Ohne irgend jemand zu fragen, überbrachte er diese Seiten, kaum daß er sie geschrieben hatte, einem kleinen sozialistischen Verleger seines Viertels. Er kam erleichtert zurück und dachte:

„So, jetzt habe ich gesprochen. Jetzt beschäftigt es mich nicht mehr.“

Aber in der kommenden Nacht belehrte ihn plötzlich ein Stich in der Brust, daß es ihm mehr als je naheging. Er wachte auf. „Was habe ich denn getan?“ Er fühlte eine schmerzliche Scham, der Öffentlichkeit seinen heiligen Schmerz ausgeliefert zu haben. Ohne daran zu denken, daß seine Worte Zorn erregen könnten, hatte er doch ein Vorgefühl von Unverständnis, von grobschlächtiger Auslegung, die er als Profanation empfand.

Die nächsten Tage gingen vorüber. Es geschah nichts. Schweigen. Der Aufruf war in der allgemeinen Unaufmerksamkeit untergegangen. Der Verleger gehörte zu den wenig bekannten, die Versendung der Broschüre war nachlässig geschehen, und es gibt keinen gefährlicheren Tauben als den, der nicht hören will. Die wenigen Leser, die der Name Clerambault angezogen hatte, legten nach den ersten Zeilen die unwillkommene Lektüre zur Seite. Sie dachten: „Der arme Mann, sein Unglück ist im Begriff, ihm den Kopf ganz zu verdrehen“, was ein guter Vorwand für sie war, das Gleichgewicht ihres Herzens nicht in Erschütterung zu bringen.

Ein zweiter Artikel folgte. Clerambault nahm darin Abschied von dem alten, blutigen Götzenbild Vaterland, oder vielmehr, er stellte dem großen fleischfressenden Untier, dem sich die armen Menschen jener Zeit als Fraß hinwarfen, der römischen Wölfin, die erhabene Mutter alles Lebendigen entgegen: das Weltvaterland!

„An die einst Geliebte!“

„Kein bittererer Schmerz, als Abschied zu nehmen von der, die man einst geliebt. Sie aus meinem Herzen zu reißen, heißt mein Herz selbst ausreißen. Du Teure, Du Gute, Du Schöne — ach, hätte man wenigstens den blinden Vorzug jener leidenschaftlichen Liebhaber, die alles vergessen können, die ganze Liebe, das ganze Gute und Schöne von einst, um nur das Böse zu sehen, das man heute von der Geliebten erleidet, und zu erkennen, wie tief sie gesunken ist! Aber ich kann nicht, ich kann nicht vergessen. Ich werde Dich immer so sehen, wie ich Dich liebte, als ich noch an Dich glaubte, als Du mein Leitstern warst und mein bester Freund — Du, mein Vaterland! Warum hast Du mich verlassen? Warum hast Du uns verraten? Wäre ich allein mit meinem Leiden, ich verhehlte vielleicht die traurige Erkenntnis unter meiner hingegangenen Zärtlichkeit. Aber ich sehe Deine Opfer, die Völker, die jungen gläubigen und begeisterten Männer (und erkenne unter ihnen den, der ich einst war)... Wie hast Du uns betrogen! Deine Stimme schien uns die der brüderlichen Liebe, Du riefst uns zu Dir, um uns zu vereinen. Es sollte keine Einsamen mehr geben, alle sollten wir Brüder sein! Jedem liehest Du die Kräfte von tausend anderen, Du ließest uns unseren Himmel, unsere Erde und das Werk unserer Hände lieben, und wir liebten uns alle, indem wir Dich liebten..... Wohin hast Du uns jetzt geführt? Waren Deine Absichten, indem Du uns vereintest, einzig die, uns zahlreicher zu machen für den Haß und den Mord? Ach, wir hatten ja genug an unserem Einzelhaß. Jeder hatte sein Bündel von schlechten Gedanken, aber zumindest wußten wir, wenn wir ihnen nachgaben, daß es schlechte waren. Du aber, Du Vergifterin der Seele, Du nennst sie heilige...

Wofür diese Kämpfe? Für unsere Freiheit? Du machst ja Sklaven aus uns. Für unser Gewissen? Das schändest Du ja. Für unser Glück? Das plünderst Du doch. Für unser Wohlergehen? Unsere Erde ist zerstampft.... Wozu bedürfen wir neuer Eroberungen, da schon das Feld unserer Väter uns zu groß wurde: einzig nur für die Habgier von einigen Ausbeutern? Ist es denn die Aufgabe des Vaterlandes, diese Bäuche mit dem allgemeinen Elend zu füllen?

Vaterland, das Du Dich den Reichen verkauft hast, den Händlern mit der Seele und den Körpern der Völker, Vaterland, das Du Mithelferin und Verbündete geworden bist und ihre Niederträchtigkeit mit Deiner heroischen Gebärde deckst — hüte Dich! Die Stunde ist gekommen, wo die Völker ihr Ungeziefer von sich abschütteln, ihre Götter und ihre Herren, die sie mißbrauchen. Mögen sie unter sich selbst die Schuldigen verfolgen. Ich gehe geradeaus zum Herrn, dessen Schatten sie alle bedeckt. Du aber, das Du unbewegt thronst, indes die Massen sich in Deinem Namen hinschlachten, Du, das sie alle anbeten, indem sie einander alle hassen, Du, das Du Dich ergötzst, die blutige Brunst der Völker zu entzünden, Du Weibwesen, beutegierige Gottheit, Du falsche Christin, die Du über dem Gemetzel schwebst mit kreuzgefalteten Flügeln und Habichtsklauen — wer wird Dich aus unserem Himmel herabreißen, wer gibt uns die Sonne und die Liebe unserer Brüder zurück?...

Ich bin allein. Ich habe nichts als meine Stimme, die ein Hauch auslöschen kann, aber ehe sie hinschwindet, schreie ich auf: