochen wie eine finstere Drohung über sich schweben fühlte — diese Entdeckung seiner inneren Lüge erdrückte ihn.

§

Rosine Clerambault war bis zum gegenwärtigen kritischen Augenblick gleichsam verloschen gewesen. Die anderen, und beinahe sie selbst, wußten nichts von ihrem Innenleben, kaum ihr Vater hatte davon eine deutliche Ahnung. Ohne Freundinnen oder gleichalterige Kameradinnen hatte sie die ganze Zeit unter dem Schutzmantel der Wärme selbstsüchtiger und erstickender Familienzärtlichkeit dahingelebt. Die Eltern standen zwischen ihr und der äußeren Welt, sie war schon daran gewöhnt, in ihrem Schatten dahinzuleben; sehnte sie sich dann, als sie herangewachsen war, aus dieser Sphäre herauszukommen, so wagte sie es nicht, wußte auch gar nicht, was mit sich anfangen. Denn kaum, daß sie aus dem Familienkreise heraustrat, fühlte sie sich gehemmt, ihre Bewegungen wurden ungelenk, sie konnte kaum sprechen, und das allgemeine Urteil fand sie unbedeutend. Sie wußte das und litt daran, denn sie war nicht ohne Selbstgefühl. So ging sie so wenig als möglich aus, blieb in ihrem Kreise, still, einfach und natürlich, und diese Stille war nicht die Folge einer Trägheit des Denkens, sondern der Geschwätzigkeit der anderen. Der Vater, die Mutter, der Bruder waren alle überschwänglich, so schloß sich dieses kleine Wesen aus Gegensätzlichkeit in sich selbst ein. Aber sie hielt Zwiesprache mit sich in ihrem Herzen.