Der Instinkt des Mordes ist in das Herz der Natur geschrieben. Ein wahrhaft teuflischer Instinkt, weil er die Wesen nicht bloß geschaffen zu haben scheint, um zu essen, sondern auch, um gegessen zu werden. Eine Spielart des Kormorans nährt sich von Meerfischen. Die Fischer rotteten nun diese Vögel aus, da verschwanden die Fische, denn sie wiederum nährten sich von den Exkrementen der Vögel, die sich von ihnen nährten. So ist die Kette der Wesen eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt und sich selber frißt.... Wäre nun wenigstens nicht auch noch das Bewußtsein geschaffen, daß der Mensch selbst dieser eigenen Marter zusehen muß! Oh, wie dieser Hölle entfliehen?... Zwei Wege gibt es, zwei einzige Wege, den Weg Buddhas, der den schmerzhaften Wahn des Lebens zum Erlöschen bringt — und den Weg des religiösen Wahns, der über Verbrechen und Schmerzen den Schleier einer blendenden Lüge wirft! Das Volk, das die andern vernichtet, wird da zum auserwählten Volke, es wirkt für seinen Gott. Das Gewicht der Ungerechtigkeiten, das die eine Waagschale des Lebens niederdrückt, findet sein Gegengewicht im Jenseits der Träume, wo alle Wunden und Qualen gelindert werden. Die Formen dieses Himmelreiches sind verschieden von Volk zu Volk, von Zeit zu Zeitalter, und diese Verschiedenheit nennt man dann Fortschritt. Aber es ist doch immer ein und dasselbe Verlangen nach einem Wahn. Man muß dieser furchtbaren Bewußtheit das Maul stopfen, die alles sieht und Rechenschaft verlangt für jede Ungerechtigkeit des Gesetzes. Wirft man ihr nun nicht rasch einen Brocken zum Fraße hin, irgendeinen Glauben, so heult sie vor Hunger und Angst. Man muß glauben. Glauben oder krepieren.... Und darum haben sich die Menschen zu Herden zusammengedrängt, um sich gegenseitig zu bestärken und zu stützen. Um aus ihren einzelnen persönlichen Zweifeln eine gemeinsame Sicherheit zu machen.
Was tun wir aber jetzt mit der Wahrheit? Die Wahrheit — jetzt ist sie ja für jene der Feind. Freilich, das gestehen sie nicht ein. In einem stillschweigenden Übereinkommen nennen sie Wahrheit das widerliche Gemisch von ein bißchen Wahrheit und vieler Lüge, wobei das bißchen Wahrheit dazu dient, die Lüge zu übertünchen, die Lüge und die Knechtschaft, die ewige Knechtschaft... Nicht die Monumente des Glaubens und der Liebe sind die dauerhaftesten, sondern weit mehr jene der Knechtschaft. Reims und das Parthenon stürzen in Ruinen, aber die Pyramiden Ägyptens inmitten der Wüste, den Luftspiegelungen und dem wandernden Sand trotzen den Jahrhunderten... Wenn ich an die Tausende unabhängiger Menschen denke, die der Geist der Knechtschaft im Laufe der Jahrhunderte verschlungen hat — die Ketzer und Revolutionäre, die Unbotmäßigen gegen Staat und Kirche —, so wundere ich mich nicht mehr über die Mittelmäßigkeit, die nun über der Welt wie eine dicke fettige Brühe schwimmt...
Wir aber, die wir uns noch auf der düstern Oberfläche halten, die wir noch nicht untergetaucht sind, was sollen wir gegenüber dieser unbarmherzigen Welt tun, wo ewig der Starke den Schwächeren zermalmt und ewig wieder einen noch Stärkeren findet, der ihn seinerseits vernichtet? Sollen wir uns aus schmerzlichem Mitleid und aus Ermüdung zur freiwilligen Hinopferung entschließen, oder sollen wir mittun an der ewigen Erdrückung des Schwachen, ohne innerlich nur den Schatten einer Erkenntnis zu haben von der blinden Grausamkeit des Weltalls? Was bleibt uns denn sonst noch? Sollen wir etwa versuchen, uns aus dem hoffnungslosen Kampf wegzuschleichen aus Egoismus oder aus Weisheit, die ja doch nur eine andere Form des Egoismus ist?...“
In dieser Krise ätzenden Pessimismusses, die Clerambault in jenen Monaten der menschenfremden Isolierung durchwühlte, sah er überhaupt keine Möglichkeit des Fortschrittes mehr, jenes Fortschrittes, an den er einst geglaubt hatte wie andere an den lieben Gott. Jetzt sah er die menschliche Rasse einem mörderischen Geschick rettungslos geweiht. Nachdem sie soviel andere Wesen auf ihrer Erde vernichtet hatte, war es ihr Schicksal, sich nun mit eigener Hand zu vernichten und damit ein Gesetz der Gerechtigkeit zu erfüllen. Denn der Mensch ist Herr dieser Erde nur durch Raub, durch Betrug und Kraft geworden (hauptsächlich aber durch Betrug), wertvollere Wesen, als er ist, sind vielleicht, gewiß sogar, unter seinen Schlägen hingeschwunden, die einen hat er zerstört, die anderen erniedrigt, zu Tieren gemacht. Seit den Tausenden von Jahren, die er das Dasein mit den andern Wesen teilt, tut er so, als verstünde er sie nicht (er lügt), als wüßte er nicht, daß sie zu ihm Bruderwesen wären, leidend, liebend und träumend wie er. Um sie besser ausbeuten und ohne Gewissensbisse quälen zu können, hat er sich von seinen geistigen Führern bestätigen lassen, daß diese Wesen nicht denkfähig seien, daß er allein dieses Privileg besitze. Heute ist er nicht mehr weit davon entfernt, dies auch von den anderen Menschenvölkern zu sagen, die er bekämpft und vernichtet... Henker! Henker, du bist mitleidslos gewesen. Mit welchem Recht verlangst du heute Mitleid für dich?
§
Von den alten Freundschaften, die einst zum Kreise Clerambaults gehört hatten, war ihm eine einzige noch geblieben, die mit Frau Mairet, deren Mann vor kurzem im Argonnenwald gefallen war.
François Mairet, der noch nicht das vierzigste Lebensjahr erreicht hatte, als er unbemerkt im Schützengraben zugrunde ging, war einer der ersten französischen Biologen, ein bescheidener Gelehrter, ein großer Arbeiter gewesen, in dem ein geduldiges Genie schlummerte, das der Ruhm später gewiß entdeckt hätte. Er hatte aber gar keine Eile, den Besuch dieser schönen Dirne zu empfangen, man teilt ja ihre Gunst mit zu vielen Undankbaren. Ihm genügte die stille Freude, die die innige Beziehung zur Wissenschaft ihren Auserwählten gewährt, und ein einziges Herz auf Erden, um diese Freude mit ihm gemeinsam zu genießen. Seine Frau war die Hälfte all seiner Gedanken. Ein wenig jünger als er, aus Hochschulkreisen stammend, gehörte sie zu jenen ernsten, liebevollen, zugleich schwachen und stolzen Seelen, die das Bedürfnis haben, sich hinzugeben, die sich aber nur ein einzigesmal hingeben können. Sie lebte ganz im geistigen Leben Mairets. Vielleicht hätte sie ebensogut das eines anderen Mannes teilen können, wenn die Umstände sie mit ihm verbunden hätten. Aber sobald sie Mairet geheiratet hatte, hatte sie ihn restlos geheiratet. Wie viele Frauen, und gerade die besten von ihnen, befähigte sie ihre Intelligenz, gerade den zu verstehen, den ihr Herz erwählt hatte. Sie hatte sich zu seiner Schülerin gemacht, um seine Gefährtin zu werden, sie nahm Teil an seiner Arbeit, an seinen Experimenten. Kinder hatten sie keine. Ihre Gemeinschaft war eine der Gedanken. Beide waren sie freie Geister, voll hoher freigeistiger und übernationaler Ideale.
Als im Jahre 1914 Mairet einberufen wurde, folgte er dem Rufe, bloß um seiner Pflicht zu genügen, aber ohne innere Täuschung über die Sache, die der Zufall der Zeiten und der Vaterländer ihm zu vertreten auferlegte. Von der Front sandte er stoische und klare Briefe. Nie hatte er aufgehört, den Krieg als etwas Erbärmliches zu betrachten, aber er glaubte sich zum Opfer verpflichtet aus Gehorsam gegen das Geschick, das ihn eben den Irrtümern, den Leiden und Kämpfen jener armen Menschenrasse beigemengt hatte, die sich langsam einem unbekannten Ziel entgegen entwickelte.
Er kannte Clerambault. Familienbeziehungen in der Provinz, aus der Zeit, ehe die einen oder die anderen nach Paris übersiedelten, waren die Grundlage ihres freundschaftlichen Verhältnisses geworden, das eigentlich mehr dauerhaft war als intim — denn Mairet gab nur seiner Frau sein Herz hin — dessen unzerstörbare Grundlage aber eine beiderseitige reine Achtung war.
Seit Kriegsbeginn hatte jeder einzelne mit seinen Sorgen zu tun, und sie hatten nicht in Korrespondenz gestanden. Die draußen im Felde schickten nicht Briefe an viele Freunde herum, sie konzentrierten sie auf ein einzelnes Wesen, dem sie dann alles sagten. Mairet hatte mehr als jemals seine Gefährtin zum einzigen Verwalter seines Vertrauens gemacht, seine Briefe waren ein Tagebuch, wo er gewissermaßen mit lauter Stimme dachte. In einem seiner letzten Briefe sprach er von Clerambault. Er hatte von seinen ersten Artikeln durch die nationalistischen Zeitungen (die einzigen, die an der Front geduldet wurden) erfahren, die zu polemischen Zwecken Auszüge daraus brachten. Er schrieb seiner Frau, welche Erleichterung er bei diesen Worten eines anständigen und empörten Mannes empfunden hätte, und bat sie, Clerambault wissen zu lassen, daß seine alte Freundschaft für ihn dadurch nur noch inniger und wärmer geworden sei. Kurze Zeit darauf fiel er, noch ehe er die folgenden Aufsätze erhielt, die er seine Frau gebeten hatte ihm zu senden.