Das Resultat war vorauszusehen. Bisher war Clerambault ungefährlich gewesen. Er beschränkte sich im ganzen auf die sittliche Abhandlung, seine Polemik trat nicht aus dem gedanklichen Kreis hervor und hätte ebensogut sich auf Deutschland, England oder auf das Rom von einst beziehen können wie auf das Frankreich von heute. In Wahrheit verstand er eigentlich höchst wenig von den politischen Dingen, über die er sich verbreitete, ebensowenig wie neun Zehntel aller Männer seiner Gesellschaftsklasse und seines Berufes. So konnte auch das, was er aufspielte, nicht die Herren der Stunde verwirren. Der lärmende Federkrieg Clerambaults und Bertins aber, inmitten des Durcheinanders und Getöses der Zeitungen, hatte eine doppelte Folge. Einerseits gewöhnte er Clerambault in seinem Gefecht zu feinerer Technik, und das zwang ihn, sich einen sichereren Grund unter den Füßen zu suchen als den der bloß logischen Streitigkeiten, andererseits brachte er ihn in Zusammenhang mit Männern, die die Tatsachen besser kannten und ihm Unterlagen für seine Aufsätze brachten. Seit einiger Zeit hatte sich in Frankreich ein kleiner, halb unterirdischer Zirkel gebildet, der sich mit einer unbeeinflußten Untersuchung und freien Kritik des Krieges und seiner Ursachen befaßte. Der Staat, der sonst so wachsam jeden Versuch freien Denkens zermalmte, hielt diese klugen, ruhigen Menschen, die meist Gelehrte waren, kein lärmendes Aufsehen zu bewirken suchten und sich mit Privatdebatten begnügten, für ungefährlich. Es schien ihm politischer, sie bloß zu bewachen, als zwischen vier Mauern einzusperren. Aber er täuschte sich in seiner Berechnung. Ist einmal die Wahrheit in bescheidener Mühe gefunden, und sei sie auch nur fünf oder sechs Menschen offenbar, so kann sie nicht mehr entwurzelt werden: sie steigt aus der Erde mit unwiderstehlicher Kraft. Clerambault erfuhr damals zum erstenmal, daß es solche leidenschaftliche Wahrheitssucher gab, die an jene aus der Zeit des Dreyfusprozesses erinnerten, und ihr geheimes Apostolat unter der allgemeinen Unterdrückung erinnerte ihn irgendwie an die kleine christliche Gemeinschaft zur Zeit der Katakomben. Mit ihrer Hilfe entdeckte er jetzt neben den Ungerechtigkeiten auch die Lüge des „großen Krieges“. Bisher hatte er davon nur ein dunkles Vorgefühl gehabt, doch vermochte er nicht zu ahnen, bis zu welchem Grade unsere nächste Zeitgeschichte gefälscht worden war. Sein Entsetzen war ungeheuer. Selbst in den Stunden eindringlichster Prüfung hatte sich seine naive Vorstellungsweise niemals die trügerischen Untergründe ausdenken können, auf denen ein solcher Kreuzzug für das Recht beruhte. Und da er nicht der Mann war, seine Entdeckung für sich zu behalten, schrie er sie in Aufsätzen offen aus, die sofort von der Zensur untersagt wurden, schob sie dann in satirischer, ironischer oder symbolischer Form in kleine Erzählungen und Fabeln in der Art Voltaires ein, die manchmal infolge Unachtsamkeit des Zensors glücklich durchgingen, aber Clerambault den Machthabern als einen ausgesprochen gefährlichen Menschen erscheinen ließen.
Die ihn zu kennen meinten, waren sehr von ihm überrascht. Von seinen Gegnern war er bisher allgemein als Sentimentaler behandelt worden, der er ja auch im Grunde gewiß war. Weil er es aber wußte und gleichzeitig Franzose war, besaß er die Gabe, selbst darüber zu lachen und sich lustig zu machen. Deutschen Sentimentalen mag es passen, blindlings an sich zu glauben; aber im Grunde der Seele des so beredten und empfindsamen Clerambault wachte der Blick des Galliers, der immer auf der Hut ist im tiefsten Dickicht seiner großen Wälder, der beobachtet, nichts übersieht und immer bereit ist, zu lachen. Und das Seltsamste war, daß dieser urhafte Trieb gerade in jenem Augenblick bei ihm ausbrach, wo man es am wenigsten erwartet hätte, in der Zeit der härtesten Prüfung und drohenden Gefahr. Das Gefühl für das Lächerliche der Welt belebte Clerambault gleichsam von neuem. Sein Charakter bekam plötzlich, kaum daß er sich von den Konventionen, in denen er gefangen war, freigemacht hatte, eine lebendige Vielfalt. Gut, zärtlich, kampfsüchtig, reizbar, über das Ziel hinausschießend, den Mißgriff anerkennend und heiter darüber hinweggehend, sentimental, ironisch, skeptisch und gläubig — immer erstaunte er selbst von neuem, wenn er sich im Spiegel dessen sah, was er schrieb. Sein ganzes Leben, das er bisher vorsichtig und bürgerlich in sich verschlossen hatte, brach nun, durch die moralische Einsamkeit und die gesunde Luft des Kampfes verstärkt, aus ihm heraus.
Und Clerambault merkte, daß er sich selber nicht kannte. Er war wie neugeboren seit jener Nacht der Angst, er hatte eine Art Freude kennen gelernt, von der er nie gewußt hatte, die schwindelige und losgelöste Freude des freien Mannes im Kampfe. Alle seine Sinne waren wie ein Bogen, gut und straff gespannt. Und er genoß im Tiefsten dieses vollkommene Wohlgefühl.
§
Jene aber in seiner nächsten Umgebung hatten von diesem Wohlergehen keinen Gewinn. Frau Clerambault bekam von dem Kampf nur die Unannehmlichkeiten zu fühlen, eine allgemeine Feindseligkeit, die schließlich selbst bei den kleinen Lieferanten ihres Bezirkes zutage trat. Rosine siechte sichtlich dahin. Die Wunden ihres Herzens, die sie verbarg, ließen sie schweigend verbluten. Sie selbst beklagte sich nie, aber ihre Mutter tat es für zwei. Ihre Verbitterung erstreckte sich gleicherweise auf die Dummköpfe, die sie beschimpften, und den unvorsichtigen Clerambault, der ihr diese Beschimpfung einbrachte. Bei jeder Mahlzeit gab es ungeschickte Vorwürfe, die ihn zum Schweigen bewegen sollten. Aber sie richtete nichts aus, die stummen wie die lärmenden Anklagen glitten machtlos an Clerambault ab. Zweifellos war er oft traurig und bedrückt, aber er gab sich jetzt ganz der Leidenschaft des Kampfes hin, und ein unbewußter, ja sogar ein wenig kindlicher Egoismus ließ ihn alles ausschalten, was ihm dieses neue Vergnügen hätte stören können.
Äußere Umstände kamen Frau Clerambault zu Hilfe. Eine alte Verwandte, die sie aufgezogen hatte, starb und hinterließ den Clerambaults ihren kleinen Besitz im Berry, den sie bewohnt hatte. Frau Clerambault benützte diesen Trauerfall, um sich von Paris zu entfernen, das ihr jetzt zum Abscheu geworden war, und vor allem um ihren Mann diesem gefährlichen Milieu zu entreißen. Sie schützte außer ihrem Schmerz praktische Gründe und die Gesundheit Rosinens vor, der diese Luftveränderung gut tun würde. Clerambault gab nach. Sie reisten alle drei ab, um ihre kleine Erbschaft in Besitz zu nehmen, und blieben den Sommer und Herbst über im Berry.
Das altbürgerliche Haus lag auf dem Lande, am Ausgang eines Dorfes. Aus der Erregung von Paris war Clerambault plötzlich in eine stockende Ruhe versetzt. Die Stille der Tage unterbrach nur der Ruf der Hähne in den Bauernhöfen, das Brüllen des Viehes auf der Weide. Aber das Herz Clerambaults war zu sehr fieberhaft geworden, um sich dem friedfertigen und langsamen Rhythmus der Natur anzupassen. Einst hatte er ihn bis zur Vergötterung geliebt, einst war er in Harmonie mit dem Landvolk gewesen, dem seine eigene Familie entstammte, aber heute machten ihm die Bauern, mit denen er zu sprechen versuchte, den Eindruck von Menschen eines anderen Planeten. Zwar waren sie nicht vom Kriegsgift verseucht, sie zeigten keine Leidenschaft und keinen Haß gegen den Feind, aber sie zeigten auch keinen gegen den Krieg. Sie nahmen ihn als eine Tatsache hin, ließen sich nichts über ihn vormachen (gewisse Bemerkungen voll gutmütiger Ironie verrieten, daß sie wußten, was er wert sei), aber zunächst beschränkten sie ihre Bemühung darauf, ihn auszunützen. Sie machten gute Geschäfte. Sie verloren zwar ihre Söhne, aber sie verloren nicht ihr Hab und Gut. Wenn ihre Trauer sich auch nicht sehr offensichtlich ausdrückte, so konnte man ihnen doch deutlich anmerken, daß sie für das Leid nicht unempfindlich waren. Aber schließlich: ein Menschenleben geht dahin und die Erde bleibt. Sie hatten wenigstens nicht wie die Bourgeoisie der Städte ihre Kinder aus nationalem Fanatismus in den Tod geschickt, aber, sobald es einmal geschehen war, wußten sie ihre Opfer in gute Werte umzusetzen und wahrscheinlich hätten das sogar ihre hingeopferten Söhne ganz natürlich gefunden. Muß man denn, wenn man das, was man liebt, verliert, immer auch gleich den Kopf dazu verlieren? Die Bauern hatten ihn nicht verloren. Man erzählt, der Krieg habe im französischen Flachland etwa eine Million neuer Grundbesitzer geschaffen. Die Gedankenwelt Clerambaults fühlte sich hier ganz einsam und ausgeschlossen. Sein Denken und das ihre sprachen nicht dieselbe Sprache. Hie und da tauschten sie mit ihm einige allgemeine bekümmerte Reden aus. Aber die Bauern beklagen sich ja immer, wenn sie mit dem Städter sprechen. Es ist bei ihnen schon so Sitte, eine Art, sich gegen einen möglichen Appell an ihren Geldsack zu schützen. Sie hätten im selben Ton über Maul- und Klauenseuche gesprochen. Clerambault blieb für sie der Pariser. Was immer sie auch denken mochten, ihm hätten sie es nie gesagt. Er war für sie von einer anderen Rasse.
Dieses Fehlen jeder Resonanz erstickte das Wort Clerambaults. Leicht zu beeinflussen, wie er war, kam er dahin, es selbst nicht mehr zu hören. Stille war um ihn. Die Stimmen der unbekannten und fernen Freunde, die ihn zu erreichen versuchten, wurden durch die Spionage der Post aufgefangen — einen jener Schandmale, mit dem sich diese Zeit entehrt hat. Unter dem Vorwand, die Spionage des Auslandes zu unterdrücken, machte der Staat damals aus seinen eigenen Bürgern Spione. Er begnügte sich nicht damit, die Politik zu überwachen, er vergewaltigte auch das Denken und erzog seine Agenten zum gemeinen Dienst von Horchern an der Wand. Die Vorteile, die er ihnen für eine solche Niedrigkeit bot, erfüllten bald das Land (alle Länder) mit freiwilligen Spitzeln, Leuten der guten Gesellschaft, drückebergerischen Schriftstellern in großer Zahl, die ihre Sicherheit dadurch erkauften, daß sie die der andern verrieten und ihre Angebereien mit dem Worte „Vaterland“ deckten. Dank diesen Angebern war es den frei Denkenden, die sich suchten, nicht möglich, einander die Hände zu reichen. Das ungeheure Untier Staat hatte eine mißtrauische Angst vor dem halben Dutzend freier, alleinstehender, schwacher machtloser Menschen, so sehr brannte es der Dorn seines schlechten Gewissens. Und jede dieser freien Seelen siechte hin in ihrem Kerker, umschlossen von einer unsichtbaren Überwachung. Und da einer vom anderen nicht wußte, daß sie alle das gleiche litten, starben sie langsam hin in ihrer eisigen Einsamkeit, ihrer Verzweiflung.
Die Seele, die Clerambault in seinem eigenen Leibe trug, war zu brennend, um sich durch dieses Leichentuch von Schnee ersticken zu lassen. Aber die Seele allein reicht nicht aus in solchen Krisen. Der Körper ist eine Pflanze, die der menschlichen Erde bedarf. Der Sympathie beraubt, gezwungen, sich von seiner eigenen Substanz zu nähren, kränkelt er hin. Alle Überlegungen Clerambaults, mit denen er sich zu beweisen suchte, daß sein Gedankengang jenem von Tausenden Unbekannten entspräche, konnten nicht den lebendigen, leibhaftigen Kontakt mit einem einzigen schlagenden Herzen ersetzen. Der Geist kann sich mit dem Glauben begnügen. Aber das Herz ist der ungläubige Thomas, der berühren muß, um zu glauben.
Clerambault hatte diese seine physische Schwäche nicht vorausgesehen. Es war wie eine Erstickung: die Haut wird trocken, das Blut vom brennenden Körper aufgesogen, die Quellen des Lebens versiegen im luftleeren Raum.