Clerambault verbarg sein Gesicht in den Händen und stöhnte.
„Was ist Ihnen?“ sagte Moreau. „Ist Ihnen nicht wohl?“
„Aber Sie bringen mir ja gerade all das Böse, das ich getan habe, in Erinnerung.“
„Sie? Nein, Sie nicht! Die anderen!“
„Ich ebenso wie alle anderen. Wir alle haben Vergebung zu erflehen.“
„Sie sind der Letzte, der das sagen sollte.“
„Ich muß der Erste sein, denn ich bin einer der wenigen, die sich über ihr Verbrechen selbst Rechenschaft ablegen.“
Und er begann mit einer Anklage gegen seine ganze Generation, unterbrach sich aber bald mit einer entmutigten Gebärde.
„Ach, das alles macht ja nichts mehr gut. Erzählen Sie mir lieber, was Sie gelitten haben!“
Es war in seiner Stimme so viel Demütigkeit, daß sich Moreau von Liebe für diesen alten Mann, der sich selbst anklagte, gleichsam überflutet fühlte. Sein Mißtrauen schwand gänzlich hin. Er tat die geheime Tür seiner bitteren und schmerzgeprüften Gedanken auf. Er erzählte, daß er schon mehrmals bis an die Tür dieses Hauses gekommen wäre, ohne daß er sich habe entschließen können, seinen Brief abzugeben (den er übrigens noch immer nicht zeigen wollte). Seitdem er das Spital verlassen, war es ihm nicht möglich gewesen, mit einem einzigen Menschen zu sprechen. Die Leute im Hinterland erbitterten ihn durch die Zurschaustellung ihrer kleinlichen Sorgen, ihrer Geschäfte, Vergnügungen und der Einschränkung ihrer Vergnügungen, sie erbitterten ihn durch ihren Egoismus, ihre Unwissenheit und ihre Verständnislosigkeit. Er fühlte sich unter ihnen fremder als unter den Wilden Afrikas. Übrigens — er unterbrach sich und fuhr dann erst wieder mit befangenen und erregten Andeutungen fort, die ihm nicht aus der Kehle wollten — nicht nur unter ihnen, sondern unter allen Menschen fühlte er sich ein Fremder, denn er sei vom Leben, von der allgemeinen Freude und Arbeit durch seine Gebrechen jetzt für immer abgeschnitten, die aus ihm ein Wrack machten. Es verzehre ihn die törichte Scham, einäugig und einarmig zu sein. Die Blicke eiligen Bedauerns, die er auf der Straße bemerkte, ließen ihn erröten, denn sie waren so von der Seite zugeworfen wie ein Almosen, das man nebenhin gibt, das Antlitz vom widerlichen Schauspiel abgewandt. In seiner aufgereizten Eigenliebe übertrieb er seine eigene Entstellung. Er verabscheute sein Gebrechen, dachte an die verlorenen Freuden, an seine zerstörte Jugend. Wenn er Liebespaare vorübergehen sah, so fühlte er Eifersucht und schloß sich ein, um zu weinen.