Aber der Mann, der mit geschlossenen Augen auf seinem Bette hingestreckt lag, sagte nichts von dem, was er in sich sah. Als er jetzt wieder ruhig die Augen aufschlug, fand er den verängstigten Blick des Vaters auf sich gerichtet, der ihn anflehte, zu sprechen.
Und da versuchte er mit einer linkischen und zärtlichen Gutmütigkeit zu erklären, daß der Kleine offenbar deshalb traurig gewesen war, weil er die Seinen hatte verlassen müssen, aber daß „man“ ihn schon wieder aufgerichtet hätte. „Man“ verstand ja seine Not.... Er selbst, der Krüppel, hätte ja nie einen Vater gekannt, aber als Kind hätte er davon geträumt, welches Glück es für die, die einen haben, sein müsse.
„So habe ich mir erlaubt... und habe zu ihm gesprochen, mein Herr, so, als ob ich Sie wäre... und der Kleine hat sich beruhigt. Er sagte mir, daß man doch eine Sache diesem verfluchten Krieg danke, nämlich daß er einem gezeigt habe, es gäbe viel arme Teufel auf der Erde, die sich nicht kennen und die aus demselben Holz geschnitzt sind. Man hört es oft genug, daß wir Brüder seien, von den Anschlagzetteln oder aus den Predigten, nur glaubt man’s eben nicht. Um es wirklich zu wissen, muß man einmal miteinander geschuftet haben... und da hat er mich umarmt.“
Clerambault stand auf, neigte sich über das umwickelte Gesicht des Verwundeten und küßte ihn auf die rauhe Wange.
„Sagen Sie, was ich für Sie tun kann“, fragte er.
„Sie sind sehr gut, mein Herr, aber viel ist nicht mehr zu tun. Ich bin sozusagen fertig. Ohne Beine, mit einem gebrochenen Arm, mit fast nichts Gesundem mehr, wozu wäre ich noch gut? Übrigens ist ja noch gar nicht gesagt, daß ich überhaupt davonkomme. Na, es wird eben gehen, wie es geht. Fahre ich ab, dann gute Reise, und bleibe ich, so wird man schon sehen. Man muß warten, es gibt ja immer Züge.“
Clerambault bewunderte seine Geduld. Der andere wiederholte immer seinen Refrain: „Ich bin halt eben daran gewöhnt, es ist kein großes Verdienst, geduldig zu sein, wenn man nicht anders kann... und dann, wir kennen das ja schon, ein bißchen mehr oder ein bißchen weniger... für uns dauert der Krieg das ganze Leben lang.“
Clerambault bemerkte, daß er in seinem Egoismus noch gar nicht nach Einzelheiten aus dem Leben des andern gefragt hatte, ja nicht einmal seinen Namen wußte.
„Mein Name? Der paßt gut zu mir: Courtois Aimé. Aimé ist der Vorname. Paßt wie ein Handschuh zu einem, der im Dreck sitzt.... Und dazu noch Courtois, ein guter Witz. Meine Eltern habe ich nicht gekannt, ich bin ein Findelkind. Der Pfleger vom Hilfshaus, ein Pächter in der Champagne, hat es übernommen, mich aufzuziehen, und er verstand sich darauf, der Kerl.... Ich bin gut herausgearbeitet worden! Na, ich habe wenigstens zu rechter Zeit schon gewußt, was mich im Leben erwartet. Es hat gut in meinen Napf geregnet.“
Und dann erzählte er mit ein paar kurzen trockenen Sätzen, ohne irgendwelche Erregung, die ganze Reihe der Unglücksfälle, die sein Leben zusammensetzten: die Ehe mit einem Mädchen, wie er ohne einen Pfennig Geld, der „Hunger, der den Durst heiratet“, Krankheiten, Todesfälle, den Kampf gegen die Natur — und das alles wäre noch nichts gewesen, hätte nicht noch der Mensch vom Seinen dazugetan. Homo homini... homo.... Die ganze soziale Ungerechtigkeit, die auf den Leuten der unteren Schichten lastet. — Clerambault konnte seine Erbitterung nicht verbergen, wie er ihm so zuhörte, aber Aimé Courtois regte sich durchaus nicht auf. Es ist eben so, es war immer so und wird immer so sein. Die einen sind da, um zu leiden, die anderen nicht. Es gibt keine Berge ohne Täler. Der Krieg war ihm als ein Blödsinn erschienen, aber er hätte nicht einen Finger gerührt, um ihn zu verhindern. In seiner Art war die ganze fatalistische Passivität des Volkes, das auf gallischer Erde sich in eine ironische Sorglosigkeit hüllt, das „Man darf sich nichts daraus machen“ der Schützengräben. Und es war auch die ganze falsche Scham der Franzosen darin, die vor nichts so Furcht haben wie vor dem Lächerlichen, die tausendmal lieber für eine Tollheit und sogar für eine, die sie selbst als solche erkennen, sich opfern würden, als sich dem Spott für irgendeine vernünftige Handlung auszusetzen, die nur nicht an der Tagesordnung war. Sich dem Kriege entgegenstellen, das wäre so, wie sich gegen das Gewitter stellen. Wenn’s hagelt, kann man halt nichts tun als, wenn es noch geht, die Fenster zuschließen und nachher sich die zugrunde gerichtete Ernte anschauen. Und dann fängt man wieder an bis zum nächsten Hagel, bis zum nächsten Krieg — in alle Ewigkeit. „Man darf sich halt nichts daraus machen“ — nie kam ihm der Gedanke, daß der Mensch den Menschen ändern könnte.