„Ist es nötig, daß zur Rache für ihn noch andere unschuldige Opfer hingeschlachtet werden?“

Und im Grunde dieser Seelen, dieser sonst wirklich guten Menschen las er:

„Warum denn nicht?“

Und er las es bei allen jenen, die wie die Calvilles im Kriege das Teuerste verloren hatten, einen Sohn, einen Gatten, einen Bruder:

„Mögen die anderen auch leiden! Wir haben auch gelitten! Wir haben nichts mehr zu verlieren.“

Wirklich nichts mehr? Doch! Eine einzige Sache, die der eifersüchtige Egoismus verbarg: ihren Glauben an den Nutzen ihres Opfers. Und diesen Glauben wollten sie sich nicht erschüttern lassen, um keinen Preis. Sie verboten es sich, daran zu zweifeln, daß es eine heilige Sache sei, für die ihre Toten gefallen waren. Und das wußten die Herren des Krieges wohl und verstanden es auf das beste, dieses Lockmittel auszunützen! — Nein, in diesen Trauerhäusern war kein Raum für den Zweifel Clerambaults und für sein Mitleid!

„Wer hat Mitleid mit uns gehabt?“ dachten diese Unglücklichen. „Und warum sollen dann wir welches haben?“

Es gab unter ihnen einige, die weniger hart getroffen waren. Aber was alle diese Leute der Bourgeoisie charakterisierte, war die Hypnose der großen Worte der Vergangenheit, unter der sie lebten, „der Wohlfahrtsausschuß... das Vaterland in Gefahr... Plutarchs Biographien... der alte Horaz“. Es war für sie unmöglich, die Gegenwart mit den Augen von heute zu sehen. Aber hatten sie denn überhaupt noch Augen, um zu sehen? Wieviele innerhalb der Bürgerwelt unserer Tage haben denn außerhalb des engen Kreises ihrer Geschäfte in den letzten dreißig Jahren die Kraft und den Willen gehabt, aus Eigenem denken zu wollen? Das fiel ihnen nicht einmal im Traume ein. So wie ihr Essen, servierte man ihnen ihre Gedanken fertig und gar gekocht und sogar noch bedeutend billiger. Für ein Geringes fanden sie sie täglich in der Zeitung. Die Begabteren, die sie in den Büchern suchten, gaben sich nicht die nötige Mühe, sie im Leben zu suchen, und behaupteten, daß sich das Leben in den Büchern spiegle. Wie bei Greisen verkalkten ihre Gliedmaßen, versteinerte ihr Geist.

In der breiten Herde dieser Wiederkäuerseelen, die ihr Futter von den Weiden der Vergangenheit nahmen, zeichneten sich damals besonders die Gruppen der strenggläubigen französischen Revolutionäre aus. Zur Zeit des 16. Mai und lange nachher noch, hatten sie als Brandstifter in der immer rückständigen Bourgeoisie gegolten. Nun aber, als gesetzte und wohlbestallte Fünfzigjährige, erinnerten sie sich mit Stolz, wie Erwachsene eben auf ihre Jungenstreiche stolz sind, an das Entsetzen, das ihre einstige, längst vergangene Kühnheit verursacht hatte. Vor ihrem eigenen Spiegel hatten sie sich nicht verändert, aber die Welt um sie war eine andere geworden, ohne daß sie dessen gewahr wurden, denn sie blickten ja immer nur auf die abgelebten Modelle, deren Gedanken sie nachbeteten. Es gibt einen merkwürdigen Nachahmungsinstinkt, ein Knechtschaftsbedürfnis des Denkens, das von einem losgelösten Stück Weltgeschichte nicht mehr loskommt. Statt Proteus, das ewige wandelhafte Leben, in seinem Fortgange zu verfolgen, rafft es die alte Haut auf, aus der die junge Schlange längst ausgebrochen ist, und versucht sie wieder darin einzunähen. Diese fanatischen Pedanten verblichener Revolutionen behaupten, daß alle zukünftigen Umwälzungen notwendig nach dem Modell der alten, toten Formen zurechtgeschnitten werden müssen, und vor allem dulden sie nicht, daß irgendeine neue Freiheit ein anderes Tempo einschlage und die Grenzen überschreite, an denen jene großmütterliche von 1793 erschöpft haltgemacht hatte. Ihr Zorn richtet sich darum weit mehr gegen die Respektlosigkeit der Jugend, die über sie hinaus will, als gegen das Gekläff der Greise, über die sie selbst hinausgekommen sind. Und das hat seinen guten Grund, denn an der Existenz dieser Jungen erkennen sie, daß sie selbst alt geworden sind. Und darum kläffen sie gegen sie.

In diesen Dingen wird sich nichts ändern. Ganz selten nur gestatten einige seltene Geister, wenn sie altern, dem Leben, daß es über sie hinaus seinen Lauf weiter nehme, und genießen großmütig, wenn ihre eigenen Augen erlöschen, die Zukunft mit den Augen ihrer Nachfolger. Aber die meisten von jenen, die als Junge die Freiheit geliebt hatten, wollen aus ihr einen Käfig für die neue Brut machen, sobald sie selber nicht mehr fliegen können.