Sie waren noch ganz vom Gewölke dieser Abgründe umhüllt, und Clerambault bewunderte die Leichtigkeit dieses freien Geistes, der sicher und fast zufrieden am Rande dieser Leere hauste, als die Tür sich auftat und der Diener Perrotin eine Visitenkarte brachte. Sofort lösten sich die gefährlichen Gespenster des Geistes in nichts auf. Eine Falltür schlug über dem Abgrund zu und der gewohnte Teppich des Salons verdeckte seine Spur.... Perrotin, aufgeschreckt, sagte eiligst und beflissen:

„Ja, natürlich, bitte lassen Sie nur eintreten.“

Und indem er sich zu Clerambault wandte: „Sie gestatten doch, lieber Freund, es ist der Herr Unterstaatssekretär vom Ministerium für Unterricht und schöne Künste.“

Und schon war er aufgestanden und ging dem Besucher entgegen, einem jungen Mann mit blau rasiertem Kinn, einem Priester-, Schauspieler- oder Yankeegesicht. Er trug den Kopf hoch und die Brust breit in seinem grauen Jackett, das die Rosette der Verdienstvollen und der Kriecher verzierte. Der alte Mann stellte, nun wieder strahlend, vor: „Herr Agénor Clerambault... Herr Hyacinthe Monchéri“ und fragte den „Herrn Unterstaatssekretär“, was ihm die Ehre dieses Besuches verschaffe.

Der „Herr Unterstaatssekretär“, keineswegs erstaunt über den ehrerbietigen Empfang von seiten des alten Meisters, warf sich breit in den Fauteuil mit jener familiären Überlegenheit, die ihm sein offizieller Rang über die beiden Leuchten des französischen Gedankens verlieh: er stellte ja den Staat dar. Er sprach näselnd, laut und mißtönend, er schrie wie ein Dromedar. Er übermittelte Perrotin die Einladung des Ministers, das Präsidium einer feierlichen Sitzung kriegsbegeisterter Intellektueller von zehn Nationen im großen Amphitheater der Sorbonne zu übernehmen — einer „Fluchsitzung“, wie er sagte. Perrotin sagte eiligst zu, ganz beglückt von der großen Ehre. Sein erniedrigendes Verhalten gegenüber dem staatlich legitimierten Gimpel stand in seltsamem Gegensatz zu den verwegenen Gedanken, die er eben entwickelt hatte, und Clerambault, im tiefsten abgestoßen, mußte an den Gräculus denken.

Sobald sie wieder allein waren, und nachdem Perrotin ihn bis zur Schwelle begleitet hatte, seinen „Verehrten“, der steifen Halses und gehobenen Kopfes ging, wie der mit Reliquien beladene Esel, wollte Clerambault das Gespräch wieder aufnehmen. Er war etwas abgekühlt und machte kein Geheimnis daraus. Er forderte Perrotin auf, öffentlich das auszusprechen, was er ihm im Vertrauen gesagt hatte, eine Zumutung, die Perrotin natürlich, seine Naivität belächelnd, ablehnte. Ja er warnte ihn sogar in besorgter Weise bezüglich der Versuchung, vor der Öffentlichkeit zu beichten. Clerambault wurde zornig, begann zu streiten und blieb hartnäckig bei seiner Forderung. Perrotin, der gerade aufrichtig gelaunt war, schilderte ihm, um ihn aufzuklären, seine Umgebung, die großen Intellektuellen der Universität, deren offizieller Vertreter er war, die Historiker, Philosophen und Schönredner. Er sprach von ihnen mit einer verschleierten, höflichen, aber tiefen Mißachtung, die mit ein wenig Bitterkeit gemengt war, denn trotz seiner Vorsicht war er zu intelligent, um nicht den weniger klugen unter seinen Kameraden schon verdächtig geworden zu sein. Er schilderte sich als einen alten Hund, der einen Blinden führt, und sich inmitten der bellenden Fleischerhunde gezwungen sieht, mit ihnen die Vorübergehenden anzukläffen....

Clerambault verließ ihn, ohne mit ihm zu brechen, aber voll tiefen Mitleids.

§

Es dauerte einige Tage, ehe er wiederum ausging. Jene erste Berührung mit der äußeren Welt hatte ihn zu sehr enttäuscht. Der Freund, in dem er einen Helfer und eine Stütze zu finden gehofft hatte, war kläglich vor ihm zusammengebrochen. Clerambault fühlte sich ganz verwirrt, denn im Grunde seines Wesens war er schwach und nicht gewohnt, selbst die Richtung seines Weges zu finden. So aufrichtig er als Dichter war, er hatte sich bisher doch noch nie verpflichtet gesehen, ohne die Hilfe der anderen zu denken. Bisher hatte er sich immer nur von ihren Gedanken tragen lassen, war mit ihnen eins geworden, um dann ihre ekstatische und begeisterte Stimme zu werden.... Die Veränderung war nun zu plötzlich gekommen. Trotz jener Nacht der Krise fiel er immer wieder in Unsicherheit zurück, denn die Natur kann sich nicht mit einem Schlage verändern und besonders nicht bei jenen, die — mag ihr Geist auch noch so geschmeidig geblieben sein — das fünfzigste Jahr überschritten haben. Und das Licht, das aus einer solchen Erkenntnis aufflammt, bleibt durchaus nicht so unbeweglich, wie die blendende Schale der Sonne in einem Sommerhimmel, sondern ähnelt mehr einer elektrischen Lampe, die zittert und mehr als einmal auslöscht, ehe der Strom regelmäßig und dauerhaft wird. In den Synkopen dieser zuckenden Pulsschläge des Lichtes scheint dann natürlich das Dunkel noch viel dunkler und der Geist viel verwirrter. — Clerambault konnte sich nicht entschließen, auf die Meinung der anderen von vornherein zu verzichten.

Er beschloß, einen seiner Freunde nach dem andern zu besuchen, deren er viele in der Literatur und in den Kreisen der Universität und der intelligenten Bourgeoisie besaß. Es war ja nicht möglich, daß in ihrer großen Zahl sich nicht einer oder der andere fände, den so wie ihn und noch besser als ihn ein ahnendes Gefühl jener Probleme bewegte, von denen er selbst beunruhigt war, und der ihm zu einer Klärung verhelfen könnte. Ohne sich vorläufig noch zu verraten, ganz vorsichtig, versuchte er sie zu beobachten, sie auszuhorchen, die Gründe ihrer Gläubigkeit aufzuspüren. Aber er wurde nicht gewahr, daß seine eigenen Augen schon verwandelt waren. Und die Vision jener Welt schien ihm, so sehr er sie zu kennen glaubte, ganz neu und ließ ihn erstarren.