Du wirst fallen, Tyrann, Du wirst fallen! Die Menschheit will leben. Die Zeit wird kommen, wo der Mensch Dein lügnerisches Joch zerbrechen wird. Die Zeit kommt. Die Zeit ist da.“
„Die Antwort der Geliebten“
„Dein Wort, mein Sohn, ist wie der Stein, den ein Kind gegen den Himmel wirft. Es erreicht mich nicht, es fällt auf Dich selbst zurück. Die Du schmähst und die meinen Namen fälschlich angenommen, ist ein Götzenbild, das Du Dir selbst geformt hast. Nach Deinem Bilde ist es geschaffen, nicht nach dem meinen. Das wahre Vaterland ist das des Allvaters, gemeinsam alle umfangend, und es ist nicht seine Schuld, wenn Ihr es klein macht nach Eurem eigenen Wuchs.... Ihr Unglücklichen, Ihr beschmutzt alle Eure Götter, es gibt nicht eine große Idee, die Ihr nicht erniedrigt. Das Gute, das man Euch erweisen will, verwandelt Ihr in Gift, das Licht, mit dem man Euch überschüttet, dient, Euch zu verbrennen. Ich war zu Euch gekommen, um Eure Einsamkeit zu erwärmen, ich habe Eure fröstelnden Seelen zu Herden vereinigt, aus Eurer zerstreuten Schwäche ein Bündel geformt. Denn ich bin die brüderliche Liebe, die große Bindung. Und gerade meinen Namen, o Tolle, habt ihr gewählt als Vorwand, um Euch zu vernichten.
Seit Jahrhunderten bemühe ich mich, Euch von den Ketten der Roheit zu befreien, Euch aus Eurer harten Selbstigkeit herauszutreiben. Keuchend schreitet Ihr vorwärts auf der Straße der Zeit. Die Provinzen und die Nationen sind die tausendjährigen Grenzen, die bisher als Rastpunkt Eurer Erschöpfung gesteckt waren. Eure Hinfälligkeit allein hat sie aufgerichtet. Um Euch weiter zu führen, muß ich warten, bis Ihr wieder Atem geholt habt.... Aber Ihr seid so schwach an Atem und am Herzen, daß Ihr aus Eurer Unfähigkeit eine Tugend macht. Ihr bewundert Eure Helden um der Grenze willen, vor denen sie erschöpft halt machen mußten, und nicht deshalb, weil sie sie als erste erreichten. Ihr aber, die Ihr mühelos dorthin gekommen seid, wo jene heldischen Vorläufer hingesunken sind, glaubt nun, selbst schon Helden zu sein.... Was habe ich mit Euren Schatten der Vergangenheit heute noch zu schaffen? Das Heldentum, dessen ich bedarf, ist nicht mehr das eines Bayard, einer Jeanne d’Arc, der Ritter und Märtyrer einer längst überwundenen Sache. Ich fordere Apostel der Zukunft, große Herzen, die sich für ein größeres Vaterland, für ein höheres Ideal aufopfern. Vorwärts! Überschreitet die Grenzen! Da Ihr aber noch Krücken braucht für Eure Schwäche, so rückt die Grenzen wenigstens weiter hinaus, an die Tür des Abendlandes, an das Ende Europas, bis Ihr Schritt um Schritt zum Ziel kommt, und die ganze Menschheit Hand in Hand rings den Erdball umschlingt.
Du erbärmlicher Schreiber, der Du Schmähreden gegen mich richtest, steige in Dein Selbst hinab und prüfe Dich selbst! Ich habe Dir die Macht des Wortes gegeben, daß Du die Männer Deines Volkes führest, und Du hast sie benützt, um Dich selbst zu betrügen und sie zu verwirren. Du hast die, die Du retten solltest, tiefer in ihren Irrtum hinabgestoßen, Du hattest den traurigen Mut, Deiner Lüge jenen hinzuopfern, den Du liebtest — Deinen Sohn. Wirst Du wenigstens jetzt, Du arme Ruine, wagen, Dich den anderen als Schaubild hinzustellen und zu sagen: „Da, sehet mein Werk, ahmt es nicht nach!“ Geh hin, und möge Dein Unglück andere, die später kommen, vor gleichem Schicksal beschützen! Wage es zu sprechen, schreie ihnen zu: Völker, ihr seid toll, ihr tötet das Vaterland, indes ihr glaubt, es zu verteidigen. Das Vaterland seid ihr, ihr alle, eure Feinde sind eure Brüder! Umarmt euch, ihr Millionen Lebendiger.“
§
Das gleiche Schweigen schien auch diesen neuen Schrei hinabzuschlucken.
Clerambault lebte außerhalb jener niederen Volkskreise, wo die warme Sympathie der schlichten und gesunden Herzen ihm gewiß nicht gefehlt hätte. So aber bemerkte er nichts von irgendeinem Echo seiner Ideen.
Aber obwohl er sich allein sah, wußte er doch, daß er es nicht war. Zwei verschiedene Gefühle, die einen Gegensatz zu bilden schienen — seine Bescheidenheit und sein Glaube — vereinten sich, um ihm zu sagen: „Was du denkst, denken auch andere, deine Wahrheit ist zu groß, und du bist zu klein, als daß sie nur in dir allein existieren könnte. Das, was du mit deinen schlechten Augen hast wahrnehmen können, dieses Licht strahlt, so wie zu dir, auch in andere Augen. In diesem Augenblicke neigt sich der Große Bär zum Horizont, tausend Blicke schauen vielleicht zu ihm auf, du siehst nicht diese Blicke, aber das ferne Licht vereint sie mit dem deinen.“
Die Einsamkeit des Geistes ist nur eine Illusion, eine bittere und schmerzhafte, aber eine, der keine tiefe Wirklichkeit entspricht. Selbst die Losgelöstesten von uns gehören doch alle zu einer sittlichen Familie, und diese Gemeinschaft der Geister ist nicht innerhalb eines Landes oder einer Zeit, sondern ihre Elemente sind verstreut durch die Völker und Jahrhunderte. Für einen konservativen Geist sind sie in der Vergangenheit, die Revolutionäre und die Verfolgten finden sie in der Zukunft. Zukunft und Vergangenheit sind nicht weniger wirklich als die augenblickliche Gegenwart, deren Mauer die zufriedenen Blicke der großen Menge einengt. Und selbst die Gegenwart ist nicht so, wie es die willkürlichen Abgrenzungen der Staaten, Nationen und Religionen glauben machen möchten. Die gegenwärtige Menschheit stellt einen Jahrmarkt von Gedanken dar. Ohne sie voneinander zu scheiden, hat man sie in Haufen aufgeschichtet, die rasch aufgerichtete Regale voneinander trennen: so sind oft Brüder von den Brüdern geschieden und unter Fremde geschichtet. Jeder Staat umschließt ganz verschiedene Rassen, die keineswegs geartet sind, gemeinsam zu denken und zu handeln, und jede der ideellen Familien oder Schwägerschaften, die man Vaterland nennt, umschließt Naturen, die in Wirklichkeit zu ganz anderen Familiengruppen der Gegenwart, der Vergangenheit oder der Zukunft gehören. Da die Staaten sie nicht aufsaugen können, so unterdrücken sie sie, und sie können sich der Vernichtung nur durch allerlei Schleichwege entziehen — entweder durch scheinbare Unterwerfung und innere Auflehnung, oder durch die Flucht, indem sie freiwillige Emigranten werden — „Heimatslose“. Wirft man ihnen vor, daß sie dem Vaterland unbotmäßig seien, so ist das ebenso unberechtigt, als wollte man den Irländern oder Polen vorwerfen, daß sie sich der Aufsaugung durch England oder Preußen zu entziehen suchen. Hier wie dort bleiben diese Menschen ihren wahren Vaterländern treu.