„Habe ich also unrecht?“ fragte Clerambault ganz voll Angst, „ich sehe gut, daß ich allein bin, aber ich kann nicht anders. Sagen Sie also, ohne mich zu schonen: ist es ein Unrecht von mir, daß ich das denke, was ich denke?“
Perrotin antwortete mit Ernst:
„Nein, mein Freund, Sie haben vollkommen recht.“
„Also ist es meine Pflicht, den mörderischen Irrtum der andern zu bekämpfen?“
„Das ist wieder eine andere Sache.“
„Habe ich also die Wahrheit nur dazu, um sie zu verraten?“
„Die Wahrheit, mein Freund... (nein, sehen Sie mich nicht so an!) Sie glauben jetzt, daß ich so wie jener andere sagen werde: „Was ist Wahrheit?“ Nein.... Ich liebe sie ebenso wie Sie und vielleicht länger als Sie.... Aber die Wahrheit, mein Freund, ist höher, weiter als Sie, als wir, als alle, die jemals lebten, leben und leben werden.... Immer wenn wir meinen, dieser großen Göttin zu dienen, dienen wir nur den Di minores, den Heiligen der Seitenkapellen, die von der großen Masse abwechselnd vergöttert und verlassen werden. Gewiß kann das nicht unsere, nicht Ihre und nicht meine Wahrheit sein, zu deren Ehre sich die heutige Welt mit korybantischer Leidenschaft hinschlachtet und verstümmelt. Das Ideal des Vaterlandes ist das eines großen grausamen Gottes, das der Zukunft im mythischen Bilde eines Chronos als Schreckgespenst, oder seines olympischen Sohnes, den Christus entthronte, erscheinen wird. Ihr Menschheitsideal ist auf einer höheren Stufe und kündigt einen neuen Gott an. Aber auch dieser Gott wird später von einem anderen entthront werden, der noch höher steht und noch mehr vom Weltall umfängt. Das Ideal wie das Leben hören nicht auf, sich zu entwickeln, und dieses unablässige Werden ist für einen freien Geist der wirkliche Inhalt der Welt. — Aber wenn es auch dem Geist gegeben ist, die Stufen dieser Entwicklung ungestraft im Fluge zu überspringen, so kommt man doch in dieser Welt der Tatsachen nur Schritt für Schritt vorwärts. In einem ganzen Leben dringt man vielleicht nur um ein paar Zoll vor.
Die Menschheit hat lahme Beine und Ihr ganzes Unrecht, Ihr einziges Unrecht ist, daß Sie ihr voraus sind um einen oder mehrere Tagemärsche. Aber gerade dieses Unrecht verzeiht man einem Menschen am wenigsten.... Und das geschieht vielleicht nicht ohne Grund. Denn wenn ein Ideal, wie jetzt jenes des Vaterlandes, gleichzeitig mit der Gesellschaftsform, von der es getragen wird, altert, so wird es bösartig und speit sein gefährlichstes Feuer aus. Der kleinste Zweifel an seiner Berechtigung macht es toll, denn der Zweifel steckt schon in ihm selbst. Täuschen wir uns nicht darüber: Die Millionen Menschen, die sich heute im Namen des Vaterlandes hinschlachten lassen, haben nicht mehr das junge gläubige Vertrauen von 1792 oder 1813, obwohl heute viel größere Ruinen und Trümmer aufrufen. Viele derer, die sterben, und selbst die, die sich bewußt töten lassen, fühlen im tiefsten Grunde ihrer Seele das furchtbare Nagen des Zweifels. Aber einmal in die Falle gegangen, zu schwach, aus ihr auszubrechen oder sich einen Ausweg zu erdenken, verbinden sie sich die Augen und werfen sich in den Abgrund, während sie gleichzeitig voll Verzweiflung ihren schon erloschenen Glauben bekennen. Aber vor allem schleudern sie in der Erbitterung einer uneingestandenen Rache diejenigen hinein, die durch ihre Worte oder ihre Haltung den Zweifel in ihnen erweckt haben. Denjenigen, die für einen Wahn sterben, diesen Wahn nehmen wollen, heißt, sie zweimal sterben lassen.“
Clerambault faßte ihn bei der Hand, damit er nicht weiterspräche. „O, Sie brauchen mir das nicht zu sagen, was mich ohnehin quält! Glauben Sie denn, daß ich nicht selbst die Angst fühle, diese Unglücklichen noch mehr zu verwirren? Ja, ich möchte den Glauben dieser armen Jungen schonen, nicht einen einzigen dieser Armen unglücklich machen, aber, mein Gott, was soll ich tun? Helfen Sie mir, aus diesem Zwiespalt herauszukommen, ob man das Böse ruhig geschehen lassen soll, die andern ruhig sich vernichten lassen, oder es wagen, ihnen noch mehr wehe zu tun, sie in ihrem Glauben zu verletzen und sich ihrem Haß auszuliefern eben dadurch, daß man sie retten will. Welches ist das richtige Gebot?“
„Sich selbst zu retten!“