Sie war blond, groß und schmal, hatte die Formen eines Knaben, hübsches Haar, dessen Locken leicht über die Wangen spielten, einen großen und ernsten Mund. Die untere Lippe war gegen die Mundwinkel zu etwas voll, sie hatte große, stille, träumerische Augen, fein und zart gezogene Brauen und ein hübsches Kinn. Auch ihr Hals war hübsch, ihre Brust zart und ebenso die Hüfte, nur die Hände etwas rot und groß mit vollen Adern. Ein Nichts konnte sie erröten machen. Der Reiz ihrer Jugend lag in der Stirn und im Kinn, die Augen fragten nur herum, träumten, aber verrieten nichts.
Ihr Vater hatte eine Vorliebe für sie, ebenso wie die Mutter für den Sohn: es gab zwischen ihnen geheime Beziehungen. Ohne es zu wollen, hatte Clerambault unaufhörlich sich des Mädchens seit dessen Kindheit mit seiner Zärtlichkeit bemächtigt und hielt es unablässig darin gefangen. Er hatte zum Teil selbst Rosinens Erziehung geleitet und sie mit der oft ein wenig aufdringlichen Naivität des Künstlers zu seiner Vertrauten gemacht. Dazu verführte ihn sein überströmendes Wesen, sein Bedürfnis, sich mitzuteilen, und das geringe Echo, das er bei seiner Frau fand: dieser guten Frau, die vor ihm auf den Knien lag und dort gewissermaßen liegen geblieben war. Sie sagte „ja“ zu allem, was er sagte, bewunderte ihn voll Vertrauen, aber sie verstand ihn nicht und merkte es nicht einmal, daß sie ihn nicht verstand. Das Wichtigste waren für sie nicht die Ideen ihres Mannes, sondern er selbst, seine Gesundheit, seine Zufriedenheit, seine Bequemlichkeit, seine Kleidung und Nahrung. Clerambault als dankbare Natur fällte kein Urteil über seine Frau, ebensowenig wie Rosine über ihre Mutter, aber beider Instinkt wußte wohl, was von ihr zu halten war, und dies war ein geheimes Band, das sie einte. Clerambault bemerkte gar nicht, daß er allmählich aus seiner Tochter seine wahre geistige Gattin und Gefährtin gemacht hatte; erst in der letzten Zeit wurde er dessen ahnend gewahr, als die politische Krise zwischen ihnen die stillschweigende Übereinstimmung löste und ihm plötzlich die Zustimmung, die geheime Neigung Rosinens fehlte. Rosine wußte all die Dinge längst vor ihm, sie vermied nur, ihr Geheimnis näher zu untersuchen. Das Herz braucht für sein Wissen nicht den Appell an den Verstand.
Seltsames und wundervolles Geheimnis der Liebe, die die Seelen verbindet! Sie weiß unabhängig zu bleiben von den Gesetzen der Gesellschaft und selbst der Natur, aber nur wenige Menschen werden dessen gewahr, und noch wenigere wagen es, sich es einzugestehen, aus Furcht vor der Plumpheit der Welt, die immer nur Gesamturteile hören will und sich an den engen Sinn der Gewohnheitssprache hält. Aber in dieser konventionell abgeschliffenen Sprache, die aus gesellschaftlicher Vereinfachung mit Absicht ungenau bleibt, sind die Worte weit davon entfernt, die lebendigen Nuancen der vielfältigen Wirklichkeit zu offenbaren und aufzuschließen, im Gegenteil, sie fesseln, uniformieren, versteinern sie und stoßen sie in den Dienst der selbst an die Kette gelegten Vernunft — jener Vernunft, die nicht aus den Tiefen des Geistes entspringt sondern — wie eine Fontäne in Versailles — aus weiten, in das Gefüge der zivilisierten Gesellschaft eingemauerten Wasserflächen. In diesem gleichsam juristischen Vokabular ist die Liebe an das Geschlecht, an das Alter, an gewisse gesellschaftliche Klassen gebunden, und je nachdem, ob sie sich den geltenden Umständen fügt, entweder als natürlich oder nicht, als legitim oder nicht anerkannt.
Aber was diese Worte erhaschen, ist nur ein dünnes Rinnsal aus den tiefen Quellen der Liebe. Die unendliche Liebe, gleichsam das Schwergewichtsgesetz, das die Welten bewegt, kümmert sich nicht um den Rahmen, den wir um ihr Wesen ziehen. Sie geschieht zwischen Seelen, die alles innerhalb Raum und Zeit voneinander zu entfernen scheint, über Jahrhunderte hinweg eint sie die Gedanken von Lebenden und Toten, sie schlingt enge und keusche Bindung zwischen Alten und Jungen, bringt den Freund dem Freunde und oft die Seele des Kindes der eines Greises näher, als sie beide, Mann oder Frau, jemals vielleicht in ihrem Leben Gefährtin oder Gefährten finden werden. Zwischen Vater und Kind gibt es oft solche Bindungen, ohne daß beide ihrer gewahr würden. Und „des Menschen Geschlechte“ (wie unsere Vorväter sagten) zählen so wenig im ewigen Antlitz der Liebe, daß zwischen Vätern und Kindern die Beziehungen vertauscht sind und die Kinder oft nicht die Jüngeren sind von beiden, sondern der Vater das wahre Kind ist. Wieviel Söhne empfinden fromm eine väterliche Liebe für ihre alte Mutter! Und geschieht es nicht wieder auch uns, daß wir uns ganz demütig und klein vor den Augen eines Kindes fühlen? Das Bambino Botticellis läßt auf der reinen Jungfrau seinen Blick voll einer unbewußten schmerzlichen Erfahrung ruhen, die so alt ist wie die Welt.
Auch die Zuneigung Clerambaults und Rosinens war von solcher erhabenen und frommen Wesensart, wie sie Vernunft allein nicht zu erklären vermag. Und deshalb begann in den Tiefen des bewegten Meeres tief unterhalb jener Schwankungen und Gewissenskämpfe, die der Krieg entfesselte, zwischen diesen beiden Seelen, die durch solche heilige Liebe verbunden waren, ohne Gesten, fast ohne Wort, ein geheimes Drama. Aus diesem unbewußten Gefühl erklärte sich auch die Zartheit ihres beiderseitigen Spürens. Zuerst war es das stumme Sichzurückziehen Rosinens, die, in ihrer Zärtlichkeit enttäuscht, in ihrem geheimen Ehrfurchtskult durch die Haltung ihres vom Krieg verführten Vaters ernüchtert, sich leise von ihm weghielt wie eine kleine antike, keusch verhüllte Statue; schon aber empfand die Unruhe Clerambaults, dessen Feinfühligkeit durch sein zärtliches Gefühl geschärft war, dieses „Noli me tangere“. Es gab zwischen dem Vater und der Tochter in jener Zeit kurz vor dem Tode Maximes eine unausgesprochene Entfremdung, die man vielleicht (wenn die Worte nicht zu grobschlächtig wären) einen Liebeskummer im reinsten Sinne des Wortes hätte nennen können. Dieser geheime Zwiespalt, der nie zu einem Wort zwischen ihnen aufschwebte, war für beide eine Kränkung, er verwirrte das junge Mädchen und reizte Clerambault, denn dieser kannte wohl die Ursache, nur sein Stolz weigerte sich, sie anzuerkennen. Aber bald kam er soweit, sich eingestehen zu müssen, daß Rosine im Recht war, und gern hätte er sich gedemütigt, aber er blieb in falscher Scham verschlossen. So verschärften sich die Mißverständnisse noch im Geiste, indes schon das Herz zur Nachgiebigkeit aufforderte.
Während der inneren Verwirrung nach dem Tode Maximes lastete diese Bitte dringlicher auf ihren schon mehr zur Nachgiebigkeit bereiten Seelen. Eines Tages, als die drei sich zum Abendessen zusammenfanden — es war dies die einzige Stunde, die sie verband, denn jeder lebte für sich, Clerambault ganz seiner Trauer hingegeben, Frau Clerambault immer ziellos beschäftigt und Rosine den ganzen Tag abwesend bei ihren Hilfsaktionen — hörte Clerambault seine Frau heftig Rosinen Vorwürfe machen. Rosine sprach von ihrer Absicht, die Pflege von feindlichen Verwundeten zu übernehmen, und Frau Clerambault, die dies als Verbrechen empfand, regte sich darüber auf.
Sie rief ihren Mann als Richter an. Clerambault, dessen müde, dunkle und leidende Augen zu verstehen begannen, sah Rosine an, die schweigend und mit gesenkter Stirn seine Antwort erwartete. Dann sagte er:
„Meine Kleine hat recht.“
Rosine errötete vor plötzlicher Erregung, denn das hatte sie nicht erwartet. Dankend hob sie die Augen zu ihm auf; ihr Blick schien zu sagen:
„Endlich habe ich dich wiedergefunden.“