Manchmal freilich überflog seine Augen der Schatten des Krieges, der niedrigen und sinnlosen Metzelei, das Bild des toten Sohnes, des verschwundenen Gatten, und mit einem traurigen Lächeln über das Kind hingebeugt, mußte er denken: „Ach, wozu Kinder in die Welt setzen, für eine solche Schlächterei! Was wird der arme Kleine in zwanzig Jahren vielleicht sehen müssen!“
Aber sie, sie dachte nicht daran. Jeder Schatten schwand hin an dem Licht, das von ihr strahlte. Von all den nahen und fernen Sorgen — ach, alle waren jetzt ferne! — nahm sie nichts wahr. Sie strahlte nur: „Ich habe einen Menschen geboren.“ Den Menschen, den Menschen, in dem sich für jede Mutter immer alle Hoffnungen der Menschheit verkörpern.... Trauer und Torheit der Stunde, wo seid ihr? Ach, was tut’s! Er ist es ja vielleicht, er, der sie enden wird! Für jede Mutter ist das Kind ja immer das Wunder, der Heiland!
Erst am Ende seines Besuches wagte Clerambault ein Wort betrübter Sympathie in bezug auf ihren Gatten. Sie tat einen tiefen Seufzer: „Ach, der arme Armand“, sagte sie, „sie haben ihn wohl gefangen genommen.“
Clerambault fragte: „Hast du darüber etwas gehört?“ —
„O nein, aber es ist doch wahrscheinlich.... Ich bin fast ganz sicher.... Man hätte doch sonst was gehört.“ Sie strich mit der Hand wie eine Fliege den peinlichen Gedanken fort („Weg mit dir, wie kommst du daher?“). Und schon trat das kleine Lachen wieder in ihre Augen. „Weißt du“, fügte sie bei, „es ist vielleicht besser für ihn so... jetzt kann er sich wenigstens ausruhen... mir ist es lieber, ihn dort zu wissen als im Schützengraben...?“
Und dann, ganz ohne Übergang, floß das Gespräch wieder zu der weißen Amsel zurück. „Ach, wie wird er selig sein, wenn er mein Kleines, mein Liebes, mein Gotteskind sieht!“
Erst als Clerambault sich zum Fortgehen erhob, ließ sie sich herab, auch daran zu denken, daß es auf dieser Erde noch für andere ein Leiden gäbe. Sie besann sich des Todes Maximes, und sie sagte ihm freundlich irgendein kleines Wort der Sympathie. Wie gleichgültig, wie im Grunde gleichgültig klang es... aber immerhin, es war guten Willens gesagt. Und der gute Wille war etwas so Neues an ihr. Und Wunder über Wunder! Mitten in der Zärtlichkeit, mit der das Glück sie überflutete, sah sie eine Sekunde das müde Antlitz, das müde Herz des alten Mannes. Sie erinnerte sich dunkel, daß er Unklugheiten begangen und dafür Unannehmlichkeiten gehabt hatte, und statt ihn auszuschelten, wie es ihre Pflicht war, gewährte sie ihm schweigend, mit einem großmütigen Lächeln Verzeihung. Wie eine kleine Prinzessin sagte sie zärtlichen Tones, in dem eine gönnerhafte Nuance durchschimmerte: „Beunruhige dich nicht, mein guter Onkel... es wird schon wieder alles in Ordnung kommen... komm, gib mir einen Kuß.“
Und Clerambault ging lächelnd fort, erheitert von der Trösterin, die er hatte trösten wollen. Er fühlte, wie wenig unsere Leiden gegenüber der lächelnden Gleichgültigkeit der Natur sind. Für sie ist es allein wichtig, im Frühjahr zu blühen. Fallet ab, sterbet hin, tote Blätter! Der Baum schlägt nur um so schöner aus, und der Frühling blüht dann für andre.... O Frühling, o du lieber Frühling!
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Aber wie unbarmherzig bist du, Frühling, gegen alle jene, denen du nicht mehr entgegenblühst, für alle, die ihre Geliebten, ihre Hoffnungen, ihre Kraft, ihre Jugend, ihren ganzen Lebenssinn verloren haben!