Der ganze Clan der Literatur hatte sich wehrhaft gemacht, man konnte die einzelnen Persönlichkeiten kaum mehr voneinander unterscheiden. Die Universität bildete gleichsam ein Ministerium der dienstbaren Vernunft und hatte das Amt übernommen, die Taten ihres Herrn und Meisters, des Staates, zu rechtfertigen. Und die einzelnen Arten der Dienstleistung unterschieden sich einzig durch ihre gewerbsmäßigen Verdrehungen.

Die schöngeistigen Professoren waren in erster Linie Experten für moralischen Aufschwung und rednerischen Syllogismus. Sie hatten alle die krankhafte Neigung, das Denken auf eine übermäßige Einfachheit zu restringieren, verwendeten statt Vernunftsgründen große Worte und werkelten immer einige wenige Ideen ab, aber Ideen ohne Tiefe, ohne Nuancen und ohne Leben. Diese Ideen holten sie sich aus dem Arsenal einer angeblich klassischen Antike, deren Schlüssel durch Jahrhunderte Generationen akademischer Derwische eifersüchtig bewahrten, und diesen geschwätzigen und alten Ideen, die man überdies noch „Menschheitsideen“ nannte, obwohl sie in vieler Hinsicht das Gefühl und das Empfinden der heutigen Menschheit verletzten, prägten sie den Stempel des Römerstaates auf, als des Prototyps aller europäischen Staaten. Ihre bevollmächtigten Interpreten waren die Schönredner im Staatsdienst.

Die Philosophen herrschten im Reiche der abstrakten Konstruktion. Sie exzellierten in der Kunst, das Konkrete durch Abstraktion, das Wirkliche durch seinen Schatten zu erklären, einige rasch und parteiisch gewählte Beobachtungen zum System zu erheben und dank ihrer Tüftelei aus diesen Systemen wieder Gesetze herauszuschwindeln, nach denen das Weltall wandeln sollte. Ihre ganze Mühe erschöpfte sich darin, das vielfältige und wandlungsvolle Leben der Einheit des Geistes fügsam zu machen — natürlich nur der Einheit ihres eigenen Geistes. Dieser Imperialismus der Vernunft stützte sich auf die willfährige Büberei jahrelang geübter Sophistik, die gewohnt war, mit Ideen zu spielen. Sie verstanden nur zu gut, sie auseinander- und wieder zusammenzuziehen, sie zu formen und zu pressen wie Knetgummi, für sie wäre es nicht schwer gewesen, ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen zu lassen. Sie wußten ebensogut das Weiße wie das Schwarze zu beweisen, und fanden, ganz wie es ihnen beliebte, in Immanuel Kant bald die Freiheit der Welt, bald den preußischen Militarismus.

Die Historiker wieder waren als bewährte Schriftführer, Notare und Rechtsanwälte des Staates zum Schutz seiner Verträge und Rechte beigestellt und bis an die Zähne bewaffnet für zukünftige Schikanen.... Die Geschichte! Was ist denn die Geschichte? Einzig die Geschichte des Erfolges, die Darstellung der vollzogenen Tatsachen, gleichgültig, ob sie gerecht oder ungerecht waren. An den Besiegten geht die Geschichte vorbei. Sie hat nur Schweigen für euch, ihr Perser von Salamis, ihr Sklaven des Spartakus, ihr Gallier, ihr Araber von Poitiers, ihr Albingenser, Irländer, Indier von West und Ost und ihr Eingebornen der Kolonien!... Wenn ein ehrlich denkender Mann, der Ungerechtigkeit seiner Zeit ausgesetzt, zu seinem eigenen Troste seine Hoffnung auf die Nachwelt setzt, so verschließt er die Augen vor den geringen Möglichkeiten, die jene Nachwelt hat, sich wahrhaft über die Vergangenheit Rechenschaft zu geben. Die Nachwelt erfährt immer nur das, was die Sachwalter der offiziellen Geschichte als vorteilhaft für die Sache ihres Klienten, des Staates, empfanden, es sei denn, daß der Rechtsanwalt der Gegenpartei, entweder der einer anderen Nation oder der einer sozialen oder religiösen unterdrückten Gruppe, seinen Einwand machte. Aber dafür besteht wenig Aussicht: das Geheimnis ist gut gewahrt.

Schönredner, Sophisten und Winkeladvokaten, das waren die drei Korporationen der staatlich patentierten philosophischen Fakultät.

Die „Wissenschaftler“ wären durch die Art ihrer Forschung ein wenig besser in der Lage gewesen, außerhalb der Beeinflussung und Berührung der Umwelt zu bleiben — vorausgesetzt, daß sie in ihrer Studienwelt verharrt hätten. Aber man hatte sie daraus vertrieben. Die praktische Anwendung der Wissenschaft hat eine so ungemeine Ausdehnung in der lebendigen Wirklichkeit eingenommen, daß die Gelehrten in die erste Reihe des Kampfes geschleudert wurden, wo sie unausweichlich der ansteckenden Berührung der öffentlichen Meinung ausgesetzt waren. Ihre Eigenliebe fand sich ganz unmittelbar an dem Siege der Allgemeinheit interessiert, denn diese benötigte ebenso den Heroismus der Soldaten wie die törichten Ansichten und die Lügen der Presse. Nur ganz wenige unter ihnen hatten die Kraft sich freizumachen, die meisten aber brachten die ganze Strenge, Härte und Unerbittlichkeit des geometrischen Geistes mit sich, dazu noch die professionellen Eifersüchteleien, die ja zwischen den verschiedenen Gelehrtengruppen der verschiedenen Länder immer sehr scharfe sind.

Die Schriftsteller schlechtweg, die Dichter, Romanciers, die Schaffenden ohne staatliche Bindung hätten den Vorteil ihrer Unabhängigkeit ausnützen können. Leider aber sind nur ganz wenige unter ihnen imstande, von sich selbst aus Ereignisse zu beurteilen, die die Grenzen ihrer gewöhnlichen ästhetischen oder geschäftlichen Betätigung überschreiten. Die meisten unter ihnen, und oft gerade die berühmtesten, sind ungebildet wie Karpfen. Das Beste wäre nun natürlich für sie gewesen, sie wären in ihrem beschränkten Gesichtskreise verblieben, wozu sie ihr natürlicher Instinkt eigentlich hätte leiten sollen. Aber ihre Eitelkeit fühlte sich törichterweise angestachelt, sich in die öffentlichen Geschehnisse einzumengen und auch ihrerseits ihr Wort über das Weltall zu sprechen. Da sie nun selbst nichts darüber zu sagen wußten als Verkehrtheiten, so inspirierten sie sich mangels persönlicher Meinung an Gemeinplätzen. Ihre Äußerungen sind bei einem solchen gewaltsamen Anlaß natürlich ungemein lebhaft, denn sie sind überempfindlich und von einer krankhaften Eitelkeit, die, da sie keine eigenen Gedanken auszudrücken vermag, diejenigen der anderen maßlos übertreibt. Dies ist ihre einzige Originalität, und Gott weiß, wie reichlich sie davon Gebrauch gemacht haben.

Wer bleibt also? Die Diener der Kirche? Gerade sie handhabten das schwere Geschütz: die Idee der Gerechtigkeit, der Wahrheit, des Guten und Gottes, auch sie hatten diese Artillerie in den Dienst ihrer Leidenschaften gestellt. Ihre unsinnige Anmaßung, die ihnen selbst nicht mehr bewußt ist, hat von Gott einfach Besitz ergriffen und sich das Privileg zugeschrieben, ihn en gros oder en détail zu verschleißen. Es fehlt ihnen dabei nicht so sehr an Aufrichtigkeit, an Tugend und selbst an Güte wie an Demut; gerade die Demut, die sie verkündigen, haben sie am wenigsten. Sie besteht für sie einzig darin, ihren Nabel zu betrachten, wie er sich im Talmud, der Bibel oder dem Evangelium spiegelt. In ihrem unmäßigen Stolz sind sie nicht weit von jenem mythischen Narren, der sich selbst für Gottvater hielt. Ist es wirklich um so viel weniger närrisch und um so viel weniger gefährlich, sich für seinen Stellvertreter oder seinen Schriftführer zu halten?

Clerambault fühlte entsetzt den krankhaften und fast hinfälligen Zustand der intellektuellen Klüngel. Das Übermaß der Organisation und der Gedankenübermittlung in der bürgerlichen Klasse hat etwas Verzerrtes und Mißgeburthaftes an sich. Das lebendige Gleichmaß ist zerstört, eine Bureaukratie des Geistes dünkt sich dem einfachen Arbeiter ungemein überlegen. Sicherlich ist sie nützlich — wer denkt daran das zu leugnen! Sie rafft ja Gedanken zusammen und ordnet sie in Register, sie verwandelt und verwendet sie im vielfältigsten Aufbau. Aber wie selten kommt es ihr in den Sinn, die Substanz, die sie zu ihrem Werk verwendet, zu prüfen und ihren Ideeninhalt zu erneuern. So bleibt sie die eifersüchtige Hüterin eines wertlos gewordenen Schatzes.

Wäre wenigstens dieser Irrtum ein ungefährlicher! Aber Ideen, die man nicht unablässig mit der Wirklichkeit vergleicht, die sich nicht in jeder Stunde im Strom der lebendigen Erfahrung baden, trocknen ein und werden dann giftige Substanzen. Sie werfen über das neue Leben ihre schweren Schatten, die Nacht verbreiten und Fieberschauer ausstreuen.