Die Wurzel des Übels war die Idee der Nation. Und diese geschwürige Stelle durfte man nicht anrühren, ohne daß die Bestie aufschrie. Clerambault attackierte sie schonungslos.
„... Was habe ich mit euren Nationen zu tun? Ihr verlangt von mir, ich solle einzelne Völker lieben und einzelne hassen. Ich liebe oder hasse Menschen. Und es gibt innerhalb jeder Nation vornehme, niederträchtige und mittelmäßige, nur daß in jeder einzelnen Nation die vornehmen und die niederträchtigen selten sind, die mittelmäßigen dagegen die große Masse bilden. Ich liebe einen Menschen oder liebe ihn nicht um dessentwillen, was er ist, und nicht dafür, was die anderen sind. Und gäbe es in einer Nation nur einen einzigen Menschen, den ich liebe, so würde mir das schon genug sein, um sie nicht als Gesamtheit zu verurteilen. — Ihr sprecht mir von den Kämpfen und dem eingebornen Haß der Rassen? Die Rassen sind die Farben im Prisma des Lebens, erst aus ihrem leuchtenden Zusammenspiel entsteht das Licht. Wehe dem, der dieses Prisma bricht! Ich gehöre nicht einer Rasse an, ich gehöre dem Leben, dem ganzen Leben. Ich habe Brüder bei allen Nationen, ob sie freundlich oder feindlich sind, und die mir zunächst Stehenden sind nicht immer jene, die ihr mir als Landsleute aufzwingen wollt. Die seelischen Familien sind über die ganze Welt hin zerstreut. Führen wir sie wieder zusammen! Unsere Aufgabe ist es, die chaotischen Nationen zu zerstören und an ihrer Stelle harmonische Gruppen zu bilden. Nichts wird dies verhindern können, und selbst die Verfolgungen werden aus dem allgemeinen Leiden nur die allgemeine Liebe der gemarterten Völker formen.“
Und andere Male betonte er in schonungsloser Weise seine persönliche Loslösung von dem Wettstreit der Nationen, obwohl er die Idee der Nation nicht leugnete, ja sogar als eine natürliche Tatsache anerkannte; denn Clerambault versteifte sich nicht auf die Logik, ihm kam es nur darauf an, das Götzenbild durch alle Lücken seines Harnisches zu treffen. Diese seine Haltung war nicht minder gefährlich.
„Ich kann keinen Anteil nehmen an den Streitigkeiten eurer Nationen um die Überlegenheit. Mir ist es gleichgültig, ob im Wettrennen diese oder jene Farbe den Sieg behält. Wer auch gewinnt, es ist doch immer die Menschheit, die den Sieg davonträgt. Für mich ist es nur gerecht, daß das lebendigste, das klügste, das arbeitsamste Volk in dem friedlichen Kampfe der Arbeit den Triumph erringe. Entsetzlich dagegen wäre, wenn die zurückgedrängten Nebenbuhler oder diejenigen, die eine Zurückdrängung befürchten, zur Gewalt griffen, um sich die Konkurrenz vom Halse zu schaffen. Dies würde die Unterordnung des Interesses aller Menschen unter einen geschäftlichen Gesichtspunkt bedeuten. Das Vaterland ist aber kein geschäftlicher Gesichtspunkt. Es ist nun gewiß traurig, daß das Aufsteigen der einen Nation den Niedergang der anderen verursacht, aber warum sagt ihr nicht, wenn der große Handel des eigenen Landes den kleinen Handel des eigenen Landes zugrunde richtet, dies sei ein Majestätsverbrechen gegen den Staat? Und doch richtet dieser Kampf viel traurigere und unverdientere Verheerungen an. Das ganze gegenwärtige ökonomische Gesellschaftssystem der Welt ist verhängnisvoll und lasterhaft, hier müßte man mit der Heilung einsetzen. Der Krieg aber, der versucht, den glücklicheren oder geschickteren Konkurrenten zugunsten des ungeschickteren oder trägeren zu begaunern, vergrößert nur die Mängel dieses Systems, denn er bereichert einzelne Wenige und ruiniert die ganze Gemeinschaft.
Es ist unmöglich, daß alle Völker auf derselben Straße im selben Schritt vorwärtsmarschieren. Abwechselnd überholen bald die einen die anderen und werden wieder selbst überholt. Aber was tut es, wenn sie nur im selben Zuge schreiten! Nur keine dumme Eigenliebe! Der Pol der Weltenergie verändert ständig seine Stelle, selbst im gleichen Lande verlegt er oft seinen Ruhepunkt. In Frankreich ist er von der römischen Provence an die Loire der Valois übergegangen, jetzt ist er in Paris, wird aber nicht immer dort bleiben. Die ganze Erde gehorcht einem wechselnden Rhythmus fruchtbaren Frühlings und einschlummernden Herbstes, die großen geschäftlichen Routen bleiben nicht unveränderlich, und die Schätze unter der Erde sind nicht unerschöpflich. Ein Volk, das sich durch Jahrhunderte ohne zu rechnen verausgabt hat, geht durch seinen Glanz dem Ende entgegen. Es kann sich nur erhalten, wenn es auf die Reinheit seines Blutes verzichtet und sich den anderen vermengt. Es ist zwecklos, es ist verbrecherisch, seine vergangene Zeit der Reife angeblich verlängern zu wollen, indem man andere hindert heranzuwachsen oder, wie unsere alten Leute von heutzutage, die Jungen in den Tod schickt. Das macht sie nicht jünger, aber sie töten die Zukunft damit.
Ein gesundes Volk versucht, statt sich gegen die Lebensgesetze entrüstet aufzulehnen, sie zu verstehen. Es sieht seinen wahren Fortschritt nicht im stupiden Willen, durchaus nicht alt werden zu wollen, sondern in einer unablässigen Bemühung, mit dem Alter fortzuschreiten, anders und größer zu werden. Jedes Alter hat seine Aufgabe. Ein ganzes Leben sich an die selbe anzuklammern, ist Faulheit und Schwäche. Lernt euch zu verwandeln, der Wandel ist das Leben. Die Werkstätte der Menschheit hat Arbeit für alle! So arbeiten wir Völker jedes für seinen Teil, und jedes sei stolz auf die Arbeit aller. Die Mühe und das Genie aller anderen sind auch die unseren.“
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Diese Artikel erschienen da und dort, wo es ihnen eben gelang, in irgendeinem jener kleinen fortschrittlichen, anarchistischen oder literarischen Blätter unterzukommen, in denen sonst die gewalttätigen Angriffe gegen Einzelpersonen den wohlbedachten Kampf gegen das Regime zu ersetzen versuchten. Die Aufsätze waren fast ganz unleserlich, so hatte die Zensur sie zugerichtet, die übrigens, wenn der Artikel dann in einer anderen Zeitung nachgedruckt wurde, manchmal mit launischer Vergeßlichkeit das durchrutschen ließ, was sie gestern verboten hatte, und das wieder wegschnappte, was sie gestern hatte durchgehen lassen. Es gehörte eine wirkliche Anstrengung dazu, ihren Sinn zu erfassen. Seltsamerweise waren es aber nicht die Freunde, sondern die Gegner Clerambaults, die sich dieser Mühe unterzogen. In Paris sind sonst die Polemiken von kurzer Dauer, denn die gefährlichsten Gegner, die wahrhaft Geschulten im Federkrieg, wissen sehr genau, daß Schweigen mehr schadet als Beschimpfung, und so gebieten sie oft ihrer Gehässigkeit Stille, um sich gewissere Wirkung zu sichern.
Aber in der hysterischen Krise, die damals die Seelen Europas schüttelte, gab es keine Richtschnur mehr, nicht einmal mehr eine für den Haß. Die Heftigkeit der Attacken Octave Bertins brachte Clerambault jeden Augenblick wieder der Öffentlichkeit in Erinnerung. Es half nichts, daß Bertin selbst verächtlich die anderen aufforderte: „Reden wir nicht mehr davon!“ Er redete selbst davon am Ende jedes einzelnen Artikels, in dem er seine Galle entlud.
Nun kannte Bertin zu genau alle geheimen Schwächen, alle geistigen Mängel und alle kleinen Lächerlichkeiten seines einstigen Freundes, als daß er sich das Vergnügen versagen konnte, sie mit sicherem Pfeil zu treffen. Clerambault, im Tiefsten verwundet und nicht klug genug, seinen Ärger zu verbergen, ließ sich in den Kampf hineinreißen, antwortete und zeigte, daß auch er den anderen bis aufs Blut verletzen könne. Eine brennende Gehässigkeit brach zwischen den beiden los.