Wie stupide ist doch diese Behexung durch abstrakte Worte! Was hat es denn für einen Sinn, die Könige abzusetzen und diejenigen zu verlachen, die für ihre Gebieter sterben, wenn man an ihre Stelle nur tyrannische Wesenheiten setzt, die man mit den Flittern jener anderen bekleidet? Besser ein Monarch mit Fleisch und Knochen, den man sieht, den man fassen und unterdrücken kann, als diese Abstraktionen, diese Despoten, die keiner kennt und keiner jemals gekannt hat.... Denn wir haben mit den großen Eunuchen, mit den Priestern des „verborgenen Krokodils“, wie Taine es nannte, mit den ränkeschmiedenden Ministern zu tun, die das Götzenbild sprechen lassen. Ah, wenn diese Schleier doch endlich zerreißen und wir die Bestie kennen würden, die sich in uns versteckt! Es wäre weniger Gefahr für den Menschen darin, offenkundig eine Bestie zu sein, als die Brutalität hinter einem lügnerischen, kranken Idealismus zu verstecken, der die tierischen Instinkte nicht vernichtet, sondern sie vergöttlicht. Er idealisiert sie, um sie später zu rechtfertigen, und da er dies nicht vermag, ohne sie künstlich auf das Äußerste zu vereinfachen (dies ist ein Gesetz seiner geistigen Natur, die, um zu verstehen, ebensoviel zerstört als sie aufnimmt), so nimmt er ihnen, indem er sie nach einer einzigen Richtung hin verstärkt, ihre wahre Natur. Alles, was sich dann von dieser vorgeschriebenen Linie entfernt, was die enge Logik seiner geistigen Konstruktion stört, das leugnet er nicht bloß, sondern schafft es einfach zur Seite und befiehlt seine Vernichtung im Namen der geheiligten Prinzipien. So richtet er in der lebendigen Unendlichkeit der Natur riesige Verwüstungen an, damit nur einzig jene Gedanken stehen bleiben, die er sich ausgewählt hat und die sich dann in der Wüste und zwischen den Ruinen grauenhaft groß und einsam entwickeln, wie zum Beispiel die bedrückende Macht der despotischen Begriffsformen der Familie, des Vaterlandes und der beschränkten, blinden, tyrannischen Moral, die man in deren Dienst stellte. Der Unglückliche ist dann noch darauf stolz, obwohl er doch ihr Opfer ist. Längst würde es die Menschheit nicht mehr wagen, zuzugeben, daß sie sich für ihren bloßen Vorteil hinschlachtet. Ihres Vorteils, ihrer Geschäfte, ihrer Interessen rühmen sie sich längst nicht mehr, sie rühmen sich nur ihrer Ideen, die tausendmal mörderischer sind. Denn der Mensch sieht in den Ideen, für die er kämpft, seine menschliche Überlegenheit. Ich sehe seine Narrheit darin. Der kriegerische Idealismus ist eine Krankheit, die ihm allein vorbehalten ist, und seine Resultate sind denen des Alkoholismus ähnlich. Er schafft Einlaß für tausendmal so viel Schlechtigkeit und Verbrechen, halluziniert das geschwächte Denken mit Wahnbildern, denen er dann die Lebendigen aufopfert.
Welch ein tolles Schauspiel, wenn man sich in die Menschenschädel hinein versetzt denkt! Eine wilde Jagd von Gespenstern, die aus fiebernden Gehirnen aufsteigen: Gerechtigkeit, Freiheit, Recht und Vaterland... Und alle diese armen Gehirne sind gleich aufrichtig und klagen alle anderen an, es nicht zu sein. Und von diesem phantastischen Kampf zwischen mythischen Schatten sieht man von außen nichts als die Zuckungen und die Schreie der menschlichen Wesen, die von diesen Dämonenscharen besessen sind.... Und unter diesen blitzgeladenen Wolken, wo diese großen wütenden Vögel kämpfen, wimmeln und schieben sich die Wirklichkeitsmenschen, die Geschäftsleute, wie Ungeziefer in einem Pelz — offene Mäuler, gierige Hände — und hetzen heimtückisch zu dem Wahn, den sie ausbeuten, ohne ihn zu teilen.
O Gedanke, du furchtbare und schöne Blume, die aus dem Erdreich jahrhundertealter Instinkte aufwächst, welch ein Element bist du! Du dringst in den Menschen ein, du durchdringst ihn, aber du stammst nicht aus ihm, dein Ursprung ist ihm fremd und deine Kraft geht über ihn hinaus. Die Sinne des Menschen sind ihrem täglichen Gebrauch so ziemlich angepaßt, der Gedanke aber ist es nicht, er strömt über den Menschen hinaus. Er bringt ihn zur Verzweiflung. Eine unendlich kleine Zahl von Menschen vermag es, in diesem Strom ihre eigene Richtung beizubehalten, die große Masse aber wird ins Zufällige hingeschwemmt. Die ungeheure Kraft des Gedankens steht nicht im Dienst des Menschen; er versucht bloß, sich seiner zu bedienen, und die größte Gefahr ist, daß er vermeint, er sei sein Herr. In Wirklichkeit ist er wie ein Kind, das mit Explosivkörpern spielt. Es ist ein Mißverhältnis zwischen diesen gewaltigen Sprengmitteln und dem Zweck, für den sie die schwachen Hände des Menschen verwerten. Und manchmal sprengen sie eben alles in die Luft...
Wie dieser Gefahr begegnen? Den Gedanken ersticken? Die trunkenen Ideen ausroden? Das hieße, den Menschengeist entmannen, ihn des stärksten Anreizes zum Leben berauben. Und doch ist der Alkohol des Gedankens ein um so gefährlicheres Gift, als es den Massen meist in gefälschten Drogen eingegeben wird.... Mensch, werde nüchtern! Schau um dich, reiße dich los von den fremden Ideen, werde unabhängig von deinen eigenen Gedanken. Lerne den Riesenkampf dieser rasenden Phantome, die sich untereinander zerreißen, beherrschen. Vaterland, Recht, Freiheit, ihr großen Göttinnen, wir wollen euch vor allem eures Nimbusses entkleiden. Steigt nieder aus dem Olymp, kommt herab in eine Krippe wie Jesus, ohne Schmuck und ohne Waffen, reich nur durch eure Schönheit und unsere Liebe!... Ich kenne keine Götter namens Gerechtigkeit und Freiheit! Ich kenne nur meine Menschenbrüder und ihre Taten, die bald gerecht, bald ungerecht sind. Und ich kenne die Völker, die alle der wahren Freiheit beraubt sind, die alle sich nach der Freiheit sehnen und die doch alle sich mehr oder minder unterdrücken lassen.
§
Der Anblick dieser Welt inmitten ihres hitzigen Fiebers hätte einem Weisen das Verlangen eingeflößt, sich in irgendeinen Winkel zurückzuziehen und den Anfall vorübergehen zu lassen. Aber Clerambault war kein Weiser. Er wußte nur, daß er es nicht war. Er wußte, daß Sprechen nutzlos sei, und wußte doch zugleich, daß man sprechen müsse, wußte, daß er sprechen werde. Er trachtete nur, so lange als möglich den gefährlichen Augenblick zu verzögern, und seine Ängstlichkeit, die es sich noch nicht ausdenken konnte, allein im Kampfe gegen alle zu stehen, suchte rings um sich einen Gedankengefährten. Wäre man nur zu zweit oder dritt, so wäre es doch schon weniger hart, den Kampf zu beginnen.
Die ersten, deren Sympathie er vorsichtig zu suchen begann, waren arme Menschen, die, wie er, einen Sohn verloren hatten. Der Vater, ein bekannter Maler, hatte ein Atelier in der Rue Notre-Dame des Champs. Seit Jahren waren die Omer-Calvilles den Clerambaults liebe Nachbarn, ein gutes altes Ehepaar, sehr bürgerlich und sehr zärtlich vereint. Sie hatten jene Milde des Denkens, wie sie einer ganzen Reihe von Künstlern jener Zeit gemeinsam war, die Carrière nahegestanden und von der Lehre Tolstois von fern berührt worden waren. Ihre Schlichtheit, obwohl ein wenig künstlich, kam doch aus einer natürlichen Gutmütigkeit: die Tagesmode hatte sie nur ein wenig zu sehr unterstrichen. Niemand ist unfähiger, die Leidenschaften des Krieges zu verstehen, als Künstler dieser Art, die aufrichtig die religiöse Hochachtung vor allem Lebendigen zu ihrem Bekenntnis gemacht haben. Selbst in den ersten Kriegsmonaten hatten sich die Calvilles außerhalb der leidenschaftlichen Strömung gehalten, sie protestierten nicht dagegen, sie nahmen sie traurig, würdig hin, wie man eben Krankheit, Tod und die Schlechtigkeit der Menschheit hinnimmt. Die glühenden Gedichte Clerambaults, die er ihnen vorlas, hatten sie höflich angehört, doch sie fanden kein Echo bei ihnen... Aber seltsam, in der gleichen Stunde, wo Clerambault, ernüchtert vom kriegerischen Wahn, daran dachte, sich mit ihnen zu vereinen, entfernten sie sich von ihm, denn nun rückten sie an jene Stelle, die er eben verlassen hatte. Der Tod ihres Kindes hatte auf sie gerade die gegenteilige Wirkung von jener, die Clerambault verwandelt hatte: jetzt traten sie linkisch in den Kampf, gleichsam, um den Verlorenen zu ersetzen; Clerambault fand sie mitten in ihrem Elend, ganz beglückt durch die Nachricht, Amerika sei bereit, den Krieg zwanzig Jahre lang zu führen. Er versuchte zu sagen:
„Was bleibt denn noch in zwanzig Jahren von Frankreich, von Europa übrig?“
Aber mit einer hastigen Erregung schoben jene diesen Gedanken sofort zur Seite. Es schien, als sei es ihnen unbequem, daran zu denken oder davon zu sprechen. Jetzt handelte es sich einzig darum, zu siegen. Um welchen Preis? Das würde man nachher berechnen. — Siegen! — Wenn es dann in Frankreich keine Sieger mehr gäbe? Gleichgültig! Wenn nur die anderen, die da drüben, besiegt würden. Nein, das Blut ihres toten Kindes durfte nicht vergebens vergossen sein!
Und Clerambault dachte: