Andere wieder waren Schönredner, die vor einem Wortturnier keine Angst hatten und gern die Diskussion aufnahmen in der Hoffnung, das verirrte Schaf wieder zur Herde heim zu führen. Sie diskutierten nicht die Anschauung Clerambaults selbst, sondern nur, ob sie zeitgemäß sei, und appellierten an seine gute Gesinnung.

„Gewiß, gewiß. Sie haben im Grunde recht, im Grunde denke ich ganz so wie Sie, fast so wie Sie. O, ich verstehe Sie, lieber Freund... Aber, lieber Freund, seien Sie vorsichtig, vermeiden Sie es doch, die Gewissen der Kämpfer zu beunruhigen... Schwächen wir doch nicht ihre Kraft. Man darf nicht jede Wahrheit aussprechen, wenigstens nicht sofort. Die Ihre wird sehr schön sein... in fünfzig Jahren. Man darf nicht hastiger sein wollen als die Natur, man muß warten..., warten bis die Zeit für sie reif sein wird...“

„Abwarten? Was abwarten? Bis der Appetit der Ausbeuter oder die Dummheit der Ausgebeuteten müde geworden ist? Können Sie denn nicht verstehen, daß die klaren und durchdringenden Gedanken der Besseren, wenn sie zugunsten der Blinden und der Denkungsart niedriger Menschen auf das Wort verzichten, geradewegs dem Lauf der Natur widerstreben, der sie zu dienen vorgeben, daß sie gegen den Sinn der Geschichte handeln, unter den sich zu beugen sie als ihre eigenste Ehre empfinden? Heißt das die Absichten der Natur in Ergebenheit anerkennen, wenn man einen Teil, und gerade den besten ihres Sinnes, zum Schweigen bringt? Diese Auffassung, die dem Leben seine kühnste Kraft entzieht und sie den Leidenschaften der Masse unterordnet, würde dahin führen, die Vorhut zu vernichten, die große Masse der Armee ohne Führung zu lassen.... Wenn ein Kahn sich nach einer Seite neigt, wollt ihr mich hindern, mich auf die andere zu setzen, um ein Gegengewicht zu schaffen? Oder soll sich die ganze Besatzung auf die Seite setzen, wo er schon überneigt? Die fortgeschrittenen Ideen sind das von der Natur gewollte Gegengewicht gegen die schwere Vergangenheit, die ihnen entgegenwirkt. Ohne sie geht der Kahn unter. — Wie man diese Ideen aufnimmt, das ist für mich nebensächlich. Wer sie ausspricht, muß sich darauf gefaßt machen, gesteinigt zu werden, wer sie aber nicht ausspricht, macht sich ehrlos. Er ist gleichsam ein Soldat, der mit gefährlicher Botschaft während der Schlacht ausgesandt wird. Hat er das Recht, sich solchem Auftrag zu entziehen?“

Sobald sie sahen, daß ihr Zureden ohne Wirkung auf Clerambault blieb, demaskierten sie ihre Batterien und beschuldigten ihn erbittert einer lächerlichen und gefährlichen Eitelkeit. Sie fragten ihn, ob er sich klüger dünke als alle anderen, weil er seine Meinung der der Nation entgegensetze, und worauf er denn eigentlich sein ungeheuerliches Selbstgefühl stütze. Es sei Pflicht, demütig zu sein, bescheiden an seinem Platze inmitten der Gemeinschaft zu verharren, sich zu beugen, wo sie gesprochen habe, und — ob man sie für nützlich halte oder nicht — sich ihren Befehlen zu unterwerfen. Wehe dem Aufrührer gegen die Seele seines Volkes! Gegen sie recht behalten wollen, heißt unrecht haben. Und das Unrecht wird zum Verbrechen, in der Stunde der Tat. Die Republik verlangt, daß ihre Kinder ihr gehorchen.

„Die Republik oder der Tod“, sagte Clerambault ironisch. „Schönes Land der Freiheit. Frei! Ja, es ist frei, aber nur deshalb, weil es dort immer Seelen wie die meine gegeben hat und geben wird, Seelen, die sich weigern, ein Joch zu tragen, gegen das sich ihr Gewissen wehrt. Aber welche Nation von Tyrannen auch! Wir haben nichts damit gewonnen, daß wir die Bastille eroberten. Einst gebot man ewige Gefängnishaft, wenn sich einer gestattete, anders zu denken als sein Fürst, und fand den Scheiterhaufen ganz am Platze für den, der anders dachte als die Kirche. Heute muß man genau so denken wie vierzig Millionen Menschen, ihnen nachlaufen in ihren leidenschaftlichen Widersprüchen, heute brüllen „Nieder mit England!“, dann morgen wieder „Nieder mit Deutschland!“, übermorgen vielleicht „Nieder mit Italien!“, jede Woche etwas anderes, heute einem Mann oder einem Gedanken zujubeln, den man morgen wird beschimpfen müssen. Und wenn man sich weigert, so setzt man sich der Unehre oder einem Revolverschuß aus. Was für eine erbärmliche Knechtschaft, die erbärmlichste von allen!... Was für ein Recht haben denn hundert Seelen, tausend Seelen oder vierzig Millionen Seelen, von mir zu verlangen, daß ich meine Seele verleugne? Jeder von Ihnen hat doch wie ich selbst nur eine. Vierzig Millionen Seelen zusammen bilden allzu oft nur eine Seele, die sich vierzigmillionenmal verleugnet... Ich denke, was ich denke, so denkt auch ihr, was ihr denkt!

Die lebendige Wahrheit kann nur aus dem Gleichgewicht entgegengesetzter Ideen entstehen. Damit alle Bürger den Staat ehren können, tut es not, daß der Staat auch seine Bürger ehre. Jeder von Ihnen hat seine Seele und hat sein Recht darauf, und seine erste Pflicht ist, sie nicht zu verraten, niemals den Zusammenhang mit seinem Gewissen zu verlieren.... Ich gebe mich keinem Wahn hin, ich maße meinem Gewissen keine übertriebene Bedeutung in einem stürzenden Weltall bei. Aber so wenig wir auch sein mögen, so wenig wir auch tun mögen, das, was man ist, muß man schlicht und stark sein, das, was man tut, schlicht und stark tun. Jeder kann sich täuschen, aber ob er sich täuscht oder nicht, er muß aufrichtig sein. Ein aufrichtiger Irrtum ist keine Lüge, er ist nur ein Schritt auf die Wahrheit zu. Lüge ist, vor der Wahrheit Angst haben und sie ersticken wollen. Wenn ihr tausendmal recht habt gegen einen aufrichtigen Irrtum — im Augenblick, wo ihr zur Gewalt greift, um ihn zu vernichten, begeht ihr das niedrigste Verbrechen gegen die Vernunft selbst. Wo die Vernunft verfolgt und der Irrtum verfolgt wird, bin ich für den Verfolgten, denn der Irrtum ist ebenso ein Recht wie die Wahrheit... Wahrheit? Wahrheit?... Wahrheit ist das ewige Suchen nach der Wahrheit. Achtet die Anstrengungen jener, die sich mühen, sie zu finden. Wenn man einen Menschen, der sich mühsam auf einem anderen Wege durchringt, verfolgt, weil er eine für den menschlichen Fortschritt weniger unmenschliche Bahn finden will — und sie vielleicht niemals findet —, so macht man aus ihm einen Märtyrer. Ihr sagt, euer Weg sei der bessere, der einzig gute? So geht ihn doch und laßt mich den meinen gehen! Ich zwinge euch ja nicht, mir zu folgen. Was regt ihr euch so auf? Habt ihr am Ende Angst, ich könnte recht haben?“

§

Clerambault beschloß, noch einmal Perrotin aufzusuchen. Trotz des Gefühls traurigen Mitleids, das jene letzte Begegnung in ihm hervorgerufen hatte, verstand er nun Perrotins ironische und kluge Haltung gegenüber der Welt besser. Und so sehr auch seine Achtung für den Charakter des alten Gelehrten nachgelassen hatte, seine Bewunderung für die hohe geistige Kraft desselben blieb doch unversehrt: noch immer betrachtete er ihn als einen Führer, der ihm helfen könnte, sich selbst zu erleuchten.

Man kann sich leicht denken, daß Perrotin sich nicht übermäßig entzückt zeigte, Clerambault wiederzusehen. Er war doch zu fein veranlagt, um nicht eine unangenehme Erinnerung an die kleine Feigheit bewahrt zu haben, die er damals nicht nur begangen (denn daraus machte er sich längst nichts mehr, daran war er zu gewöhnt), sondern die er stillschweigend vor dem Blicke eines makellosen Zeugen hatte bekennen müssen. Er sah eine Auseinandersetzung voraus, und Auseinandersetzungen mit Menschen von feststehender Überzeugung waren ihm ein Greuel. (Es gibt ja dann gar kein Amusement mehr, solche Leute nehmen alles ganz ernst.) Aber als höflicher, eigentlich gutmütiger und schwacher Mensch war er unfähig sich zu wehren, wenn man ihn geradeaus anpackte. Er versuchte zuerst, alle ernsten Gespräche auszuschalten. Als er aber merkte, daß Clerambault wirklich seiner bedurfte, und er ihn vielleicht von irgendeiner Unbedachtheit zurückhalten könnte, entschloß er sich mit einem Seufzer, ihm seinen Vormittag zu opfern.

Clerambault entwickelte ihm das Resultat seiner Bemühungen. Er war nun vollkommen klar darüber, daß die gegenwärtige Welt sich einem andern Ideal als dem seinen unterwarf. Er selbst hatte ja früher gleichfalls dies Ideal geteilt, ihm gedient und es gefeiert, und noch heute war er gerecht genug, ihm eine gewisse Schönheit zuzuerkennen. Bei den letzten Prüfungen war er aber auch des Sinnlosen und Widrigen dieses Ideals bewußt geworden und er fühlte, da er sich von ihm losgelöst hatte, sich nun genötigt, sich zu einem andern zu bekennen, das verhängnisvollerweise ihn mit dem früheren in Konflikt brachte. In kurzen und leidenschaftlichen Ausdrücken entwickelte Clerambault dieses neue Ideal und bat Perrotin, ihm klar und offen mit Hintansetzung jeder Höflichkeit und jeder Schonung zu sagen, ob er es richtig fände oder falsch. Perrotin nun, betroffen von Clerambaults tragischem Ernst, änderte sofort seinen Ton und stimmte ihm zu.