Die Welt war voll von verstümmelten Seelen und Körpern, die von Bitterkeiten zerfressen waren, die einen um ihres verlorenen Glückes, die anderen, noch Bemitleidenswerteren, um eines Glückes willen, das sie noch gar nicht gekannt hatten und um das man sie in der schönsten Entfaltung ihrer Liebesfähigkeit und ihrer zwanzig Jahre gebracht hatte!

An einem nebelnassen und kalten Januarabend kehrte Clerambault vom Anstellen vor einem Holzlager zurück. Der Menge, innerhalb derer er wartete, bis an ihn die Reihe kam, war schließlich, nachdem sie stundenlang auf der Straße gewartet hatte, mitgeteilt worden, daß heute nichts mehr verteilt werde. An der Tür seines Hauses hörte er seinen Namen aussprechen: ein junger Mann, der einen Brief überbrachte, fragte nach ihm beim Hausmeister. Clerambault trat auf ihn zu. Der junge Mensch schien von der Begegnung verwirrt. Sein rechter Ärmel war an die Schulter aufgesteckt, sein rechtes Auge war unter einer Binde verborgen. Man sah an seiner blassen Farbe, daß er eine monatelange Krankheit überstanden hatte. Clerambault sprach ihn auf das herzlichste an und wollte den Brief entgegennehmen, aber der junge Mann zog ihn rasch zurück und sagte, es sei jetzt nicht mehr nötig. Clerambault lud ihn ein, zu einem Gespräch zu ihm hinaufzukommen. Der andere zögerte und wäre Clerambault ein feiner Beobachter gewesen, so hätte er bemerkt, daß der Besucher von ihm fort wollte. Aber ein wenig langsam im Gedankenlesen sagte er nur gutmütig:

„Es ist ja wahr, ich wohne ein wenig hoch....“

Sofort in seiner Eitelkeit gereizt, antwortete der andere:

„Ich kann noch ganz gut hinaufsteigen.“

Und er begann sogleich die Treppen hinaufzusteigen.

Clerambault merkte sofort, daß er außer seinen anderen Wunden noch eine im Herzen hatte.

Sie setzten sich in seinem ungeheizten Arbeitszimmer zusammen hin. Wie das Zimmer, so war auch ihre Unterhaltung anfänglich kalt. Clerambault konnte von seinem Besucher nur steife, harte, ein wenig unklare Antworten herausbekommen und alle in einem ein wenig gereizten Ton. Er erfuhr, daß jener sich Julien Moreau nannte, daß er Universitätsstudent war und drei Monate im Spital Val de Grace gelegen hatte. Er lebte allein in Paris in einem Zimmer des Quartier Latin, obwohl seine verwitwete Mutter und einige Verwandten in Orleans waren. Er sagte nicht gleich, warum er nicht zu ihnen gezogen war.

Plötzlich, nach einem Schweigen, entschloß er sich zu sprechen. Mit erstickter Stimme, die nur mühsam sich durchzuringen vermochte und erst allmählich weicher wurde, sagte er Clerambault, welche Wohltat ihm die Lektüre seiner Aufsätze gewesen wäre, die ein Urlauber an die Front gebracht hatte, und die dort von Hand zu Hand gingen. Sie entsprachen dem erstickten Schrei seiner Seele: „Nicht lügen!“ Die Zeitungen und die Schriften, die die Schamlosigkeit hatten, der Armee ein verlogenes Bild ihrer selbst zu zeichnen, die gefälschten Briefe von der Front, der schauspielerische Heroismus, die übel angebrachten Scherze und die widerlichen Windbeuteleien jener Drückebergerschriftsteller, die aus dem Tod der anderen pathetische Phrasen drechselten, alle diese Dinge hatten sie in Wut gebracht. Ein Greuel waren für sie die fetten und schmutzigen Küsse, mit denen diese Prostituierten von der Presse sie feucht bedeckten, ein Spott schienen sie ihnen auf ihr Leiden. In ihm, in Clerambault, hatten sie endlich ein Echo gefunden.... Nicht als ob Clerambault sie verstanden hätte, denn keiner, der ihr Los nicht geteilt hatte, konnte sie verstehen. Aber er hatte Mitleid für sie gehabt, er hatte einfach und mit Menschlichkeit von jenen Unglücklichen unter allen Fahnen gesprochen, hatte gewagt, die allen Völkern gemeinsamen Ungerechtigkeiten einmal auszusprechen, die sie alle in gleiche Not getrieben. Er hatte nicht ihre Qual verschwiegen, sondern sie in eine Höhe des Verstandenwerdens erhoben, in der sie erträglich war.

„Wenn Sie wüßten, wie sehr man eines Wortes wahrer Sympathie bedarf! Es hilft nichts, daß man nach alledem, was man gesehen, gelitten und leiden gemacht hat, hart geworden ist, daß man alt geworden ist (es gibt unter uns Grauköpfe mit gekrümmten Schultern), wir sind doch alle in gewissen Augenblicken nur verlorene Kinder, die sich nach ihrer Mutter sehnen, um sich trösten zu lassen. Und die Mütter... Ach, die Mütter, sie sind ja so fern von uns!... Man bekommt von seiner eigenen Familie Briefe, die einen niederschmettern.... Das eigene Blut liefert uns aus.“