Da geschah es eines Abends, als er wie ein Schwindsüchtiger an einem drückenden Tage von Zimmer zu Zimmer auf der Suche nach einem Atemzug frischer Luft durch das Haus geirrt war, daß ein Brief ankam, dem es gelungen war, zwischen den Maschen des Netzes durchzuschlüpfen. Ein Mann etwa seines Alters, ein Dorflehrer in irgendeinem verlorenen Tale des Dauphiné, schrieb ihm:

„Der Krieg hat mir alles genommen. Von denen, die ich kannte, hat er die einen getötet, die anderen erkenne ich nicht mehr. Auf allem, was mir einst das Leben lebenswert erscheinen ließ, auf meiner Hoffnung eines Fortschrittes, auf meinem Vertrauen in eine Zukunft geistiger Brüderlichkeit, stampfen sie mit ihren Füßen herum. Ich siechte hin vor Verzweiflung, als ich durch einen Zufall dank einer Zeitung, die Sie beschimpfte, Ihre Aufsätze „Ihr Toten“ und „An die einst Geliebte“ kennen lernte. Ich habe sie gelesen und vor Freude geweint. Man ist also doch nicht ganz allein? Man leidet also doch nicht allein? Und nicht wahr, mein Herr, Sie glauben noch an diesen Glauben, sagen Sie es mir, Sie glauben doch noch an ihn? Er lebt also immer noch und sie werden ihn nicht töten können? Ach, wie wohl das tut, ich fing schon an zu zweifeln! Verzeihen Sie es mir, aber man ist alt, man ist allein, man ist recht müde.... Ich segne Sie, mein Herr. Jetzt werde ich ruhig sterben können, jetzt weiß ich, dank Ihnen, daß ich mich nicht getäuscht habe!“

Und es war sofort, als ob die Luft durch irgendeine plötzliche Öffnung einbräche. Die Lunge spannte sich aus, das Herz begann wieder zu schlagen, die Quelle des Lebens wieder zu sprudeln, um das ausgetrocknete Strombett der Seele von neuem zu füllen. O wie doch immer ein liebender Mensch des andern bedarf! Du Hand, zu mir hinübergereicht in der Stunde der Angst, du Hand, die du mich fühlen ließest, daß ich nicht ein abgerissener Zweig war vom Baum des Lebens, sondern hinabreiche bis zu seinem Herzen — ich rette dich und du rettest mich. Ich gebe dir meine Kraft und sie stirbt hin, wenn du sie nicht nimmst. Die einsame Wahrheit ist wie ein Funke, der als einziger, züngelnd und vergänglich vom Kiesel springt. Wird er nicht verlöschen? Nein. Er hat eine andere Seele berührt, und ein Stern flammt in der Tiefe des Horizonts auf.

§

Nur einen Augenblick war es Clerambault vergönnt, ihn zu sehen. Dann trat er hinter dem Gewölk zurück und verschwand für immer.

Clerambault schrieb noch am selben Abend dem unbekannten Freunde. Er vertraute ihm mit voller Hingabe seine Prüfungen und seine gefährlichen Überzeugungen an. Der Brief blieb ohne Antwort. Nach einigen Wochen schrieb Clerambault nochmals, hatte aber auch diesmal keinen Erfolg; doch sein Hunger nach einem Freund, mit dem er leiden und hoffen konnte, war so gierig geworden, daß er mit der Eisenbahn nach Grenoble fuhr und von dort zu Fuß bis zu dem Dorf ging, dessen Adresse er bewahrt hatte. Aber als er, das Herz schon ganz selig über die Überraschung, die er bereiten würde, an die Tür der Schule klopfte, verstand der Mann, der ihm auftat, nichts von dem, was er ihm sagte. Nach kurzer Auseinandersetzung erfuhr er, daß der Lehrer, mit dem er sprach, neu in das Dorf gekommen sei. Sein Vorgänger war vor einem Monat versetzt und strafweise in eine entfernte Gegend geschickt worden, aber es blieb ihm erspart, die Reise zu machen. Eine Lungenentzündung hatte ihn am Tage, ehe er den Ort verlassen sollte, den er dreißig Jahre bewohnt, dahingerafft. Nun durfte er noch weiter darin wohnen, aber unter der Erde. Clerambault sah das Kreuz auf dem noch frischen Hügel und erfuhr niemals, ob der entschwundene Freund wenigstens seine zärtlichen Worte empfangen hatte. Es war besser für ihn, im Zweifel zu verharren, denn niemals hatte der entschwundene Freund seine Briefe erhalten, selbst jenes letzten Lichtscheins hatte man ihn beraubt.

§

Das Ende jenes Sommers im Berry war eine der unfruchtbarsten Epochen im Leben Clerambaults. Er sprach mit niemandem mehr, er schrieb nicht mehr. Mit der arbeitenden Bevölkerung in direkten Verkehr zu kommen, bot sich keine Möglichkeit. Bei den seltenen Gelegenheiten, wo er vordem dem Volke nahetreten konnte (bei Massenaufläufen, bei Festlichkeiten und bei der Arbeit an der Volksuniversität), war es ihm immer lieb geworden. Aber eine Scheu, übrigens eine, die beiderseitig war, hinderte ihn, sich ganz hinzugeben. Beide Teile hatten immer das bald stolze, bald peinliche Gefühl der eigenen Minderwertigkeit. Denn Clerambault dünkte sich in vielen Dingen, und zwar in den wesentlichsten, geringwertiger, als die intelligenten Arbeiter (und er hatte auch recht, denn aus ihren Reihen werden die Führer der Zukunft erstehen). Unter der Auslese der Arbeiterschaft gab es damals anständige und männliche Geister, die Clerambault wohl hätte verstehen können. Mit ihrem ungebrochenen Idealismus hielten sie sich fest an die Wirklichkeit und, gewöhnt an den täglichen Kampf, seine Täuschungen und seinen Betrug, hatten sich diese Männer, von denen einige, obzwar noch jung, schon Veteranen im sozialen Kampf waren, zur Geduld erzogen. Sie hätten Clerambault darin belehren können. Diese Leute wußten wohl, daß alles erarbeitet sein muß, daß man nichts umsonst bekommt, daß alle diejenigen, die das Glück der zukünftigen Generation wollen, es mit ihren persönlichen Leiden bezahlen müssen. Sie wissen, daß der geringste Fortschritt nur Schritt für Schritt erobert wird und oft zwanzigmal verloren geht, ehe er endgültig erreicht wird. (Es gibt ja nichts wirklich Endgültiges...) Clerambault hatte großes Verlangen nach diesen Menschen, die stark und geduldig wie die Erde waren. Und seine heiße Intelligenz hätte sie bestrahlt und erwärmt.

Aber zwischen ihnen und ihm bestand das altväterliche, verletzende und der Gemeinschaft nicht weniger als dem Einzelnen verhängnisvolle System der Kasten, das zwischen den angeblich gleichen Bürgern unserer verlogenen Demokratien steht, und das aus der übergroßen Verschiedenheit der Vermögensverhältnisse, der Erziehung und der Lebensform stammt. Zwischen den einzelnen Kasten bestand nur eine Verbindung durch die Journalisten, die, eine Kaste für sich bildend, weder die eine noch die andere wirklich darstellten. Einzig die Stimme der Zeitungen durchhallte das Schweigen Clerambaults. Nichts war imstande, ihr „Quorax quorax breke-ke-kex“ zu stören.

Die unglücklichen Folgen einer neuen Offensive fanden die Journale wie immer unerschütterlich auf ihrem Posten. Wieder einmal waren die optimistischen Orakel der Hinterlandspriester zunichte geworden, aber niemand schien es zu bemerken. Sie ließen nur andere Orakel folgen, die mit der gleichen Zuversicht verabreicht und verschluckt wurden. Weder diejenigen, die sie schrieben, noch die, die sie lasen, wollten eingestehen, daß sie sich getäuscht hatten, und, so aufrichtig sie auch gegen sich sein mochten, sie merkten nichts davon. Sie erinnerten sich selber nicht mehr an das, was sie tags zuvor gesagt hatten. Und wie wollte man auch dies seltsame Wesen mit dem Vogelgehirn fassen? Kopf oben, Kopf unten — man mußte schließlich ihre Gabe anerkennen, nach allen Kapriolen immer wieder auf die Füße zu fallen. Jeden Tag hatten sie eine andere Überzeugung. Sie brauchte nicht dauerhaft zu sein, nachdem man am anderen Tage wieder eine andere hatte. Zu Ende des Herbstes begann man in den Zeitungen, um die sinkende Moral des Hinterlandes, die bei dem Vorgefühl des traurigen Winters nachzugeben begann, wieder neu zu kräftigen, eine neue Propaganda deutscher Greuel. Sie erfüllte vortrefflich ihren Zweck. Das Thermometer der öffentlichen Meinung stieg plötzlich wieder zur Fiebertemperatur auf. Selbst in dem friedlichen Städtchen des Berry äußerten sich während einiger Wochen alle Leute in erbittertster Weise. Sogar der Priester steuerte sein Scherflein bei und hielt eine Rachepredigt. Clerambault, der es von seiner Frau beim Mittagessen erfuhr, sprach seine Ansicht darüber in Gegenwart des bedienenden Mädchens ohne Rücksicht aus. Am Abend wußte schon das ganze Dorf, daß er ein Boche sei, und seitdem konnte es Clerambault jeden Morgen an seiner Tür angeschrieben lesen. Die Laune Frau Clerambaults wurde dadurch nicht gebessert. Rosine wiederum, die in ihrem jugendlichen Kummer über die getäuschte Liebe eine religiöse Krise durchmachte, war zu sehr mit ihrem eigenen Schmerz und seinen Verwandlungen beschäftigt, um an die Qual der anderen zu denken. Selbst die zärtlichsten Naturen haben ihre Stunde eines naiven und vollkommenen Egoismus.