„Mich selbst retten, heißt mich vernichten, wenn ich etwas auf Kosten der andern tue. Wenn wir nichts für sie tun — Sie, ich, denn wenn wir uns auch alle verbinden, sind wir doch noch immer zu wenige — dann geht Europa, dann geht die Welt zugrunde....“

Perrotin, die Ellbogen auf die Lehne gestützt, die Hände über seinem Buddhabauch gefaltet und die Daumen drehend, sah Clerambault auf das gutmütigste an, hob den Kopf und sagte:

„Ihre Menschengüte, Ihre künstlerische Empfindsamkeit täuschen Sie glücklicherweise, mein Freund. Die Welt ist noch nicht am Ende, die hat schon andere Dinge gesehen und wird noch andere sehen. Das, was heute geschieht, ist sicherlich sehr schmerzlich, aber keineswegs abnormal. Niemals noch hat ein Krieg die Erde gehindert sich weiter zu drehen, noch das Leben sich weiter zu entwickeln, ja, er ist sogar selbst eine Form dieser Entwicklung. Erlauben Sie einem alten, gelehrten Philosophen, Ihrem Heiligen Schmerzensmanne die ruhige Inhumanität seines Gedankens entgegenzustellen. Vielleicht finden Sie trotz allem sogar eine Erleichterung. — Diese Krise, die Sie so erschreckt, dieser Wirrwarr ist im Grunde eigentlich nichts als ein Zusammenziehungsphänomen, eine kosmische, lärmende, aber doch gesetzmäßige Kontraktion, ähnlich jenen Faltungen bei der Zusammenziehung der Erdkruste, die ja auch immer von zerstörenden Erdbeben begleitet sind. Die Menschheit zieht sich zusammen. Und der Krieg ist die eine solche Kontraktion begleitende Erschütterung. Gestern waren es noch in jeder Nation die Provinzen, die einander bekriegten, vorgestern in jeder Provinz die Städte, und heute, da die völkische Einheit schon ausgestaltet ist, bereitet sich eine viel umfassendere Einheit vor. Es ist natürlich sehr bedauerlich, daß diese Entwicklung durch Gewalt geschieht, aber Gewalt ist eben das natürliche Mittel in diesem Prozeß. Aus dem Explosivgemenge der zusammenstoßenden Elemente wird sich ein neuer chemischer Körper entwickeln. Wird es das einige Abendland, wird es Europa sein? — ich weiß es nicht. Aber sicher wird die neue Zusammensetzung neue Eigenschaften haben und viel reichere als die der einzelnen zusammensetzenden Elemente. Und dies ist noch nicht die letzte Etappe. So schön der gegenwärtige Krieg ist (ich bitte Sie um Entschuldigung, ich meine „schön“ im Hinblick auf den Geist, für den das Leiden nicht existiert), so werden noch schönere, noch großzügigere sich entfalten. Diese armen Kinder von Völkern, die sich einbilden, sie erbauten schon mit ihrem Kanonendonner den ewigen Frieden — sie werden noch warten müssen, bis das ganze Weltall durch diese Retorte hindurchgegangen ist. Der Krieg der beiden Amerika, der des neuen Kontinents und des gelben Kontinents, dann jener des Siegers mit der übrigen Erde — das wird uns noch ein paar Jahrhunderte zu schaffen machen. Und dabei sehe ich nicht einmal weit genug, ahne ich noch nicht einmal alles. Außerdem wird natürlich noch jeder dieser Zusammenstöße ausgiebige soziale Kriege zur Folge haben. Und erst dann, wenn dies alles erledigt ist, vielleicht in zehn Jahrhunderten (obwohl ich glaube, daß es vielleicht rascher geschehen könnte, als man meint, wenn man die Gegenwart mit der Vergangenheit in Vergleich setzt, weil sich im Fall die Geschwindigkeit beschleunigt), erst dann werden wir zu einer ein wenig ärmeren Synthese gelangen, denn von den Elementen der Zusammensetzung werden die besten und die schlechtesten unterwegs vernichtet worden sein; die ersten, weil sie zu zart waren, um den Unbilden zu widerstehen, die zweiten, weil sie zu widersetzlich waren und sich zu stark gegen die Amalgamierung wehrten. Dann werden jene sagenhaften Vereinigten Staaten der Erde erstehen, und ihr Bündnis wird um so dauerhafter sein, je mehr sich dann die Menschheit wahrscheinlich von gemeinsamen Gefahren bedroht sehen wird; die Marskanäle, die Eintrocknung der Planeten, die Erkaltung der Erdkruste, die geheimnisvollen Erkrankungen, die Pendeluhr Edgar Poes, die Vision des endgültigen Erlöschens der irdischen Geschlechter.... Ach, was für schöne Dinge wird es zu betrachten geben. In jenen letzten Ängsten wird das Genie der Rasse überreizt sein. Freilich, Freiheit wird’s wenig geben. Die menschliche Vielfalt muß gerade im Verschwinden notwendig zur Einheit des Gedankens und des Willens drängen (eine Richtung, in die sie übrigens auch heute schon ganz deutlich zielt); so wird sich ohne plötzliche Umkehr das Verschiedene in das Eine wieder zurückverwandeln, der Haß in die Liebe des alten Empedokles.“

„Und dann?“

„Dann? Dann wird wahrscheinlich alles nach einem Weltzeitraum von neuem anfangen. Ein anderer Kreis, eine andere Kalpa. Die Welt wird sich auf einem frisch geschmiedeten Rad wieder zu drehen beginnen.“

„Und des Rätsels Lösung?“

„Ein Hindu würde darauf antworten: Schiwa, der Zerstörer und der Schaffer, der Schaffer und der Zerstörer.“

„Welch ein entsetzliches Traumbild!“

„Das ist Auffassungssache. Die Weisheit macht einen immer frei. Für den Hindu ist Buddha der Befreier, mir für meinen Teil hilft schon die Neugierde über alles hinweg.“

„Aber nicht mir: ich kann mich nicht bescheiden mit der Weisheit des selbstsüchtigen Buddha, der nur sich frei macht und die anderen im Stiche läßt. Ich kenne wie Sie die Hindus und ich liebe sie. Aber auch bei ihnen hat Buddha nicht das letzte Wort der Weisheit gesprochen. Erinnern Sie sich an jenen Bodhisattva, den Meister des Mitleids, der den Eid geleistet, nicht früher Buddha zu werden, nicht früher sich ins Nirwana zurückzuflüchten, ehe er nicht alle Übel geheilt, alles Unrecht gesühnt, alle Seelen getröstet hätte.“