Er sah zuerst, das Herz von Ekel geschüttelt, was er nie geglaubt hätte — wie tief dieses fettige Fell schon mit seinem Fleische verwachsen war. Er witterte darinnen gleichsam eine späte faule Ausdünstung der Urbestie, alle die wilden uneingestandenen Instinkte des Krieges, des Mordes, des vergossenen Blutes, des von gierigen Kinnladen zerrissenen Fleisches. Er fühlte die ganze Urkraft des Todes über das Leben, er fühlte in der Tiefe des menschlichen Seins die Grube des Schlachthauses, die die Zivilisation, statt sie zuzuschütten, nur mit dem Schwall ihrer Lüge verhüllt und über der der dumpfe Dunst vergossenen Blutes schwelt... Dieser widrige Geruch ernüchterte Clerambault vollständig. Mit Grauen riß er die Haut der Bestie von sich ab, deren Beute er geworden war.
Ah, wie sie schwer war, heiß, zugleich stinkend und schön, seidenhaarig, warm und doch blutig. Zusammengefügt aus den niedrigsten Instinkten und den erlauchtesten Träumen. Was war nicht alles darin verwebt, das Lieben, Sich-Hingeben, Sich-Aufopfern, ein Körper und eine Seele Sein im Vaterland, dem einzig Lebendigen!... Aber was ist denn dieses Vaterland, dieses einzige Leben, dem man nicht nur sein Leben, nein, alle Leben hinwirft, und dazu noch sein Gewissen, alle Gewissen? Und was ist dies für eine blinde Liebe, deren anderes Janusantlitz mit den ausgerissenen Augen nur blinden Haß zeigt?
„Man hat höchst fälschlich den Namen der Vernunft von dem der Liebe getrennt und sie ohne guten Grund einander gegenübergestellt“, sagt Pascal. „Die Liebe und die Vernunft sind ein und dasselbe. Es ist ein vorschnelles Denken, das sich zu einer Seite hinwendet, ohne alles geprüft zu haben, aber immerhin, es ist eine Art zu denken.“
Nun gut, durchdenken wir das Ganze! Birgt sich nicht gerade in dieser Form der Liebe bei vielen Furcht, alles zu prüfen, tun sie nicht gleich dem Kinde, das, um den Schatten an der Wand nicht zu sehen, den Kopf unter die Decke steckt?
Das Vaterland? Was ist es? Ein Hindutempel: Menschen, Ungetüme und Götter. Was ist sein eigentliches Wesen? Die heimische Erde? Die ganze Erde ist unsere gemeinsame Mutter. Oder ist es die Familie? Es gibt hier Familien und drüben, beim Feind und bei uns, und beide wollen sie nur den Frieden. Oder sind es die Armen, die Arbeiter, das Volk? Die sind auf beiden Seiten gleich elend und gleich ausgebeutet. Oder sind es die Geistigen? Die haben nur ein gemeinsames Feld, und ihre Eitelkeiten und Streitigkeiten sind ebenso lächerlich im Morgenlande wie im Abendlande. Die Welt hat anderes zu tun als sich wegen des Gezänkes eines Vadius und eines Trissotin zu bekämpfen. Ist es also der Staat? Der Staat ist nicht das Vaterland. Einzig jene, die davon Vorteil haben, mischen diese beiden Begriffe ineinander. Der Staat ist unsere Kraft, die einige Menschen ausnützen oder mißbrauchen. Menschen wie wir, die nicht mehr wert sind als wir selbst und oft weniger, und von denen wir uns in Friedenszeit sonst nicht narren lassen und die wir im allgemeinen richtig zu beurteilen wissen. Aber kaum, daß der Krieg da ist, lassen wir ihnen freie Hand, sie dürfen die niedrigsten Instinkte entfesseln, jede Kontrolle ersticken, jede Freiheit hinmorden, jede Wahrheit, die ganze Menschheit. Sie sind dann die Herren, man muß sich in Reih und Glied drücken, um die Ehre und die Dummheit dieser in Herrenkleider vermummten Bedienten zu verteidigen. Wir sind einig, sagt man? Erbärmliches Wortnetz! Einig sind wir ohne Zweifel, wir haben die schlechtesten und die besten in unseren Völkern beisammen, das ist wahr, das wissen wir. Aber daß eine Pflicht uns bindet, ihre Ungerechtigkeiten und Sinnlosigkeiten mitzumachen, das leugne ich...
Die Gemeinsamkeit soll darum nicht verachtet sein. Niemand, denkt Clerambault, hat mehr als ich ihre Lust gefühlt, ihre Größe gefeiert. Es ist gut, gesund, stärkend und kräftigend, den nackten, starren und eisig einsamen Egoismus in jenes Bad des Vertrauens und der brüderlichen Aufopferung hinabzuwerfen, das die Massenseele bedeutet. Man entspannt sich, man gibt sich hin, man atmet. Der Mensch bedarf der anderen, er ist den anderen verpflichtet. Aber er ist ihnen nicht mit seinem ganzen Wesen verpflichtet. Denn was bliebe ihm sonst für Gott? Er muß sich den anderen hingeben, doch um geben zu können, muß man etwas haben, man muß vor allem selbst etwas sein. Aber wie kann man selbst etwas sein, wenn man ganz in die anderen zerfließt? So viel Pflichten es auch gibt, die erste ist, sein eigenes Selbst zu sein und zu bleiben bis zur Aufopferung und Hingabe seines Ich. Das Bad in der Massenseele als Dauerzustand wäre eine Gefahr. Aus seelischer Hygiene in sie hinabzutauchen, mag gut tun. Aber man muß wieder heraus, sonst läßt man alle seine moralische Kraft darin. Und gerade in unserem Zeitalter ist man ja schon von seiner Kindheit an, ob man will oder nicht, in die demokratische Badekufe hinabgetaucht. Die Gesellschaft denkt für einen, ihre Moral will, und ihr Staat handelt für uns, ihre Mode und Meinung nehmen uns die Luft weg, die wir atmen, trinken unseren Hauch, unser Herz, unser Licht. Man ward Diener dessen, das man mißachtet, man lügt in allen seinen Bewegungen, seinen Worten, seinen Gedanken. Man verzichtet und ist nicht mehr... Aber wer hat den Vorteil davon, wenn alle verzichten? Zu wessen Wohl verzichtet man? Für die blinden Instinkte oder für ein paar Lumpenkerle? Wem gehorchen wir? Einem Gott oder ein paar Scharlatanen, die in seinem Namen die Orakel sprechen? Den Schleier fort! Ich will sehen, was sich dahinter verbirgt... Das Vaterland!... Was für ein großes Wort, was für ein schönes Wort. Der Vater, umschlungen von seinen Brüdern... Aber das ist ja gar nicht das Vaterland, das ihr mir zeigt, es ist ein falsches Vaterland, ein Bretterverschlag, ein Tierkäfig, Schützengräben und Barrikaden, Gefängniswände!... Meine Brüder! Wo sind meine Brüder? Wo sind sie alle, die rings im Weltall leiden? Ihr Kains, was habt ihr aus ihnen gemacht? Ich breite ihnen die Arme entgegen, und ein Strom von Blut trennt mich von ihnen. In meinem eigenen Volke darf ich nicht mehr frei zu meinen Brüdern reden, ich bin nur mehr ein namenloses Instrument, das morden soll... Mein Vaterland! Aber ihr seid es ja, die es tötet... Mein Vaterland war die große Gemeinschaft der Menschheit, und sie habt ihr zerschlagen. Die Freiheit und der Gedanke haben keine Heimstatt mehr in Europa... Ich will mir mein Haus wieder aufbauen, unser aller Haus, denn ich habe keines mehr, das eure ist ein Gefängnis... Wie soll ich es tun? Wo soll ich suchen? Wo mich verbergen...? Sie haben mir alles genommen! Es gibt keine Fingerbreite mehr auf der Erde oder im Geiste, die noch frei ist, alle Heiligtümer der Seele, der Kunst, der Wissenschaft haben sie geschändet, alles haben sie sich hörig gemacht! Ich bin allein und verloren, ich habe nichts mehr, ich stürze hin...
§
Als Clerambault alles von sich abgerissen hatte, blieb ihm nichts mehr als seine eigene nackte Seele. Bis zum Ausgang dieser Nacht drückte sie sich zitternd und erstarrt an ihn. Aber in dieser zitternden Seele, in diesem winzigen Wesen, das im Weltall verloren war, glühte leise ein Funke wie eines jener εἴδωλα, die die primitiven Maler über dem Munde der Sterbenden schweben lassen. Als es gegen Morgen ging, begann die fast unsichtbare Flamme, die beinahe in der schweren Umschalung der Lüge erstickt war, zu erwachen. Im Atem der frischen Luft schlug sie hell empor. Und nichts konnte sie mehr hindern, frei emporzuwachsen.
§
Langsamer, grauer Tag nach diesem Kampf oder dieser Geburt. Schwere zerbrochene Ruhe. Tiefe, ungewohnte Stille... Ermattetes Wohlgefühl vollbrachter Pflicht... Clerambault, das Haupt an die Lehne seines Fauteuils gestützt, träumte unbeweglich vor sich hin, Fieber im Leib, das Herz schwer von Erinnerung. Seine Tränen strömten, ohne daß er es fühlte. Draußen erwachte die melancholische Natur der letzten Wintertage, die Bäume zitternd, wie er selbst, und noch nackt. Aber unter dem Eisglanz der Luft bebte schon ein neues Feuer.