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Clerambault hätte mehr Verständnis bei einigen Politikern finden können, denn die wußten von diesen Dingen ebensoviel, wie er selbst wußte, und sogar noch einiges mehr, aber das störte durchaus nicht ihren guten Schlaf. Seit ihrem ersten Sündenfall praktizierten sie munter die Technik der combinazioni, der Gedankenschwindeleien, sie gaben sich mit Recht der Täuschung hin, ihrer Partei zu dienen auf Kosten von ein paar Kompromissen. Eins weniger, eins mehr, was macht das aus?... Geradeaus zu gehen, geradeaus zu denken, war das einzig Unmögliche für diese Mollusken, die immer krumme Wege nahmen, sich schlangenhaft vorwärtsschoben, gleichsam nach rückwärts vorrückten, die, um den Triumph ihres Banners sicher zu machen, es durch den Schmutz schleiften und bäuchlings zum Kapitol emporgerutscht wären.

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Schließlich gab es auch da und dort unterirdisch einige Klarblickende. Aber sie waren mehr zu ahnen als zu sehen. Diese melancholischen Glühwürmchen löschten vorsichtig ihre Laternen aus, sie hatten Todesangst, daß man einen Schimmer wahrnehmen könnte. Zwar waren sie frei von dem Wahn des Krieges, aber sie waren nicht gläubig genug zur Tat wider den Krieg, sie blieben bloß Fatalisten und Pessimisten.

Clerambault erkannte, daß auch die höchsten Fähigkeiten des Herzens und des Geistes nur die öffentliche Knechtschaft verstärken, wenn sie nicht mit persönlicher Energie gepaart sind. Der Stoizismus, der sich den Gesetzen des Weltalls unterwirft, ist ein Hemmnis im Kampf gegen die Grausamkeit einzelner Gesetze. Statt zum Schicksal zu sagen: „Nein, hier ist kein Weg für dich“ (man wird ja sehen, ob es doch hindurchgeht), tritt der Stoiker höflich zurück und sagt: „Bitte, treten Sie ein!“

Der kultivierte Heroismus, die Neigung für das Übermenschliche, für das Unmenschliche, macht die Seele durch die Opfer trunken, und je toller sie sind, um so herrlicher erscheinen sie. Die Christen von heute, großmütiger als ihr Meister, geben alles dem Cäsar hin. Sobald er geruht, sie für irgendeinen Anlaß hinzuopfern, erklären sie diesen Anlaß schon für heilig. Fromm geben sie der Schande des Krieges die Glut ihres Glaubens hin und ihre Körper dem Scheiterhaufen. Die duldende, nachgiebige Resignation der Völker macht den Rücken krumm und läßt sich die Last aufladen: „Mach’ dir nichts draus!“ Zweifellos sind Jahrhunderte des Elends über diesen Stein dahingerollt. Aber auch der Stein verbraucht sich schließlich und wird Schlamm.

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Clerambault versuchte mit dem einen oder dem andern zu sprechen. Überall aber stieß er auf denselben Mechanismus unterirdischen, halb unbewußten Widerstandes. Sie waren alle mit dem Willen, nicht zu verstehen, oder eigentlich mit einem beharrlichen Gegenwillen ehern umgürtet. Von Gegenargumenten wurde ihre Vernunft so wenig berührt, wie eine Ente vom Wasser. Im allgemeinen sind die Menschen zum Zweck ihrer Bequemlichkeit mit einer ganz unschätzbaren Eigenschaft ausgerüstet, sie können sich nämlich auf Wunsch blind und taub machen, wenn sie etwas nicht sehen oder hören wollen. Und haben sie schon durch irgendeinen peinlichen Zufall irgend etwas bemerkt, was ihnen lästig ist, so verstehen sie die Kunst, es sofort wieder zu vergessen. Wieviele Bürger gab es doch in allen Vaterländern, die genau wußten, wie es um die beiderseitige Verantwortlichkeit im Kriege stand, die genau die verhängnisvolle Rolle ihrer politischen Führer kannten, aber sie zogen vor, sich selbst zu betrügen und sich so zu stellen, als wüßten sie nichts davon. Schließlich gelang es ihnen sogar, das genaue Gegenteil zu glauben.

Wenn nun schon jeder, so rasch er konnte, vor sich selber auswich, kann man sich vorstellen, wie hastig sie erst vor jenen flohen, die wie Clerambault ihnen behilflich sein wollten, sich selber zu erwischen. Um sich davonzumachen, schämten sich diese klugen, ernsten und ehrenwerten Männer nicht, alle jene kleinen Schliche und unredlichen Kniffe anzuwenden, deren sich sonst nur rechthaberische Frauen und Kinder bedienen. Aus Angst vor der Diskussion, die sie beunruhigen könnte, sprangen sie beim ersten ungeschickten Worte Clerambaults auf, rissen es aus dem Zusammenhange, fälschten es, wie es ihnen paßte, um sich darüber dann künstlich aufzuregen, laut mit aufgerissenen Augen zu schreien, sich entrüstet zu stellen und es schließlich wirklich im höchsten Maße zu werden. Sie schrien Zetermordio, und wenn man ihnen das Gegenteil bewies und sie zur Richtigstellung zwang, sprangen sie auf, schlugen die Türen zu: „Jetzt habe ich genug“. Um dann zwei Tage oder zehn nachher die breitgeschlagenen Themen aufzunehmen, als ob nichts vorgefallen wäre.

Andere wieder, die noch heimtückischer waren, forderten in bewußter Absicht die Unvorsichtigkeit Clerambaults heraus, sie reizten ihn durch freundliches Entgegenkommen, mehr zu sagen, als er eigentlich wollte, um dann plötzlich loszubrechen. Die Wohlwollendsten beschuldigten ihn, daß es ihm an gesundem Menschenverstand fehlte. („Gesund“ sollte natürlich heißen: an „meinem“, an „unserem“.)