Als er hingegangen war, suchte sie, die einzig für ihn lebte, sich jenen Menschen zu nähern, die ihm in den letzten Stunden seines Lebens nahegestanden hatten. Sie schrieb an Clerambault. Er, der sich in seinem Provinzwinkel innerlich verzehrte, ohne die Energie zu finden, sich daraus loszureißen, empfing den Ruf der Frau Mairet wie eine Erlösung. Er kam nach Paris zurück. Es bedeutete für sie beide ein bitteres Wohlgefühl, gemeinsam das Wesen des Dahingegangenen wieder zu erwecken, und sie teilten es sich so ein, daß sie sich einen Abend jeder Woche einzig dafür frei hielten, um gemeinsam mit ihm beisammen zu sein. Clerambault war der einzige aus dem Freundeskreis Mairets, der die geheime Tragödie eines Opfers verstehen konnte, das von keinem vaterländischen Wahn künstlich vergoldet war.

Zuerst fühlte Frau Mairet eine Erleichterung darin, ihm alles zu zeigen, was sie empfangen hatte. Sie las ihm die Briefe vor, die vertraulichen Mitteilungen seiner Enttäuschung. Mit Ergriffenheit durchschritten sie seine Gedankenkreise und kamen dazu, alle die Probleme aufzurollen, die den Tod Mairets und jenen von Millionen anderer verschuldet hatten. Nichts konnte Clerambault bei dieser unerbittlichen Fragestellung zurückhalten. Auch sie war nicht die Frau, einer Suche nach der Wahrheit auszuweichen. — Und doch...

Clerambault bemerkte bald, daß seine Worte ihr ein gewisses Unbehagen verursachten, sobald er laut aussprach, was sie nur zu gut selbst wußte und was die Briefe Mairets feststellten, nämlich die verbrecherische Sinnlosigkeit solchen Sterbens, die Fruchtlosigkeit einer solchen Aufopferung. Sie versuchte, das, was sie ihm anvertraut hatte, gleichsam wieder zurückzunehmen, sie stritt über den Sinn des Wortlautes mit einer Leidenschaft, die nicht immer ganz aufrichtig schien, und gab auf einmal vor, sich gewisser Worte Mairets zu erinnern, die eher eine Übereinstimmung, ja sogar Zustimmung zur öffentlichen Meinung bekundeten. Eines Tages bemerkte Clerambault, als sie ihm einen Brief, den sie schon früher einmal gelesen hatte, wieder vorlas, wie sie über einen Satz hinwegglitt, in dem sich der heroische Pessimismus Mairets deutlich verriet. Und als er darauf bestand, schien sie ein wenig beleidigt. Sie wurde ablehnend, allmählich verwandelte sich ihr peinliches Gefühl in Kälte, dann in Erregtheit, schließlich sogar in eine Art geheimer Feindseligkeit. Es endete damit, daß sie Clerambault mied, und ohne daß ihr Bruch offen eingestanden war, fühlte er, daß sie ihm böse war und ihn nicht mehr sehen wollte.

Denn in gleichem Maße, wie sich die unerbittliche Analyse Clerambaults verschärfte und die Grundlagen der ganzen zeitgenössischen Meinungen negierte, bildete sich bei Frau Mairet ein gegensätzlicher Prozeß im Sinne einer Wiederherstellung idealer Begriffe heraus. Ihre Trauer bedurfte der Überzeugung, daß sie trotz allem irgendeinen heiligen Grund habe. Es fehlte ihr eben der Verstorbene, um ihr zu helfen, die Wahrheit zu ertragen. Denn zu zweien ist selbst die furchtbarste Wahrheit noch eine Freude. Aber für den, der allein zurückbleiben muß, wird sie tödlich.

Clerambault verstand dies, seine bebende Feinfühligkeit spürte, daß er die Frau leiden gemacht hatte, und er fühlte ihr Leiden in sich selbst. Es fehlte nicht viel, so hätte er ihrem Widerstande gegen sich selbst zugestimmt, denn er sah, welch ungeheurer Schmerz in ihr verborgen war und sah zugleich die ganze Kraftlosigkeit seiner Wahrheit, die ihr keine Erleichterung brachte. Ja noch mehr: er sah, daß er einem Leiden, das schon vorhanden war, nur noch ein neues Leiden hinzugefügt hatte....

Unlösbares Problem! Solche unglücklichen Menschen können nicht ohne den mörderischen Wahn leben, dessen Opfer sie sind. Und man kann ihnen den Wahn nicht wegnehmen, ohne ihre Leiden unerträglich zu machen. Familien, die Söhne oder Gatten oder Väter verloren haben, bedürfen eben des Glaubens, es sei für eine gerechte und wahre Sache geschehen. Die lügnerischen Staatsmänner sind gezwungen, diese Lüge um der anderen willen und um ihrer selbst willen aufrechtzuerhalten, denn wenn sie nur einen Augenblick aufhörten, wäre das Leben weder für sie noch für die, über die sie gebieten, erträglich. Der unglückliche Mensch ist eben die Beute seiner eigenen Ideen, und wenn er ihnen auch alles schon hingegeben hat, so muß er ihnen jeden Tag noch immer mehr hingeben, oder er findet unter seinen Schritten das Leere und stürzt hinab.... Was? Nach vier Jahren namenloser Qual und Zerstörung sollten wir zugeben, daß das alles umsonst war...? ... Nicht nur zugeben, daß selbst der Sieg eine Vernichtung wäre, sondern daß er es immer sein muß, daß der Krieg ein Wahnwitz ist und wir uns getäuscht haben.... Niemals! Lieber sterben bis zum letzten Mann. Schon ein einziger Mensch, dem man die Erkenntnis aufzwingt, daß sein Leben sinnlos war, gibt sich der Verzweiflung hin. Wie aber erst, wenn man es einem Volke, zehn Völkern, der ganzen Menschheit sagt?

Clerambault hörte den Schrei der menschlichen Menge:

„Leben um jeden Preis! Retten wir uns um jeden Preis!“

„Aber ihr wollt euch ja gerade nicht retten! Euer Weg führt euch in neue Katastrophen, in eine Unzahl neuer Qualen.“

„Mögen sie noch so arg sein, sie sind doch nicht so furchtbar als das, was du uns darbietest. Lieber mit einem Wahn sterben, als ohne einen Wahn leben! Ohne Wahn, ohne Illusionen leben... das wäre der lebendige Tod.“